Krankenhaus-Horror "Nun geben Sie doch endlich Ruhe!"

Sie hat Schmerzen und Angst und wünscht sich nichts sehnlicher, als wieder gesund zu werden: Deshalb sucht Merle Hilbk eine große deutsche Universitätsklinik auf - und erlebt dort Hightech-Medizin ohne Menschlichkeit.


"Big is beautiful" - so lautet der euphemistische Slogan, mit dem Kleider in Übergrößen angepriesen werden. Lange Zeit wurde mit diesem Schlagwort auch die Notwendigkeit von Unternehmensfusionen, Spekulationsgeschäften und Shareholder Value begründet.

Operation in einem Krankenhaus: "Die versteht eh kein Deutsch"
Corbis

Operation in einem Krankenhaus: "Die versteht eh kein Deutsch"

Doch es ist nicht schön, schmerzgepeinigt auf eine Institution angewiesen zu sein, die diesem Slogan immer noch huldigt. Es ist alles andere als angenehm, ein Großklinikum in einem Zustand besuchen zu müssen, der keine andere Regung mehr zulässt als den Wunsch, dass diese Schmerzen endlich aufhören mögen.

Die Notaufnahme des Krankenhauses besteht aus einer Kommandozentrale mit hektisch bimmelnden Telefonen und schlecht gelauntem Personal, das mich in ein Zimmer bugsiert, durch Vorhänge in drei Abteile getrennt. Ein Raum ohne Sitzgelegenheiten, weiß und kahl.

Im vorderen Teil liegt eine Kurdin, über deren Körper sich zwei Ärzte beugen. "Können Sie mich hören?", ruft der eine. "Lass mal, die versteht eh kein Deutsch", sagt der andere. Dann wird noch ein bisschen gemurmelt, ein Stethoskop auf die Brust gesenkt, schließlich verlassen die Mediziner den Raum.

Höllische Schmerzen

Mir selbst wird eine Liege ohne Laken im hinteren Teil des Raumes zugewiesen, neben einem älteren, verwirrten Herrn. Ich habe höllische Unterleibsschmerzen - und auf dem Flur schreit eine Afrikanerin. Eine Stimme brüllt zurück: "Jetzt geben Sie endlich Ruhe!"

Das Weinen der Afrikanerin wird lauter. Weißkittel stürmen auf den Flur, packen die Frau, schimpfen. Dann kommt endlich eine junge Ärztin, die bei mir Fieber misst, fast 40 Grad. Dann passiert: nichts mehr.

Ich schleppe mich auf den Flur und bitte um ein Schmerzmittel. Ein Pfleger herrscht mich an, dass ich mich hinlegen soll. Drei Stunden vergehen. Dann werde ich in ein Nebenzimmer mit einem Gynäkologiestuhl gebracht. "Sehen Sie irgendetwas Bedenkliches?", frage ich matt die junge Ärztin. "Genaueres kann ich noch nicht sagen", antwortet sie.

Gegen Abend schlurft ein kräftiger Mann heran, der mich zur Computertomographie (CT) schieben soll, durch ewig lange Gänge und mittels eines Aufzugs, der zehn Minuten lang nicht kommt. Der Mann schimpft unablässig, dass er Tag für Tag viel zu viele Patienten befördern muss. Dann lässt er mich in einem verwaisten Gang stehen. Ich warte.

"Warten Sie auch schon so lange?"

Von der abgehängten Decke über mir hängen Kabel herab. Daneben breiten sich Feuchtgebiete aus, eine kaputte Neonröhre flackert. In einer Ecke hinter meinem Bett sehe ich einen alten Mann in einem Rollstuhl sitzen. "Warten Sie auch schon so lange?", frage ich. "Eigentlich sollte ich auf die Station gebracht werden", murmelt er, sehr leise, als habe er Angst, dass ihn auf diesem leeren Gang jemand hören könnte. "Das war vor drei Stunden." "Und da haben Sie sich noch nicht beschwert?" - "Damit man danach völlig ignoriert wird?"

