Krebs bei Zwillingen: Geteiltes Leben, doppeltes Leid

Von Annika Sartor, Frankfurt am Main

Die Zwillinge Renate und Ingrid Müller verbringen ihr Leben gemeinsam - bis sie fast zeitgleich erkranken. Gleiche Krebsart, gleiches Schicksal. Im Abstand von wenigen Wochen quälen sich beide Frauen durch Operationen, Chemotherapien, die Krankheit droht sie zu entzweien. Ein Besuch.

Zwillingsschwestern mit Brustkrebs: Leben und Leiden im Doppelpack Fotos

Der Feind misst 2,4 Zentimeter und trägt einen sperrigen Namen. Eine Kombination aus elf Buchstaben und fünf Ziffern bildet die sogenannte Tumorformel. Für Renate Müller bedeutet das: Brustkrebs. Metastasen in den Lymphknoten der Achseln, sechs Zyklen Chemotherapie, danach Bestrahlung. Als die Ärztin den Verdacht zur Gewissheit macht, erstarrt die 40-Jährige. Jetzt muss sie sterben - davon ist sie im ersten Moment überzeugt.

Einige Wochen später klingelt ihr Telefon. "Ich habe genau das Gleiche wie du", sagt ihre Schwester Ingrid am anderen Ende. Es ist, als hätte jemand die Wiederholungstaste eines grausamen Films gedrückt: Renate und Ingrid sind eineiige Zwillinge. Vier Jahrzehnte haben sie ihr Leben geteilt. Nun teilen sie auch die Krankheit.

Renate Müllers Ohrhänger klimpern, als sie den Kopf schüttelt. "Es ist unfassbar, was man alles erträgt", sagt sie. Zweieinhalb Jahre sind seit der Diagnose vergangen. Inzwischen sind beide Frauen wieder bei Kräften. Dunkle Locken, die ihnen die Chemotherapie nahm, umspielen wieder ihre markanten Gesichter. Wären Renates Haare nicht um einige Zentimeter kürzer als die ihrer Zwillingsschwester, fiele eine Unterscheidung - auch wenn beide das nur ungern hören - äußerst schwer. Kleidungsstil, Lidstrich, Lippenstiftfarbe - alles identisch.

Die Frauen erzählen ihre Geschichte, trinken Espresso, essen Apfelkuchen. Das Stück auf dem Teller wird geteilt.

"Wenn eine von euch krank ist, ist es die andere automatisch auch?"

Im Abstand von zwei Minuten kommen Renate und Ingrid Müller im Dezember 1967 zur Welt. Sie sind unzertrennlich: Bis zum zehnten Schuljahr gehen sie in dieselbe Klasse, bilden nach dem Abitur eine WG. Ihre Führerscheinprüfung bestehen sie am selben Tag. Während des Biologiestudiums gründen die Schwestern eine Kneipe in Würzburg, heute arbeiten beide als Journalistinnen - Ingrid ist Chefredakteurin des Gesundheitsportals Netdoktor in München, Renate Reporterin beim Hessischen Rundfunk. Es ist ein Leben voller Kraft. Die Zwillinge fühlen sich stark.

"Wenn eine von euch krank ist, ist es die andere automatisch auch?" Hundertfach haben Renate und Ingrid diese Frage verneint, abgetan, belächelt. Nun hat der Krebs sie nachdenklich gemacht. Wie konnte die Krankheit zeitgleich bei beiden ausbrechen?

Bislang war niemand in der Familie betroffen. Ein Test auf veränderte Gene, deren Trägerinnen ein erhöhtes Risiko für Brust- und Eierstockkrebs haben, blieb negativ. Allerdings erfüllen Ingrid und Renate einen wichtigen Risikofaktor - beide sind kinderlos. Im Beruf sind sie ständig getrieben, verlangen Höchstleistungen von sich selbst. Vor allem Renates Arbeitszeiten sind ein biorhythmisches Desaster. Aber gleich Krebs?

Renate trifft es im August 2008 als erste. "Malignomverdächtig" lautet der Befund der Ärztin, er katapultiert beide Schwestern aus ihrem Alltag. Der Tumor könnte bösartig sein. Die Schwestern beschließen, erst einmal vom Schlimmsten auszugehen - als Vorsichtsmaßnahme. Ingrid weicht Renate nicht mehr von der Seite.

Das Warten auf das Ergebnis der Gewebeuntersuchung zermürbt. Wie Roboter manövrieren sich die beiden durch den Tag, rauchen, trinken. Nachts streift die Angst durch ihre Träume. Die sonst so verlässliche Welt ist ins Wanken geraten: Ingrid und Renate tauschen ihre Zehn-Zentimeter-Absätze gegen flache Schuhe - "um wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen", sagt Renate.

"Ich habe Krebs, du nicht"

Die Ärzte diagnostizieren bei Renate einen seltenen Tumor, der von den Drüsenlappen ausgeht. Dass die Brust nach der Operation erhalten bleibt, können die Ärzte zunächst nicht versprechen. Chemotherapie und Bestrahlung dauern fast ein Jahr.

