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Krankenkassen-Statistik: Tausende Kinder saufen sich in den Vollrausch

Der Alkoholmissbrauch von Jugendlichen nimmt dramatische Ausmaße an. Laut einer Krankenkassenstudie gibt es rund 20.000 minderjährige Komasäufer, selbst "Kinder kommen mit einem Vollrausch ins Krankenhaus". SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach fordert nun eine Ausweispflicht beim Einkaufen.

Frankfurt am Main - Große Mengen Bier und Schnaps, Jugendliche ohne jede Besinnung, Mägen, die ausgepumpt werden müssen: Immer wieder werden Fälle von extremem Alkoholmissbrauch durch Minderjährige bekannt. Jetzt kommt heraus: Es sind keine Einzelfälle, im Gegenteil. Laut einer Krankenkassenstatistik hat es die Gesellschaft mit einem gefährlichen Trend zu tun.

Jugendliche mit Bierflasche: "Zu laxe Kontrollen durch die Ämter"
DDP

Jugendliche mit Bierflasche: "Zu laxe Kontrollen durch die Ämter"

Nach Angaben der Techniker Krankenkasse nimmt das sogenannte Komasaufen insbesondere bei sehr jungen Jugendlichen zu. "Wir beobachten mit Sorge, dass die Alkoholpatienten immer jünger werden und bereits Kinder unter 15 Jahren mit einem Vollrausch ins Krankenhaus kommen", sagte der Vorstandschef der Techniker Krankenkasse (TK), Norbert Klusen, der "Frankfurter Rundschau".

Erst am Mittwoch waren im westfälischen Paderborn drei Kinder im Altern von elf, zwölf und 13 Jahren besinnungslos auf einem Spielplatz gefunden worden. Sie hatten nach Angaben der Polizei Wodka getrunken.

Nach den der Zeitung vorliegenden Daten von Versicherten der Techniker Krankenkasse stieg zwischen 2007 und 2008 die Zahl der durch Alkoholmissbrauch verursachten Klinikaufenthalte von Kindern unter 15 Jahren deutlich an. Auf alle Versicherten umgerechnet komme man bundesweit auf knapp 2400 Fälle von akutem Alkoholrausch in dieser Altersgruppe. Bei den ganz jungen Alkoholopfern liegen seit zwei Jahren die Mädchen vor den Jungen, berichtet die Zeitung.

Bei den unter 18-Jährigen weisen die TK-Zahlen insgesamt einen Anstieg der Klinikeinweisungen um 174 auf 1765 aus; dies entspreche auf alle Versicherte hochgerechnet einer Gesamtzahl von fast 20.000 minderjährigen Komasäufern, die 2008 im Krankenhaus landeten.

Abiturfeiern enden als chaotische Saufgelage

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach forderte in der "Frankfurter Rundschau" nun schärfere gesetzliche Bestimmungen zur Alkoholabgabe an Jugendliche. Außerdem rügt er "zu laxe Kontrollen durch die Ordnungsämter". Es müsse eine grundsätzliche Ausweispflicht für junge Alkoholkäufer geben, sagte Lauterbach.

Darüber hinaus regte er höhere Strafen für Gastronomen oder Einzelhändler an, die illegal Alkohol an Minderjährige verkaufen: "Hier geht es nicht um Kavaliersdelikte. Wer um seine Lizenz bangen muss, wird sich dreimal überlegen, was er wem verkauft."

Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) kritisierte den zunehmenden Rückzug der Eltern aus der Erziehung. Der wachsende Alkoholkonsum von Jugendlichen sei Ausdruck einer "gesellschaftlich gebilligten Kultur des Kampftrinkens", sagte sie der "Welt". "Ärzte sagen mir, sie werden von Eltern angegangen, wenn sie dezent auf die elterliche Aufsichtspflicht hinweisen", erklärte die Ministerin.

Nach Erfahrung der Polizei enden auch Abiturfeiern immer häufiger als chaotische Saufgelage. Vor allem wegen exzessiven Konsums harter Alkoholika gerieten die Schülerfeste oft außer Kontrolle, sagte der Polizeiinspekteur des Landes Rheinland-Pfalz, Werner Blatt, der Nachrichtenagentur dpa. Anders als früher stehe bei den Abifeiern das Saufen oft im Mittelpunkt. "Da gibt es in der Regel eine 'Druckbetankung': Wer am schnellsten betrunken ist, hat gewonnen", berichtet der Polizeiinspekteur. Häufig endeten die Feiern dann in alkoholbedingten Auseinandersetzungen.