In diesem Moment wünsche ich mich in eines dieser katholischen Krankenhäuser meiner Heimatstadt zurück, in dem Ordensschwestern den Patienten mild lächelnd die Hand halten. Sogar ein Gebet hätte ich in diesem Moment nicht abgelehnt. Aber es gibt hier keine Schwestern. Nicht einmal ein Kreuz. Nur die ramponierten Flure, die Leere und das Gefühl des Vergessenseins.

Eine Stunde später drückt dann ein Arzt auf meinem Bauch herum und scherzt, als ich zu jammern beginne: "Aah, junge Frau, ich bin hier als Schlächter bekannt!" Leider habe ich den Sinn für Humor schon im Warteraum verloren. Ich werde in eine CT-Röhre geschoben, und dann heißt es wieder warten, auf dem zugigen Gang, auf dem ich mich der Abhol-Service aufsammeln soll.

Nach zwanzig Minuten ohne Schmerzmittel halte ich es nicht mehr aus und schleppe mich allein in die Notaufnahme. "Sie kommen ja ohne Bett", werde ich dort angeherrscht. Da merke ich, dass das ein Fehler war. Denn ab jetzt muss ich stehen.

20 Minuten Bedenkzeit

Gegen 23 Uhr schließlich wird mir auf der Gynäkologie eröffnet, dass man mir "Eierstöcke herausnehmen" will, noch in derselben Nacht. "Ich hätte gerne Bedenkzeit", sage ich. Schließlich habe ich noch keine Kinder. "20 Minuten", sagt der Arzt.

In einem Aufenthaltsraum mit vergilbten Tischchen und von Patienten gespendeten Büchern aus den siebziger Jahren sitze ich und grübele. Dann kommt eine Gynäkologin und bringt mich auf ein Zimmer. "Wir können heute nicht mehr operieren", teilt sie mir mit. "Ich weiß nicht, ob ich das überhaupt will." - "Wir reden ja nur von einem Eierstock", gibt sie zurück. "Der andere übernimmt dann seine Funktion."

Am nächsten Morgen bekomme ich nichts zu essen und zu trinken. Ich soll ja operiert werden, gleich am Vormittag. Gegen Mittag muss ich zu Fuß in die Anästhesie gehen - und warten: Diesmal auf eine Empfangsdame, die sich am Telefon über ihr letztes Date austauscht und die Patienten keines Blickes würdigt.

Zurück auf der Station erfahre ich, dass mir nun doch erst die Nieren punktiert werden sollen. Die CT-Bilder seien unklar. Am späten Abend wird dann ein Operationssaal frei. Nun doch wieder der Eierstock. Von der Nierenpunktion ist keine Rede mehr. Ich bin zu erschöpft, um zu protestieren.

"Patientin verweigert Medikamentation"

Nachts erwache ich mit kleinen Nähten auf dem Bauch. Aber im Besitz beider Eierstöcke. "Wir haben nur ein bisschen sauber gemacht da drinnen bei Ihnen. Sonst ist alles in Ordnung", sagt eine Gynäkologin.

Am Abend ist mein Gesicht dick angeschwollen und knallrot. Ein typisches Anzeichen einer Antibiotika-Allergie. Ich bitte um eine neue Verordnung. "Patientin verweigert Medikamentation", steht später in meiner Akte. Ich werde wütend. Die nicht abstellbare Klimaanlage, die über meinem Bett ein Orkantief erzeugt, kühlt nicht nur mein Mütchen. Ich will nach Hause, aber ich habe Schmerzen.

Am Empfangstresen der Urologie, in die ich mich nach der offiziellen Entlassung aus der Gynäkologie selbständig zu begeben habe, schlägt mir demonstratives Desinteresse entgegen: Eine Schwester stellt mir noch einmal all die Fragen, die ich schon bei der Aufnahme beantwortet habe: Krankenkasse? Größe? Gewicht? Vorerkrankungen? Krankheitsverlauf? Medikamentation? Allergien? Schonkost?