Ingrid fällt es schwer, ihre Schwester im Krankenhaus zurückzulassen, sie in fremden Händen zu wissen. Ingrid ist es gewohnt zu bestimmen, das Leben selbst zu lenken. Nun ist sie Zuschauerin. "Ich habe in meinem ganzen Leben nicht so viel geheult", erzählt sie. Ihre Schwester nickt stumm.

Als es nach der Operation darum geht, eine geeignete Chemotherapie für Renate zu finden, führen die Zwillinge erbitterte Diskussionen. Renate zögert, wägt sorgsam zwischen verschiedenen Medikationen ab. Ingrid dringt auf eine rasche Entscheidung, treibt Renate immer wieder an. Sie deutet das Warten ihrer Schwester als Resignation.

Die Frauen werden sich fremd. Beide fühlen sich unverstanden. "Du kannst nicht von Bord hüpfen, bevor das Schiff abgelegt hat", schreibt Ingrid ihrer Schwester in einer E-Mail. Renate fühlt sich bevormundet. "Ich habe Krebs, du nicht", wirft sie Ingrid an den Kopf. "Ihr habt euer altes Leben. Ich bin raus, raus aus dem Leben, raus aus der Gesellschaft." Der Krebs hat die Zwillinge entzweit. Hätte nur eine von ihnen diese existentielle Erfahrung gemacht, sagen die Schwestern heute, wäre die Kluft womöglich für immer geblieben.

Ingrid lässt sich nicht beirren. Sie liest so viele Bücher über Brustkrebs wie sie kann, um sich ihrer Schwester wieder anzunähern. 57.000 Frauen, lernt sie, erkranken in Deutschland jährlich an der Krankheit. Jede achte Frau trifft es irgendwann in ihrem Leben, an einem durchschnittlichen Tag überbringen Ärzte in Deutschland die Diagnose Brustkrebs 200-mal. 200-mal Verzweiflung, 200 zerstörte Leben. 200 Frauen, denen es geht wie Renate.

"Die Angst vor dem kahlköpfigen Krebsmenschen ist groß"

Als Renate die Chemotherapie beginnt, werden sich die Zwillinge auch äußerlich fremd. Eines Tages kann Renate ihre braunrote Mähne büschelweise vom Kopf ziehen. Sie versteckt ihre Shampooflaschen, beobachtet andere Frauen neidvoll beim Friseurbesuch, fühlt sich schutzlos, wenn der Wasserstrahl der Dusche auf ihren Schädel prasselt.

"Die Angst vor dem kahlköpfigen Krebsmenschen im Spiegel ist groß", sagt Renate, "das kann man nicht schönreden." Renate übersteht Übelkeit, Fieber, Knochenschmerzen, muss sogar auf die Isolierstation, weil der Chemiecocktail ihre weißen Blutkörperchen vernichtet.

Doch all dies wird nebensächlich, als sie erfährt, dass ihre Schwester Ingrid denselben Weg gehen muss: gleiche Brust, gleiche Krebsart, gleiches Schicksal.

"Wer kümmert sich jetzt um Renate?", ist die erste Frage, die Ingrid sich stellt, als sie von ihrer eigenen Erkrankung erfährt. Und dann: "Wer wird mir helfen?" Die Angst übermannt sie. Sie wird ihr altes Dasein verlieren, vielleicht auch ihren Job oder gar ihren Partner Jürgen. Sie wird hässlich sein, hilfsbedürftig und schwach. Sie weiß genau, was ihr bevorsteht, sie hat es an Renate gesehen. Ingrid plant ihr Leben genau, reiht Termin an Termin. Schon in der Woche nach der Diagnose soll die Operation stattfinden.

Ingrid durchläuft dieselben Stationen wie Renate. "Ach, Frau Müller, sind Sie schon wieder da?", fragen die Krankenschwestern in der Frankfurter Klinik. Verwechslungen, die sonst immer für Schmunzeln und Verwirrung gesorgt haben, sind auf einmal bedrückend - eine neue Facette des Zwillingsdaseins.

So ähnlich sich die Schwestern bisher waren, so individuell reagieren sie auf ihre Diagnose. Renate nimmt die Krankheit zum Anlass, ihre bisherige Lebensweise zu überdenken, sie macht einen Cut, versucht den Neustart. Sie entscheidet sich für zwei Perücken-Modelle, die mit ihrem alten Ich nichts gemein haben: blond für die guten Tage, braun für alle anderen.

Ingrid klammert sich an ihr altes Leben, verweigert jede Veränderung, besteht sogar darauf, vom Bett aus zu arbeiten. Sie sucht in Perückenläden möglichst echt aussehenden Ersatz für ihre Locken. Nicht einmal zum Schlafen will sie die künstlichen Haare ablegen. Sie will Normalität, keine neugierigen Fragen.

