Bilderserie mit Krebspatienten "Ich will zeigen, wie grausam diese Krankheit ist"

Ein malaysischer Fotograf pflegte seinen krebskranken Bruder bis zum Tod - und dokumentierte dessen letzte Wochen in schonungslosen Schwarzweißbildern. Im Interview erklärt er, warum er das Leid seines Bruders öffentlich macht.

Von

DPA/ Ahmad Yusni

Der Mann kniet vor der Toilette, sein Körper ist so abgemagert, dass sich die Wirbelsäule wie ein Reißverschluss über den Rücken zieht. Im Vordergrund steht sein Rollstuhl, den er braucht, seit er zum Laufen zu schwach ist. Das Bild zeigt den 33-jährigen Malaysier Mohammed Sani kurz vor seinem Tod.

Nur wenige Wochen vorher hatten die Ärzte einen Keimzelltumor diagnostiziert, binnen Wochen zehrte die seltene Krankheit Sanis Körper völlig aus. Ein anderes Bild zeigt ihn mit müden Augen und einer Atemmaske im Gesicht, ein drittes wie er nach seinem Tod Anfang Januar in seinem Sarg liegt.

Fotografiert wurde er von seinem Bruder, dem Pressefotografen Achmed Yusni. In einer Serie von Schwarzweißbildern zeigt Yusni, wie die Krankheit den Körper seines Bruders zerstört. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt der Fotograf, warum er das Leid seines Bruders öffentlich macht.

Zur Person
  • EPA
    Achmed Yusni ist Fotograf für die Agentur european pressphoto agency (epa). Der 45-Jährige Malaysier begann seine Karriere bei der malaysischen Zeitung "The Sun". Für epa fotografierte er unter anderem bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking, der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika und den Anti-Regierungs-Protesten in Thailand.
SPIEGEL ONLINE: Herr Yusni, Sie haben den Verfall Ihres Bruders bis zu seinem Tod mit der Kamera dokumentiert. Wie kam es dazu?

Yusni: Als mein Bruder krank wurde, zog er aus unserem Heimatort zu mir. Meine Mutter ist alt und hat noch einen Lebensmittelladen, sie konnte ihn nicht pflegen. Ich wusch ihn, massierte ihn und tat alles, um sein Leiden zu mildern. Anfangs machten wir Bilder, in denen er noch gesund aussieht. Wir wollten seine Heilung festhalten.

SPIEGEL ONLINE: Dann verschlimmerte sich der Krebs. Warum machten Sie weiter?

Yusni: Nach der ersten Sitzung seiner Chemotherapie ging es ihm besser, doch für die zweite war er bereits zu schwach. Als klar war, dass er die Krankheit nicht überleben würde, fragte ich ihn, ob ich mit den Fotos aufhören soll. Das wollte er aber nicht. Ich bin eben Fotograf, dafür hatte er Verständnis.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist das die Art, wie Sie sich an Ihren Bruder erinnern wollen?

Yusni: Es ist brutal, diese Bilder anzusehen. Mein Bruder konnte nicht mehr essen und kaum noch schlafen. Und es machte mich traurig, ihm nicht helfen zu können. Gleichzeitig kämpfte er bis zum Schluss aufrecht gegen die Schmerzen und war mir dankbar für meine Hilfe. Daran möchte ich mich erinnern.

SPIEGEL ONLINE: Gab es Bilder, die zu schlimm waren, um sie zu veröffentlichen?

Yusni: Nein, ich habe alle Bilder veröffentlicht. Ich will zeigen, wie grausam diese Krankheit ist. Die Menschen, die die Bilder meines Bruders sehen, sollen daran denken, wie wichtig Krebsvorsorge und regelmäßige Untersuchungen sind.

SPIEGEL ONLINE: Wäre der Tod Ihres Bruders denn zu verhindern gewesen?

Yusni: Wahrscheinlich. Er kam immer wieder mit Bauchschmerzen ins Krankenhaus. Die Ärzte glaubten, er habe Hämorrhoiden und einen Eingeweidebruch. Sie schickten ihn wieder nach Hause. Erst bei einer Kernspintomografie im November wurde der Tumor entdeckt. 39 Tage später war er tot.

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insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
bstendig 29.01.2014
1. Wenn man diese Bilder sieht,
ändert sich plötzlich die Meinung zur passiven Sterbehilfe.
ir² 29.01.2014
2.
Zitat von sysopDPA/ Ahmad YusniEin malaysischer Fotograf pflegte seinen krebskranken Bruder bis zum Tod - und dokumentierte dessen letzte Wochen in schonungslosen Schwarz-Weiß-Bildern. Im Interview erklärt er, warum er das Leid seines Bruders öffentlich macht. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/malaysia-fotograf-veroeffentlicht-bilderserie-von-krebskrankem-bruder-a-946034.html
Was soll dieser Beitrag denn bewirken?? Hier sterben ca. 50% der Leute an Krebs. Ich habe meinen Vater und meinen Schiegervater an Lungen- bzw. Kehlkopfkrebs sterben sehen; meine Tante an einem Gehirntumor. Das letzte was einen Mitteleuropäer noch schocken kann, ist der Krebstod; das ist unser Alltag und mit 50% Wahrscheinlichkeit auch unser individuelles Schicksal...
friedberta 29.01.2014
3. so verstörend
wie die abgemagerten Kinder in Afrika.
earl grey 29.01.2014
4. Krebsvorsorge
Zitat von ir²Was soll dieser Beitrag denn bewirken?? Hier sterben ca. 50% der Leute an Krebs. Ich habe meinen Vater und meinen Schiegervater an Lungen- bzw. Kehlkopfkrebs sterben sehen; meine Tante an einem Gehirntumor. Das letzte was einen Mitteleuropäer noch schocken kann, ist der Krebstod; das ist unser Alltag und mit 50% Wahrscheinlichkeit auch unser individuelles Schicksal...
Dann lesen sie den Artikel noch einmal... da steht eindeutig, dass er bewirken soll, dass die Leute zur Krebsvorsorge gehen - dann könnten viele noch leben.
Abbo Theke 29.01.2014
5. Krebs schert sich nicht um Ländergrenzen
Er ist für alle gleich schlimm @ir². Bei uns kann man wenigstens unter erträglicheren Randbedingungen daran zugrunde gehen, als in ärmeren Ländern. Das ist bei aller Dramatik nicht zu unterschätzen. Aber darum geht es garnicht. Das Anliegen des Fotografen und seines kranken Bruders liegt darin, auf die Krebsvorsorge hinzuweisen. Ich denke schon, dass die Fotos aufrütteln können.
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