TK-Chef Klusen sieht im Schutz der Jugendlichen eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Es sei ein Problem, "wenn die Bierflasche, das Glas Wein und die Zigarette beim Fernsehen in der Familie immer präsent" seien. Supermärkte, Tankstellen und Gastronomen müssten in die Pflicht genommen, Alterskontrollen verstärkt werden.

wal/dpa/AFP

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Forum - Komasaufen - was muss getan werden?
insgesamt 824 Beiträge
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1.
Adran, 11.04.2009
Zitat von sysopImmer mehr Kinder und Jugendliche betrinken sich maßlos. Brauchen wir strengere Kontrollen beim Verkauf von Alkohol? Oder sind die Eltern in der Pflicht?
Ähm.. Die Kinder machen das einzig richtige.. Sich dieses Land schön saufen. Das es so verrückt ist, dass man sich ins Koma saufen muss, dafür können die Kinder nichts..
2.
Mars05 11.04.2009
Was fehlt sind Aufklärungskampagnen. Raucher werden in der Schule mittlerweile belächelt und die meisten Mädchen wünschen sich einen Nichtraucher als Freund. Das war vor einigen Jahren anders. Alkohol finde ich persönlich weitaus schlimmer als das Rauchen, da es die kognitiven, sensorischen und motorischen Leistungen heftigst beeinflusst. Als solches ist es außerdem schwieriger, sämtliche alkoholbedingte Opfer in Statistiken aufzuführen (gehören Gewalttaten nach Sauforgien dazu? Was ist mit Leberkarzinomen? Autounfällen nach Alkohol am Steuer? Häusliche Gewalt?). Verbote sind sinnlos, da sie nicht eingehalten werden. Aufklärungskampagnen sind weitaus effektiver.
3.
Gertrud Stamm-Holz 11.04.2009
Zitat von sysopImmer mehr Kinder und Jugendliche betrinken sich maßlos. Brauchen wir strengere Kontrollen beim Verkauf von Alkohol? Oder sind die Eltern in der Pflicht?
Aber ich bitte Sie, die Eltern in der Pflicht. Wer verlangt denn sowas? Da saufen sich ein paar Zwölfjährige unter den Tisch und die Eltern sollen dafür verantwortlich sein? Niemals. Kinder kriegen gefälligst nirgends Alkohol zu kaufen. Das hilft allerdings nicht beim bestehenden Kontingent in heimatlichen Gemäuern. Wenn hier die Eltern keine Klarheiten schaffen "ein Schluck Erdbeersekt zu Silvester und Schluss ist", dann hilft alles andere auch nicht. Der Exzess im Alkohol ist nur Ausdruck eines lebenslangen erzieherischen Nichterfolges. Falls Erziehung im eigentlichen Sinn überhaupt jemals stattgefunden hat. Die Kassierin im Supermarkt wird das aber mit Sicherheit richten.
4. kontrollen
bonjour tristesse 11.04.2009
Ich bin gegen Kontrollen. Man sollte die medizinische Behandlung selber zahlen müssen. Volljährige aus der eigenen Tasche und Eltern für ihre Kids. Im generellen sollten auch Brüche, Verletzungen +Alk im Blut zu Eigenbeteilgung führen... und plötlich muss man selbst die finazielle Verantwortung übernehmen, was bis jetzt die Allgemeinheit zu tragen hatte... Man kann ja Promillgrenzen festlegen. ab 2,0 zahlt man z.b. voll.
5. Natürlich sind die Eltern in der Pflicht! Wofür erhalten die eigentlich
Fensterladen 11.04.2009
Zitat von sysopImmer mehr Kinder und Jugendliche betrinken sich maßlos. Brauchen wir strengere Kontrollen beim Verkauf von Alkohol? Oder sind die Eltern in der Pflicht?
Kindergeld etc? Fürs ERZIEHREN anscheinend nicht! Solche REttungswageneinsätze (wieviel kostet so ein einziger Einsatz eigentlich? Ich meine da einen 4-stelligen(!) Betrag im Gedächtnis zu haben!) sowie Behandlungkosten sollten NICHT die Beitragszahler der Krankenversicheurngen tragen müssen, sondern die Eltern, die ihre Erziehungs- und Aufsichtspflicht verletzt haben! Vielleicht fällt einigen Eltern ja dann sogar wieder ein, was die meisten inzwischen vergessen zu haben scheinen: Dass sie VERANTWORTLICH für die Erziehung ihrer Kinder sind! Wer sich dazu nicht in der Lage sieht, sollte eben keine bekommen! Ein wenig finanzieller Schmerz koennte da durchaus hilfreich sein...
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