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Shopping-Verzicht im Selbstversuch: "Einmal war es verdammt knapp"

Von Katrin Schmiedekampf

Shopping-Verzicht: Nunu Kallers leerer Warenkorb Fotos
Geli Goldmann

Nunu Kaller war ein Shopaholic, Einkaufen war für sie eine Art Selbsttherapie, wenn es ihr schlecht ging. Dann entschied sie sich für den kalten Entzug: ein Jahr lang keine neue Kleidung, neue Schuhe, neue Taschen. Im Interview erzählt sie, wie ihr der Verzicht bekommen ist.

Früher gab es Momente, in denen Nunu Kaller, 32, ihre Einkäufe vor ihrem Freund versteckt hat. Um später zu behaupten: "Das habe ich schon ganz lange." Sie versuchte zu verheimlichen, dass sie mal wieder einkaufen war. Und erkannte schließlich, dass es so nicht weitergehen konnte. Kaller, die in Wien lebt und für eine Nichtregierungsorganisation arbeitet, stand kurz davor, kaufsüchtig zu werden.

Shoppen, um sich selbst zu belohnen oder um sich eine Freude zu machen - bei Kaller wurden die Abstände immer kürzer, die Belohnungen immer häufiger. Vor allem in Momenten, in denen es ihr schlecht ging, lenkte sie sich so von unangenehmen Gefühlen ab. Und beschloss schließlich, ein Jahr lang keine neuen Kleider, Schuhe oder Taschen zu erwerben.

Um sicherzugehen, dass sie tatsächlich nichts kaufen würde, begann sie ein Blog zu führen, aus dem später ein Buch entstanden ist. Außerdem nahm sie sich vor, mindestens ein Kleidungsstück selbst zu nähen und eines selbst zu stricken. Und sie beschloss herauszufinden, wie unsere Kleider hergestellt werden.

SPIEGEL ONLINE: Am Anfang Ihrer Shopping-Diät haben Sie eine Inventur in Ihrem Kleiderschrank gemacht. Mit welchem Ergebnis?

Kaller: Ich habe alle meine Kleidungsstücke zusammengeworfen. Der Haufen, der dabei entstanden ist, war riesig: Er hatte den Umfang von einem Doppelbett und war an der höchsten Stelle etwa einen Meter hoch. Für mich war das ein Schock. Beim Durchzählen habe ich festgestellt, wie viele Kleidungsstücke ich besitze - und bin auf 33 Jacken und 34 Röcke gekommen. Das hatte sich in etwa 15 Jahren angesammelt. Manche Sachen hatte ich noch nie angezogen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch beschreiben Sie, dass das Nicht-Kaufen auch eine Befreiung für Sie war. Wie kam es dazu?

Kaller: Dieser Gedanke "Ich habe nichts anzuziehen" - der war plötzlich weg. Durch die Kleiderschrankinventur wusste ich ja, dass das nicht stimmt. Anstatt loszurennen und mir etwas Neues zu kaufen, habe ich mir Dinge aus meinem Schrank zusammengesucht, in denen ich mich wohlfühle. Und angefangen, sie anders zu kombinieren. Ich bin kreativer geworden. Außerdem habe ich versucht, mir Sachen selbst zu nähen und zu stricken. Dabei habe ich erfahren, wie unglaublich stolz es einen machen kann, wenn man ein Stück mit seinen eigenen Händen produziert hat.

SPIEGEL ONLINE: Im Internet kann man rund um die Uhr einkaufen. Ist es Ihnen schwergefallen, sich den Klick in den Einkaufskorb zu verkneifen?

Kaller: In den ersten Wochen habe ich mir verboten, da reinzuschauen. Zwischendurch gab es trotzdem Situationen, in denen ich beinahe schwach geworden wäre. Als meine Katze gestorben ist, habe ich zum Beispiel im Netz auf Shopping-Seiten herumgesucht, um mich von meiner Trauer abzulenken. Zum Glück habe ich den Laptop rechtzeitig wieder zugeklappt. Das war verdammt knapp.

SPIEGEL ONLINE: Den Versuch, auf Konsum zu verzichten, gibt es immer wieder. Die Journalistin Meike Winnemuth hat zum Beispiel ein Jahr lang ein blaues Kleid getragen. Warum ist Kleider-Fasten so in Mode?

Kaller: Ich glaube, dass wir alle überfordert sind. Wir haben ständig das Gefühl, etwas Neues kaufen zu müssen. Und es gibt ein so großes Überangebot, dass man keine Orientierung mehr hat. Als ich 13 Jahre alt war, kannte ich zwei oder drei Modeketten. Inzwischen sind es unglaublich viele geworden. Die Sachen werden immer billiger, und dauernd kommt neue Ware dazu - in anderen Farben und Schnitten. So dass man ständig den Eindruck hat, einkaufen gehen zu müssen.

