Kondompflicht für Pornodarsteller: Die Verkehrspolizei

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Pariser für Los Angeles: Pornodarsteller in der US-Metropole müssen bei Dreharbeiten Kondome tragen - das haben Gesundheitsorganisationen durchgesetzt. Die Sexbranche fürchtet dramatische Einbußen und stilisiert das Thema zu einer Grundsatzfrage. Ist ihre Freiheit in Gefahr?

Pornobranche: Kondomstreit in Los Angeles Fotos
AFP

Ged Kenslea hat nichts gegen Pornos, aber gegen Gesundheitsrisiken am Arbeitsplatz. Deswegen hat er dafür geworben, dass Pornodarsteller in Los Angeles bei Dreharbeiten Kondome tragen müssen.

Joanne Cachapero hat nichts gegen Kondome, aber gegen Kondomzwang. Deswegen ist sie der Ansicht, Pornodarsteller sollten selbst entscheiden, ob sie beim Sex am Set Präservative benutzen.

Cachapero arbeitet für die Free Speech Coalition (FSC), eine Lobbygruppe der US-Pornoindustrie. Kenslea ist Sprecher der Gesundheitsorganisation Aids Healthcare Foundation (AHF). Die beiden Personen und ihre Organisationen stehen sich stellvertretend in einem Konflikt gegenüber, in dem wirtschaftliche Interessen, Fragen der Moral und der Gesundheit untrennbar miteinander verwoben sind.

Vordergründig geht es einfach darum, ob für Sexfilmdarsteller in Los Angeles eine Kondompflicht gelten soll. Doch dahinter steht eine gesellschaftliche Debatte, in der die Bedürfnisse nach Sicherheit und Freiheit aufeinanderprallen: die Sicherheit, die Gesundheit der Darsteller zu schützen - und die Freiheit, Pornos so zu drehen, wie man will.

Derzeit sieht es aus, als hätten sich die Freunde der Sicherheit durchgesetzt. Mitte Januar beschloss der Stadtrat von Los Angeles, Kondome bei allen Pornodrehs in der Stadt zur Pflicht zu machen. Ein Sieg vor allem für die AHF, die jahrelang aggressiv Lobbyarbeit betrieben hatte.

Kondome gelten in der Branche als Verkaufskiller

Nach dem nun beschlossenen Gesetz soll stichprobenartig überprüft werden, ob die Vorgabe eingehalten wird. Eine Zusatzabgabe für Drehgenehmigungen soll die Kosten der Überwachung decken. Allerdings hat es bislang keine Kontrollen gegeben - die Stadt muss erst die Organisation klären. Unklar ist etwa, wer überhaupt kontrollieren soll: Krankenschwestern, Polizei, Feuerwehr?

Bereits jetzt besteht laut den kalifornischen Arbeitsschutzstatuten eine Kondompflicht bei Pornodrehs. Allerdings konnten die Behörden nicht aktiv kontrollieren, sondern nur auf Beschwerden reagieren - und die gab es kaum. "Niemand hielt sich an die alte Regel", sagt AHF-Sprecher Kenslea, "das neue Gesetz macht es einfacher, die Einhaltung durchzusetzen."

Tatsächlich nutzte die Branche das bisherige Schlupfloch allzu gerne. Jetzt geht die Sorge vor Absatzeinbußen um. Denn Kondompornos sind Ladenhüter, darüber sind sich die Produzenten einig. "Die Angst vor Absatzeinbrüchen ist absolut berechtigt", sagt Mark Kernes, Redakteur beim Branchenblatt "Adult Video News" ("AVN").

Als die Industrie 2004 nach HIV-Fällen bei Darstellern auf einmal Kondome benutzte, brachen die Verkaufszahlen so stark ein, dass fast alle Produzenten wieder davon abließen. Die Pornofirma Video Team Productions ging beim Versuch bankrott, Filme zu verkaufen, in denen immer Kondome benutzt wurden. "Wenn kalifornische Pornodarsteller gezwungen sind, Kondome zu benutzen, kaufen die Kunden woanders", sagt FSC-Lobbyistin Cachapero. "Dort gibt es nicht die Branchenstandards wie hier - tatsächlich würde man die Darsteller also größeren Gefahren aussetzen."

