Junge Krebspatienten Schön, dass du wieder da bist

Philipp ist 16 und hat Leukämie. Wegen seiner Krankheit kann er nicht in die Schule gehen. Doch dank eines neuen Projekts nimmt er wieder am Unterricht teil - und hat endlich ein Stück seines Alltags zurück.

Johannes Arlt

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Englischstunde in der 10b am Hamburger Gymnasium Meiendorf. Philipp brütet mit drei Mitschülern über einer Gruppenarbeit, es geht um HIV-Erkrankungen in Afrika. "Warte, ich stell' dich noch mal besser ein", sagt ein Junge, schnappt sich eine Fernbedienung und dreht damit eine Kamera auf einem Rollwagen. "Gut so?", fragt er. Philipp nickt. Das Gesicht des 16-Jährigen ist auf einem Flachbildschirm zu sehen, "perfekt!", hören die Mitschüler ihn sagen.

Philipp Mundorf sitzt nicht im Klassenraum: Er hockt auf seinem Bett im Krankenhaus einige Kilometer entfernt. Denn Philipp hat Leukämie.

Am Unterricht kann der blonde Junge nur per Videoschalte teilnehmen. "Ferdinande 2" heißt der Technikwagen, der hilft, "dass ein Stück Alltag in Philipps Leben zurückkehrt", wie es seine Mutter Birgit ausdrückt. Der 16-Jährige lässt sich auch von Zuhause zuschalten. "Es ist, als ob er wieder normal zur Schule geht. Ich mache ihm Frühstück, dann klappt er den Laptop auf, und los geht's", sagt seine Mutter.

"Es ist ein bisschen so wie früher"

In Deutschland erkrankt laut dem Deutschen Kinderkrebsregister eines von 420 Kindern vor dem 15. Geburtstag an Krebs. Neben der Angst, den Schmerzen, dem Kampf gegen die Krankheit leiden Kinder und Jugendliche vor allem darunter, dass sie den Kontakt zu ihren Freunden und Mitschülern verlieren.

Auch Thorben Friccius ist an Krebs erkrankt. Der Achtjährige sitzt in der Kinderkrebsstation des Hamburger Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) vor seinem Laptop. Um ihn herum allerhand Spielzeug: Brettspiele, Bücher, eine Dartscheibe hängt an der Wand, im Flur steht ein Kickertisch. Thorben klappt seinen Laptop auf, öffnet ein Programm und wartet kurz. Auf dem Bildschirm erscheint ein Klassenzimmer, Kinder drehen sich um und rufen: "Hey Thorben, alles klar?" Thorben dreht den Daumen nach oben.

"Ihm war eigentlich immer langweilig, aber nun kann er mit seinen Klassenkameraden sprechen und rumalbern", sagt Thorbens Mutter, "es ist ein bisschen so wie früher." Sogar in der Pause kann er dabei sein. "Die Bedienung ist echt einfach", sagt Thorben. Wann immer er möchte, wählt er sich ein, er bedient den Computer selbstständig. "Mama weiß gar nicht, wie das geht", sagt er und lacht.

Philipp und Thorben nehmen an einem Projekt teil, das an der Uniklinik in Kooperation mit dem US-Unternehmen Cisco Systems und der Firma Avodaq seit gut einem Jahr läuft. Es findet im Rahmen der Hamburger "Smart City"-Initiative statt, die die digitale Entwicklung in der Hansestadt vorantreiben soll. Dabei sollten auch Möglichkeiten für den Krankenhausalltag gefunden werden. Und da kam Gunnar Neuhaus ins Spiel.

Der Diplom-Pädagoge der "Fördergemeinschaft Kinderkrebs-Zentrum Hamburg e.V." und Berater beim Psychosozialen Dienst des UKE hatte schon vor einiger Zeit in Gesprächen mit Patienten von dem Wunsch erfahren, weiter am Schulalltag teilzunehmen. Er experimentierte mit gängigen Videotechniken, mit Mikrofonen im Klassenzimmer, mit Skype, doch das war fehleranfällig. Er konnte seine Erfahrungen in das "Smart City"-Projekt einbringen und arbeitet nun an entscheidender Stelle mit.

Auch in anderen Bundesländern gibt es ähnliche Projekte, darunter "P.U.L.S." des Vereins Hilfe für krebskranke Kinder Frankfurt oder "Klassissimo" vom Bonner Förderkreis für Tumor- und Leukämieerkrankte Kinder.

Fünf Wochen Narkose

Die deutsche Kinderkrebsstiftung gibt einen Leitfaden für Lehrer heraus, in dem sie Hinweise für den richtigen Umgang mit erkrankten Schülern gibt. Neben dem Unterricht in den Kliniken und Hauslehrern empfiehlt die Stiftung auch explizit die Videoübertragung: "Diese Kommunikationsform motiviert zum Lernen und ermutigt Schüler, in den Therapiepausen zur Schule zu gehen", schreibt die Stiftung in ihrem Leitfaden "Wenn ein Schüler Krebs hat...". Das Gefühl dabei zu sein, mitreden zu können, sei eine gute Unterstützung während der Therapie und erleichtere die Reintegration nach der Krankheit.

Für Philipp Mundorf ist das Videoprojekt ein Segen. "Ich kann es überall nutzen, ob von zu Hause oder in der Klinik. Alles was ich brauche, ist Internet", sagt er. Als er die Diagnose Leukämie im vergangenen Oktober bekam, war die Krankheit schon weit fortgeschritten, die Ärzte versetzten ihn für fünf Wochen in eine Langzeitnarkose. Zwei Monate blieb er auf der Intensivstation, erst im Februar konnte er wieder für längere Zeit nach Hause. Von da an bekam er Hausunterricht - für mehr als eine Stunde Mathe in der Woche reichten allerdings laut seiner Mutter die Kapazitäten der Schulbehörde nicht. Dank des Projekts konnte Philipp dann wieder an vielen Fächern teilnehmen und seine Klasse wiedersehen.

Pädagoge Neuhaus sitzt auf einem kleinen Holzstuhl vor Philipps Klasse, gerade ist die Unterrichtsstunde zu Ende gegangen. Noch ist das Projekt in der Testphase, er holt deshalb immer wieder Feedback von den Patienten und ihren Mitschülern ein. Wie sie das Projekt denn finden, fragt er. Sofort gehen die Hände hoch. "Es ist schön, dass er wieder dabei ist", sagt ein Mädchen. "Es schweißt uns als Klasse noch mehr zusammen", sagt ein Junge.

Zwar schafft es Unruhe, wenn Philipp sich mitten im Unterricht einwählt, doch die nehmen Mitschüler und Lehrerin gern in Kauf. "Wenn man ihn nur hört, dann denkt man, er sitzt hinter einem", sagt die 16-jährige Lara: "Und alles ist gut."



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Seite 1
oliver.lohrenz 24.08.2015
1. Tolles Projekt.
Jetzt dürfen nur keine Helikoptereltern dazwischen kommen, die es unverantwortlich finden, Ihre Kleinen dem Anblick ihrer schwerkranken Mitschüler auszusetzen.
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