SPIEGEL ONLINE: Der Trend, den Sie beschreiben, nennt sich "Fast Fashion". Haben Sie sich zu Kauf-Rausch-Zeiten gefragt, wie die Sachen eigentlich hergestellt werden?

Kaller: Nein, das habe ich früher erfolgreich verdrängt. Heute muss ich darüber lachen. Ich arbeite seit über vier Jahren für NGOs. Ich versuche, fast nur zu Bioobst und -gemüse zu greifen, ich habe meinen Fleischkonsum extrem verringert, ich fahre in der Stadt so gut wie immer mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Aber wenn es um Kleidung ging, habe ich nicht genau hingehört und das ganz absichtlich. Ich war besessen von dem Wunsch, etwas Neues haben zu wollen. Erst in meinem shoppingfreien Jahr habe ich angefangen, mich darüber zu informieren, wie die Kleidung hergestellt wird.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie bei Ihren Recherchen herausgefunden?

Kaller: Ich weiß inzwischen, dass ein Viertel aller weltweit produzierten Pestizide auf den Baumwollfeldern landet. Die Pflanzen sind nämlich sehr anfällig für Schädlinge, auch gentechnisch verändertes Saatgut wird oft angegriffen. Das bedingt den hohen Chemie-Einsatz. Die Böden werden so völlig verseucht. Auch die Kleider, die wir kaufen, sind extrem belastet: Die Umweltorganisation Greenpeace hat sie in einer Studie auf Schadstoffe hin untersucht und fast überall etwas gefunden. Am meisten erschreckt haben mich aber die Zustände in den Textilfabriken. Seit es einige schlimme Unfälle gegeben hat, wissen wir alle mehr darüber. Und es gibt weitere sehr bedenkliche Aspekte der Kleiderproduktion: Kinderarbeit zum Beispiel. Und dann das Thema Sand-Blasting: Unsere Jeans werden auf alt gemacht. Daran sterben die Arbeiter, weil sie eine Staublunge bekommen. Die Liste ist endlos.

SPIEGEL ONLINE: Verhalten Sie sich heute anders, wenn Sie shoppen gehen?

Kaller: Ich achte darauf, dass ich fast ausschließlich Kleidung kaufe, die fair und im Optimalfall auch ökologisch produziert wurde. Eine Kollegin von mir hat einmal gesagt: Das ökologischste Kleidungsstück ist eines, das nicht produziert wurde. Trotzdem finde ich es in Ordnung, sich hin und wieder etwas Neues zu kaufen. Ich achte dabei inzwischen aber sehr auf Qualität, kaufe nur noch Kleider, die länger als eine Saison halten. Und das schließt eigentlich die ganzen Fast-Fashion-Produkte aus, weil sie einfach wahnsinnig schnell kaputtgehen, egal wie gut man sie pflegt. Beim Einkaufen stelle ich mir neuerdings drei Fragen: Passt mir das wirklich? Brauche ich es wirklich? Und: Gefällt es mir wirklich? Erst wenn ich alle drei Fragen mit "Ja" beantworten kann, gehe ich mit einem Kleidungsstück auch tatsächlich zur Kasse.

