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Asylheim-Skandal und Hannelore Kraft: Sie hätte es wissen müssen

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Schockierende Fotos aus einem Flüchtlingsheim in NRW alarmieren die Politik. Hannelore Kraft zeigt sich "fassungslos". Doch fassungslos macht vor allem, wie konsequent die Landesregierung das Problem bislang ignoriert hat.

NRW-Ministerpräsidentin Kraft: Eine Christin schämt sich Zur Großansicht
DPA

NRW-Ministerpräsidentin Kraft: Eine Christin schämt sich

Also sprach Hannelore Kraft vor den versammelten katholischen Würdenträgern: "Ich habe mir nicht vorstellen können, dass in Unterkünften hier bei uns in NRW Flüchtlinge schwer misshandelt worden sind. Ich bin nach wie vor fassungslos, dass so etwas passieren kann. Ich schäme mich dafür, insbesondere auch als Christin."

Nordrhein-Westfalens SPD-Ministerpräsidentin vermochte sich vielleicht nicht vorzustellen, was in den Asylbewerberheimen ihres Landes geschah, aber sie hätte es wissen können. Ja, sogar wissen müssen. Vor vielen Wochen schon berichtete der Burbacher Bürgermeister laut "Süddeutscher Zeitung" im Düsseldorfer Innenministerium von unhaltbaren Zuständen in dem überbelegten Aufnahmelager seines Ortes. Doch es geschah - nichts.

Jetzt aber gibt sich auch NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) überrascht. Er spricht von "Kriminellen", von denen die Sicherheitsdienste durchsetzt gewesen seien, gegen die keine Kontrolle hätte schützen können. Gleichwohl will er künftig Wachpersonal von Polizei und Verfassungsschutz überprüfen lassen.

Keine Kontrolle hätte angeblich das Problem verhindern können - und deshalb gibt es jetzt Kontrollen. Wie das zusammenpasst und wie die Überprüfung rechtlich-praktisch-zehntausendfach funktionieren soll, bleibt vorerst offen.

Hannelore Kraft sagt gerne, man müsse "sich ehrlich machen". Das ist eine gute Sache. Dazu gehörte in diesem Fall aber das Eingeständnis: Ja, das Land hat auf ganzer Linie versagt, als es um den Schutz der Schwächsten ging.

Denn wer zulässt, dass hochdubiose "Sicherheitsfirmen" als Sub-Subunternehmer Wachleute in Asylbewerberheime entsenden, darf sich hinterher nicht wundern, was für Typen da den Schlagstock schwingen. Wer erlaubt, dass vormals langzeitarbeitslose Schulabbrecher für 7,50 Euro die Stunde auf traumatisierte Kriegsflüchtlinge aufpassen, muss damit rechnen, dass einige "Bewacher" ihre Position missbrauchen. Doch vor der hässlichen Realität haben alle die Augen verschlossen: Wer es nicht wissen wollte, kann nun überrascht sein.

Asylbewerber haben keine Lobby. Sie wählen nicht, sie zahlen keine Steuern, sie kosten NRW jährlich Hunderte Millionen Euro. Doch zur Ehrlichkeit gehörte auch: Wenn sich in den Heimen wirklich etwas ändern soll, helfen keine Task-Force und kein Sieben-Punkte-Plan, sondern dann braucht es einfach sehr viel mehr Geld. Ausstattung, Ausbildung, Qualität des Personals haben ihren Preis.

Bloße Betroffenheit ist billig.

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insgesamt 204 Beiträge
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1. langzeitarbeitslose Schulabbrecher
fredadrett 02.10.2014
sind alle böse, schlechte Menschen? Was für eine arrogante Haltung ist das denn?
2.
freespeech1 02.10.2014
Ein guter Artikel. Die Verantwortung liegt bei der Landesregierung, und die darf sich da nicht herausstehlen. Das Betroffenheitsgerede ist nur nervend, reiner Populismus Für solche Brennpunktunterkünfte muss die Polizei zuständig werden. Die untersteht dem Innenminister. Auch das Ablenkungsmanöver mit der Zuschiebung der Schuld auf irgendwelche "Rechte" ist durchsichtig. Nicht "Rechte" tragen die Verantwortung, sondern Frau Kraft. Unangemessen ist auch, wie hier über das Wachpersonal arrogant hergezogen wird. Ich denke, auch mit Universitätsdiplom wären die Wachleute überfordert. Im Artikel steht die Lösung: Geld, Geld, Geld. NRW ist pleite, die Kommunen sind pleite
3. Laienspieltruppe
bronk 02.10.2014
Wie bereits an anderer Stelle erwähnt tun sich Kraft und Jäger vor allem durch bodenlose Inkomepetenz hervor. Beide tragen die moralische und politische Verantwortung (oder gar mehr) für diesen Skandal. Ein Rücktritt wäre das mindeste bei diesem Grad an Organisationsversagen.
4. So ein Unsinn
mariameiernrw 02.10.2014
Glaubt der Autor etwa, dass Hannelore Kraft jeden Bericht liest, der im Innenministerium verfasst wird? Sie wird vermutlich noch nicht mal 1 Prozent der Briefe oder Berichte lesen, die an ihre Staatskanzlei geschickt wird. Außerdem muss das Land hier gar nicht ehrlich sein: Es war es schon. Innenminister Jäger hat bereits die Fehler eingestanden. Natürlich ist es auch Unsinn, dass Asylbewerber keine Lobby haben. Es gibt genug Asylvereine und ein Heer von Anwälten, welche von Asylbewerbern im Prozess gegen den Ablehnungsbescheid mandantiert werden.
5. Soso
Sven 69 02.10.2014
Auch wenn die Kritik der mangelnden Aufsicht gerechtfertigt ist, finde ich die pauschale Diffamierung einer Gesellschaftsgruppe höchst bedenklich. Langzeitarbeitslose Schulabbrecher unter den Grundsatzverdacht zu stellen andere Menschen zu missbrauchen finde ich beschämend und falsch in dieser Diskussion. Ich behaupte auch nicht, dass Spiegel-Redakteure potenziell kleine Kinder essen. Das hilft nicht.
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