Nach einer Stunde erscheint dann auch ein Arzt in dem schlecht beleuchteten Wartezimmer, in das ich mich und meinen Koffer bugsiert habe. Man habe auf den CT-Bildern im Nachhinein noch eine "Auffälligkeit im Nierenbereich" entdeckt, eine weitere Behandlung sei "dringend anzuraten". Zwei Tage verbringe ich allein in meinem neuen Zimmer, mit Schmerzen im Unterleib und der Ungewissheit, wie es weitergehen wird.

Gespenstisch

Am Wochenende wirkt das Krankenhaus noch ausgestorbener als sonst. Auf den Fluren keine Menschenseele, die Empfangstresen in den Stationen: verwaist. Überall Stille. Es ist, als habe man das Leben aus der ohnehin so kommunikationsarmen Klinik verbannt. Gespenstisch.

Wahrscheinlich wäre ich nicht auf die Idee gekommen, diese Erlebnisse aufzuschreiben, wenn ich das Gefühl gehabt hätte, es handelte sich um einen Einzelfall, eine Verkettung von kleinen Versäumnissen, wie sie auch in anderen Krankenhäusern vorkommen, ein Ergebnis der Gesundheitsreform, des Sparzwanges oder was sonst noch so als Begründung herhalten muss für die zunehmende Lieblosigkeit und für das Verschwinden all dessen, was früher so schön unter dem Begriff der "Pflege" zusammengefasst wurde.

Als Journalistin schämt man sich beinahe, in dieses alte, längst bekannte Klagelied einzustimmen von Krankenhäusern, in denen man zwar geheilt, aber nicht gesund wird. Doch als ich im Kollegenkreis von meinen Erlebnissen erzähle, werden mir Geschichten aus derselben Klinik zugetragen, die die meine bei weitem übertrafen.

Nein, das Problem dieses Krankenhauses ist kein medizinisches. Nicht die Ärzte und Schwestern seien schuld an der Misere, wie mir eine Bekannte erklärte, die in der Klinikverwaltung arbeitet. Das Problem sei die Struktur des Hauses, die vielen Aus- und Untergliederungen, dieser aufgeblähte Verwaltungsapparat: "Die Abteilungen wurschteln getrennt vor sich hin, die Kommunikationswege sind verschlungen. Kaum jemand fühlt sich über seinen Teilbereich hinaus für den ganzen Patienten zuständig."

"Wann hatten Sie Ihren letzten GV?"

Das bestätigte sich in dem Moment, als meine Behandlungen in der Urologie beginnen sollen. Der anvisierte Termin für die Nierenpunktion wird verschoben, ohne dass ich persönlich darüber informiert werde. Auf dem Flur vor dem Behandlungsraum, eine Armlänge von meinem Bett entfernt steht eine junge Muslimin, das Kopftuch tief in die Stirn gezogen. Ein ebenso junger Arzt redet auf sie ein. "Wann hatten Sie Ihren letzten GV?" und: "Haben Sie dabei Kondome benutzt?"

Bis ich aufgerufen werde, darf ich noch ein Arztgespräch über Kehlkopfkrebs miterleben und das Stöhnen einer alten Dame beim Legen eines Venenzugangs. Ein bisschen mehr Diskretion, ein respektvollerer Umgang mit den Patienten kostete die Klinik sicher keinen Cent mehr, denke ich - und werde innerlich so wütend, dass ich kaum noch Schmerzen verspüre, als mir ein Arzt bei vollem Bewusstsein ein unbekanntes Gerät in den Rücken bohrt.

Währenddessen summt das CT, unter dem der Eingriff stattfindet - Hightech-Medizin, wie man sie sicher nicht in jedem Krankenhaus geboten bekommt. Wie gesagt: Es gibt durchaus Gründe, sich in diesem Krankenhaus behandeln zu lassen, Menschlichkeit gehört nicht dazu.