AHF-Sprecher Kenslea sagt dagegen, nicht Kondome, sondern die Konkurrenz durch Internet- und Amateurpornos ließen die Umsätze sinken. "Außerdem lässt sich mit Schwulenpornos immer noch gutes Geld verdienen, obwohl in 80 bis 85 Prozent der Filme freiwillig Kondome getragen werden." Es werde einfach ein wenig dauern, bis sich die Kondompflicht durchsetze - ähnlich wie bei der Anschnallpflicht im Auto oder dem Rauchverbot in Restaurants. Kondomfreie Pornos würden die Botschaft senden, nur ungeschützter Sex sei heiß.

"Soll die Kondompolizei am Set patrouillieren?"

Der Streit in Los Angeles ist keine Lokalposse. Die Stadt ist das Zentrum der amerikanischen Pornoindustrie. 3500 Filme und ebenso viele Kompilationen alter Szenen erscheinen jährlich, die Branche erzielt Schätzungen zufolge vier Milliarden Dollar Verkaufserlös. Allein in Los Angeles sichert sie 4000 bis 5000 Menschen den Lebensunterhalt - Darstellern, Make-up-Spezialisten, Beleuchtern, Kameraleuten, Toningenieuren, Produzenten. Viele davon haben sich im San Fernando Valley im Nordwesten der Stadt angesiedelt, das nur halb im Scherz als "San Pornando Valley" bezeichnet wird.

Der Standort Los Angeles bietet viele Vorteile: ständigen Nachschub an Darstellern, die Nähe zur Mainstream-Filmwirtschaft und damit zu Leuten mit Know-how sowie genügend attraktive Drehorte, etwa üppige Villen.

Dank dieser Rahmenbedingungen hat sich die Branche in der Stadt eingerichtet - und kritisiert die Kondompflicht entsprechend heftig. "Was werden sie tun? Die Kondompolizei am Set patrouillieren lassen?", fragt Steven Hirsch von Vivid Entertainment, einer der größten Pornoproduktionsfirmen. Cachapero von der FSC wird grundsätzlicher: "Einvernehmlicher Sex zwischen Erwachsenen sollte nicht von der Regierung reguliert werden."

Kondome könnten Infektionen sogar begünstigen, glaubt sie - etwa, indem es bei langen Szenen durch starke Reibung zu Abschürfungen und damit zu Infektionsherden komme. Bisherige Schutzmechanismen seien ausreichend: Alle 30 Tage würden Darsteller auf Geschlechtskrankheiten getestet, seit 1998 hätten sich nur acht Darsteller bei Drehs mit HIV infiziert. Bei 800 bis 1500 aktiven Darstellern und Hunderttausenden seit 1998 gedrehten Szenen "ist das eine sehr gute Bilanz im Vergleich zu sexuell aktiven Gruppen in der Normalbevölkerung", sagt Cachapero. Und man könne künftig ja auch häufiger testen.

"Tests sind keine Prävention", sagt AHF-Sprecher Kenslea. Die "Los Angeles Times" kommentierte: "Die Analogie wäre, dass man Bauarbeiter regelmäßig auf Gehirnerschütterungen testet anstatt eine Helmpflicht einzuführen." Und HIV sei nur ein Gesundheitsrisiko von vielen. Der Zeitung zufolge haben sich seit 2004 mehr als 4000 Darsteller mit Chlamydien, Gonorrhö oder Syphilis angesteckt. Der ehemalige Pornostar Derrick Burts, der nach eigenen Angaben bei einem Dreh mit HIV infiziert wurde, sagt: "Das bestehende System ist kaputt. Welcher Darsteller würde sich nicht gerne beim Dreh sicherer fühlen?"

Welcher Staat will das Geschäft mit dem Schmuddel-Image?

Tatsächlich werden sich Befürworter der Kondompflicht mit dem Angebot häufigerer Tests kaum besänftigen lassen. "Wenn eine Frau und ein Mann entscheiden, Sex ohne Kondom zu haben, sich dabei zu filmen und das ins Internet zu stellen, heißen wir das nicht gut, aber es ist ihr Recht", sagt AHF-Sprecher Kenslea. Sobald aber für den Geschlechtsverkehr Geld fließe, werde aus dem Kontakt ein Arbeitsverhältnis, und dann gehe es um Sicherheit am Arbeitsplatz.