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insgesamt 64 Beiträge
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1. Männer-Quote bei Kaufsüchtigen!
SpiDe1500 28.11.2013
In diesem (und vielen anderen Punkten) werde ich Frauen nie verstehen. Shoppen (Kleidung etc.) sorgt bei mir für Stress und Unwohlsein bis hin zur panischen Flucht aus dem kapitalistischen Genusstempel aka Kaufhaus. Muss ich nun auch in Therapie? Hat übrigens nichts mit einer Sozial-Phobie zu tun ;)
2. Konsum
bulma 28.11.2013
Klingt nach einer fantastischen Idee. Ich arbeite seit 4 Jahren im Einzelhandel und kann täglich unser beklopptes Konsumverhalten beobachten. Leute kaufen lieber Teil A, weil es ursprünglich mehr gekostet hat als Teil B, obwohl sie Teil B eigentlich schöner finden. Oder kaufen etwas mit dem O-Ton: "Eigentlich brauche ich es nicht, aber bei dem Preis muss man zuschlagen." Ich habe gerade drei Ikea-Taschen voll mit Kleidung zur Diakonie gebracht und mich noch nie besser gefühlt.
3. .
frubi 28.11.2013
Zitat von sysopGeli GoldmannNunu Kaller war ein Shopaholic, Einkaufen war für sie eine Art Selbsttherapie, wenn es ihr schlecht ging. Dann entschied sie sich für den kalten Entzug: Ein Jahr lang keine neue Kleidung, neue Schuhe, neue Taschen. Im Interview erzählt sie, wie ihr der Verzicht bekommen ist. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/konsumverzicht-nunu-kaller-ging-ein-jahr-lang-nicht-shoppen-a-935131.html
Immer wenn ich selber den Anflug von kommender Konsumgeilheit auf die unnötigsten Sachen spüre, höre ich mir an, was der gute George Carlin über Stuff einst sagte. Die Menschen in Deutschland werden doch immer kapitalistischer. Wer eine Wohnung hat, die nicht mindestens im STandart eines schwedischen Möbelhauses eingerichtet ist, wer keinen 40 Zoll + X TV an der Wand hängen hat und wer weniger als 3 komplette Outfits besitzt ist doch mitlerweile ein Hinterwäldler. Und Frauen schauen doch bei der Partnersuche und auch im Freundeskreis nur nach der Brieftasche. Wahre Werte spielen kaum noch eine Rolle und irgendwann sind alle wieder so emotionslos und kalt, dass jegliche Empathien verloren gehen.
4. Die einen
piet12 28.11.2013
haben einen Fressrausch, die andern sind süchtig nach Süssigkeiten oder Fast Food, wieder andere nach Zigaretten oder Alkohol oder beidem, andere nehmen die ganz harten Drogen und last but not least haben wir den Kaufrausch. Nett, dass die Dame gemerkt hat, dass das ganze nur Ersatzhandlungen sind. Aber meine Hoffnung auf Änderung des allgemeinen Konsumverhaltens ist in etwa so gross wie die Wahrscheinlichkeit, dass Snowden in der BRD Asyl erhält.
5.
Ed Roxter 28.11.2013
Zitat von sysopGeli GoldmannNunu Kaller war ein Shopaholic, Einkaufen war für sie eine Art Selbsttherapie, wenn es ihr schlecht ging. Dann entschied sie sich für den kalten Entzug: Ein Jahr lang keine neue Kleidung, neue Schuhe, neue Taschen. Im Interview erzählt sie, wie ihr der Verzicht bekommen ist. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/konsumverzicht-nunu-kaller-ging-ein-jahr-lang-nicht-shoppen-a-935131.html
Find ich gut, dass die Dame ihren "Moment of Truth" erlebt hat. Wäre schön, wenn sich diese Einstellung verbreiten würde. Ich habe seit jeher nur dann neue Kleidungsstücke gekauft, wenn die alten wirklich völlig unbrauchbar und kaputt gegangen sind - sprich, alle 3-4 Jahre mal eine neue Hose, und möglichst das gleiche Modell. Man vermisst nichts. Und es ist überhaupt nicht schlimm, nicht jeden Tag einen anderen "Style" umher zu tragen. Ich verstehe die Mechanismen der Fast-Fashion - industrialisiert wie alles Andere auch, und im Marketing sehr gut darin, Begehrlichkeiten zu wecken. Ich habe Verständnis dafür, dass meist im Teenageralter derartiges Marketing funktioniert und einen Einfluss auf die Identitätsfindung hat. Gerade junge Mädchen, deren Geschlechterrolle nach wie vor davon geprägt ist, stets chic und schön und adrett und wasauchimmer zu sein, sind hier besonders anfällig. Verantwortungsvoll von den Firmen ist das nicht, aber der Markt regiert... Verantwortungsvoll ist natürlich ebensowenig, wie die Ware produziert wird. Ich empfinde Anerkennung für jeden, der sich beizeiten dieser Spirale entziehen kann und hoffentlich auch anderen Leuten klar macht, dass das Phänomen der "Textilblindheit" ein eingebildetes ist - wenn man so will, ist das wirklich eine klassische Sucht, und zwar eine der schädlichen, nicht zuletzt auch für die, die am anderen Ende der Produktionskette sitzen - Natur und Hungerlohnarbeiter. Und billig ist es. Billig finden die Leute gut. Man kauft sich halt schnell was, man verliert nicht mal viel Geld dabei. Ich bezahle lieber 100 Euro für eine Jeans, die nachweislich und mehrfach zertifiziert fair und ökologisch hergestellt wurde (schamlose Werbung: Nudie Jeans ist hier vorbildlich aufgestellt), und die derart hohen Qualitätsstandards entspricht, dass ich weiß, dass sie mindestens 5, vielleicht eher 10 Jahre, oder möglicherweise noch länger mein Begleiter sein wird. Ich bin beileibe nicht reich, aber der Leitsatz "Wer billig kauft, kauft zweimal" hat seine volle Berechtigung. Und wenn ich 100 Euro für eine 5-10-Jahres-Jeans ausgebe, dann kommt mich das billiger, als alle 2 Jahre 40 oder weniger Euro für eine Billigjeans auszugeben. Und wenn ich doch mal irgendwas nicht mehr brauche, es ausgewaschen ist o.Ä., dann wird's auf dem Flohmarkt verkauft oder einem kleinen Hilfsprojekt gespendet, bei dem ich genau weiß, dass der LKW, auf den ich meinen Karton stelle, dort ankommt, wo er hin soll, und die Sachen wirklich verschenkt werden anstatt verschachert. Es ist SO einfach, sein Leben etwas verantwortungsvoller zu gestalten, ohne dass man auf Lebensqualität verzichten muss.
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