Es ist Ingrids Mann Jürgen, der geduldig zwischen den Frauen vermittelt - und es ist Ingrids Erkrankung, die beide Schwestern schließlich wieder zusammenführt. Ingrid kann nachvollziehen, wie Renate sich in den vergangenen Monaten gefühlt hat. Die Frauen lernen, Entscheidungen der jeweils anderen zu akzeptieren und mitzutragen - auch wenn sie nicht den eigenen entsprechen. Die Zwillinge unternehmen Spaziergänge und Ausflüge, tauschen sich immer wieder über ihre Ängste aus. Jede weiß, wovon die andere spricht. Der Krebs gehört dazu, bei beiden.

In drei Jahren werden Ingrid und Renate die letzte Station der Therapie, eine Anti-Hormon-Behandlung, beendet haben. Weil Hormone ihre Krebszellen wachsen ließen, muss ihre Wirkung von Tabletten blockiert werden. Der Entzug versetzt den Körper jedoch in künstliche Wechseljahre. Während die Medikamente Ingrid nicht beeinträchtigen, klagt Renate über Schweißausbrüche und Schlaflosigkeit. Alle drei Monate müssen die beiden Frauen Kontrolltermine wahrnehmen, alle drei Monate kehrt auch die Sorge zurück. Jede informiert die andere genauestens über anstehende Untersuchungen, der Anruf nach dem Arzt-Besuch ist Pflicht.

Ein Onkologe sagte Renate vor kurzem, sie könne 84 Jahre alt werden. Sie würde ihm gerne glauben.

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insgesamt 15 Beiträge
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1. Äh - hallo ?
altebanane 31.03.2011
Das ist sonst nicht meine Art, aber diesmal muss ich sofort meckern. Was ist denn das für'n Scheiß ? "an einem durchschnittlichen Tag überbringen Ärzte in Deutschland die Diagnose Brustkrebs 200-mal. 200-mal Verzweiflung, 200 zerstörte Leben. " Geht es noch ? Als mir die Ärztin im letzten Jahr die Diagnose überbracht hat, dachte ich jedenfalls an meine Oma. Die hatte BK gehabt, ihre Brust wurde amputiert und fertig. 20 Jahre später starb sie an etwas anderem. Diese Gedanken reichten nicht für "Verzweiflung" aus. Danach bin ich dann zur Arbeit gefahren und habe mein Leben fortgesetzt. Nein, hier ist gar nichts zerstört, außer natürlich die Gewissheit junger Menschen, unkaputtbar zu sein, und meiner Frisur. Sachlichere Informationen für Interessierte bot übrigens am Dienstag der Themenabend Brsutkrebs auf ARTE. Sollte noch in der Mediathek einsehbar sein. So, muss jetzt weiterarbeiten, die hungrigen Mäuler daheim wollen weiterhin gefüttert werden. Und morgen geht's wieder zur Strahlentherapie.
2. Keine Ahnung woher?......
senfdazu 31.03.2011
Zitat von sysopDie Zwillinge Renate und Ingrid Müller*verbringen ihr Leben gemeinsam - bis*sie fast zeitgleich erkranken. Gleiche Krebsart, gleiches Schicksal. Im Abstand von wenigen Wochen quälen sich beide Frauen durch Operationen, Chemotherapien, die Krankheit droht sie zu entzweien.*Ein Besuch. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,753197,00.html
...keine Kinder (Pille) saßen zusammen und rauchten.... Wenn man die gleichen Anlagen hat und die gleichen schädlichen Verhaltensweisen, könnte man doch darauf kommen, dass es möglicherweise dem Rauchen geschuldet ist.......
3. Risiko Kinderlosigkeit
rabauz 31.03.2011
Wobei Kinderlosigkeit wohl einen Risikofaktor darstellt, aber einen relativ geringen.
4. Erbanlagen
seppoppelt 31.03.2011
Ob Krebszellen sich sammeln oder nicht, hängt von vielen Faktoren ab - hier sind hereditäre und/oder genetische Ursachen vordergruendig. Ich wünsche den beiden Damen alles erdenklich Gute und sende eine Umarmung! Ich freue mich, dass sie sich wieder gefunden haben - das bringt hoffentlich heilende Kraft.
5. Und nicht zu vernachlässigen...
pascal 66 31.03.2011
Zitat von senfdazu...keine Kinder (Pille) saßen zusammen und rauchten.... Wenn man die gleichen Anlagen hat und die gleichen schädlichen Verhaltensweisen, könnte man doch darauf kommen, dass es möglicherweise dem Rauchen geschuldet ist.......
...ist die Kombination von Alkohol mit Nikotin - wohl ein viel höheres Risiko als Kinderlosigkeit! Aber bei diesen "alltäglichen" Drogen wird halt sehr oft gerne mal (fahrlässig?) eine Ausnahme gemacht und etwas leichtsinnig darüber hinweggeschaut - leider...
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