"Dafür ist eine andere Abteilung verantwortlich"

Als ich zehn Tage nach meiner Entlassung zur CT-Nachuntersuchung einbestellt werde, bekomme ich zwar einen Stapel wunderschöner Bilder in die Hand gedrückt, aber keinen Befund. "Dafür ist eine andere Abteilung verantwortlich. Und dort erreichen wir heute keinen mehr", heißt es. Vier Tage warte ich mit bangen Fragen im Kopf. Dann krampft es in der Nierengegend.

Unbedenklich, das sei der Heilungsprozess, wie der Arzt in der Notaufnahme eines anderen Krankenhauses meint. Einem kleinen, konfessionellen Haus, nur ein paar Autominuten von der Uniklinik entfernt. Der Warteraum ist hell möbliert, es gibt Wasser und gepolsterte Sitzgelegenheiten. Im Gang davor breitet ein Muslim seinen Gebetsteppich unter einer Yuccapalme aus. Eine Nonne huscht vorüber, nickt zuerst dem Mann, dann uns Wartenden aufmunternd zu. Dann holt mich auch schon der Urologe zur Untersuchung ab.

Als ich das Krankenhaus wenig später mit einem Rezept verlasse, fühle ich mich besser.



Forum - High-Tech-Medizin ohne Menschlichkeit?
insgesamt 219 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Preston, 24.03.2009
1. "Doktor Frankenstein" als Vorbild
Der Artikel beschreibt exakt, was ich selbst schon erlebt habe (als Mann); offenbar sind deutsche Ärzte nur dann "Spitze", wenn sie Experimente durchführen - oder Leichen ausstopfen können (siehe Dr. Frankenstein). Mit lebenden Patienten zu arbeiten, ist nicht so ihr Fall. Was nützt einem die teuerste High-End-Medizin, wenn man dabei von einem Metzger behandelt wird?
MiepMiep 24.03.2009
2. Komisch..
... ich war schon oft im Krankenhaus (als Patient, Besucher, im Zivildienst), aber sowas habe ich niemals erlebt... Nun bin ich auch nicht der Typ, der sich so behandeln lassen würde... naja, wer's mit sich machen läßt...
Pablo alto, 24.03.2009
3. Ross und Reiter nennen
Zitat von sysopSie hat Schmerzen und Angst und wünscht sich nichts sehnlicher, als wieder gesund zu werden: Deshalb sucht Merle Hilbk eine große deutsche Universitätsklinik auf - und erlebt dort High-Tech-Medizin ohne Menschlichkeit. Wie kann moderne Medizin besser auf den Menschen abgestimmt werdenß
Was ich an diesem Artikel nicht verstehe ist, warum werden die Stadt, die Klinik nicht mit Namen genannt. Wenn der erschütternde Erfahrungsbericht wahr ist - wovon ich ausgehe -, muss man auch nichts befürchten. Diese pseudodiskrete Anonymisierung macht das Ganze so ein bisschen unwirklich, irgendwie abgehoben von der Realität, die immer konkret und immer subjektiv ist. Ich selber habe überaus gute Erfahrungen mit der Notaufnahme einer Universitätsklinik gemacht: der des UKE in Hamburg.
Axelino, 24.03.2009
4. nur Interesse an der Abrechnung
Den Bericht kann ich voll bestätigen. 4 Stunden Wartezeit, dann sage und schreibe 10 Minuten Formulare ausfüllen, der Arzt tippt minutenlang in seinen Computer. Dann schließlich die Untersuchung, dauert 30 Sekunden und endet mit einem Achselzucken. Hauptsache die Abrechnung stimmt.
Herr P., 24.03.2009
5.
Bei Leibe kein Einzelfall wie man hier http://www.klinikbewertungen.de/ gut nachlesen kann.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.