Gegner der Kondompflicht glauben, Gruppen wie AHF wollten mit der neuen Regel eine verborgene Agenda vorantreiben. So könnten sie laut "AVN"-Redakteur Kernes etwa versuchen, den Markt für die Labortests auf sexuell übertragbare Krankheiten an sich zu reißen - und die Kontrollen von Drehs gleich mit zu übernehmen.

Nun bleiben den Gegnern der Kondompflicht nur zwei Möglichkeiten: Los Angeles verlassen - oder vor Gericht ziehen. Beide Optionen sind wenig attraktiv. Ein Prozess könnte sich Jahre hinziehen. Und bei einem Umzug stellt sich die Frage, wohin es gehen soll. Wer will das Geschäft mit dem Schmuddel-Image haben? Es gibt zwar Produktionen in Miami oder Las Vegas. Aber andere Staaten sind bei weitem nicht so liberal wie Kalifornien. Und nur weil man aus Los Angeles verschwindet, verschwinden die Gesundheitsbedenken noch lange nicht.

Das Thema ist der Stadt längst entwachsen. "Wir werden der Industrie folgen, wo immer sie auch hingeht", sagt Kenslea von der AHF. "Wir wollen das Thema zu einer nationalen Angelegenheit machen."

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insgesamt 143 Beiträge
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1.
loncaros 11.04.2012
Eine starke Lobby verliert in den USA? Sind die Schmiergelder irgendwo hängen geblieben?
2. was der Spiegel verschweigt
elcris 11.04.2012
Zitat von sysopPariser für Los Angeles: Pornodarsteller in der US-Metropole müssen bei Dreharbeiten Kondome tragen - das haben Gesundheitsorganisationen durchgesetzt. Die Sexbranche fürchtet dramatische Einbußen und stilisiert das Thema zu einer Grundsatzfrage. Ist ihre Freiheit in Gefahr? Kondompflicht für Pornodarsteller: Die Verkehrspolizei - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,820156,00.html)
Was der Speigel verschweigt ist daß die AHF - die sogenannte Aids Helathcare Foundation - eine private gay rights organisation ist die hier ihre Konkurrenz plattmacht und dabei ihren reichen Sponsoren auf Kosten er Porno-Industrie hier Aktivität vorspielt. Bevor dieses Gesetz auf massives Betreiben der in Los Angeles einflußreichen AHF zustande kam hat die AHF durch US-typsiches überziehen mit Klagen und politische Strippenzieherei die Aids-Kontroll-Infrastruktur der Kalifornischen Pornoindustrie lahmgelegt und in den Bankrott getrieben. Jetzt wo sie alles kleingebombt habven stellen sie sich hin und verlangen plötzlich bessere Vorsorge - und ratet mal wer dann die ganzen Fördergelder kriegen soll die das Gesetz zwangsweise von der Pornobranche erhebt. Insgesamt ein überaus widerliches Schauspiel, das hier von gay activists auf Kosten der Allgemeinheit veranstatet wird.
3. Lächerliche Argumentation
Stelzi 11.04.2012
Vonwegen die Darsteller sollten oder könnten frei entscheiden! Wenn eine oder einer nur mit Gummi will, dann wird sie oder er eben gegen willigeres Fleisch ausgetauscht. So einfach ist das. Wenn man diese Arbeitnehmer schützen will, dann nur mit Zwang für alle. Und das nun wieder an (geheuchelte) "freedom of speech" zu koppeln ist wahrhaft billig und durchschaubar. Der Beweis: "Als die Industrie 2004 nach HIV-Fällen bei Darstellern auf einmal Kondome benutzte, brachen die Verkaufszahlen so stark ein, dass fast alle Produzenten wieder davon abließen." Geld geht offenbar vor Gesundheit der Darsteller.
4. Recherchepflicht
dr.hammer 11.04.2012
Zitat von sysopAls die Industrie 2004 nach HIV-Fällen bei Darstellern auf einmal Kondome benutzte, brachen die Verkaufszahlen so stark ein, dass fast alle Produzenten wieder davon abließen. Kondompflicht für Pornodarsteller: Die Verkehrspolizei - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,820156,00.html)
Und morgen exklusiv im SPON: Die Liste aller HIV-Fälle in der Branche nach 2004.
5.
Cotti 11.04.2012
Dann müssen sie eben woanders ihre Filmchen drehen.
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