Kreiswehrersatzämter in Not Soldaten verzweifelt gesucht

Die Wehrpflicht fällt weg, in den Kreiswehrersatzämtern herrscht Tristesse. In Siegen kämpft Amtsleiter Dittrich ums Überleben seiner Behörde: Er trimmt die Kollegen auf Service - auch wenn den derzeit kaum jemand in Anspruch nimmt.

René Achenbach

Von , Siegen


Die 24 Stühle im Eingangsbereich sind gepolstert. Der Stoff, ein verwaschenes Grau-Violett, passt farblich zu den Vorhängen an den Fenstern und dem Linoleum-Fußboden. An den Wänden hängen große Poster mit Motiven von Heer, Marine und Luftwaffe. Info-Blättchen zur "Bundeswehr als Arbeitgeber" liegen herum. Auch in der Truppenzeitschrift "Y" können die drei jungen Männer blättern, die sich an diesem Vormittag auf den bequemen Sitzgelegenheiten weiträumig im Raum verteilt haben. Die Januar-Ausgabe trägt den Titel "Bundeswehr der Zukunft - Umbau für neue Realitäten".

Hier, im Kreiswehrersatzamt Siegen, hat die Zukunft bereits begonnen. Sie kam plötzlich, mit der Mitte Dezember beschlossenen Aussetzung der Wehrpflicht, und sie brachte Umwälzungen ungeahnten Ausmaßes mit sich.

Die letzten Rekruten wurden am 3. Januar eingezogen. Zum 1. Juli soll es mit der allgemeinen Wehrpflicht offiziell vorbei sein. Doch zur Zwangsmusterung wird schon jetzt nicht mehr geladen. Die Kreiswehrersatzämter haben ihre Hauptaufgabe verloren. Entsprechend ruhig ist es auch auf den langen Fluren der Siegener Behörde. Früher wurden 60 junge Männer täglich gemustert - so viele wie nun im gesamten Januar auf freiwilliger Basis.

Karl-Heinz Dittrich ist beunruhigt. Der 60-Jährige leitet seit Oktober das Siegener Amt. Jetzt droht seinem Haus das Aus: Denn von den 52 Kreiswehrersatzämtern in Deutschland werden längst nicht mehr alle gebraucht. Dittrich macht sich Sorgen. "Von vier bis 30 habe ich schon so ziemlich alles gehört", sagt er zu den Spekulationen, wie viele Standorte erhalten bleiben. Der Widerwille ist ihm anzusehen.

Doch Dittrich kämpft. Er will sich bis zum Sommer, wenn konkrete Entscheidungen fallen sollen, mit aller Macht gegen den Untergang seines Hauses stemmen. "Und das werden wir auch schaffen", sagt Dittrich ohne Zögern. "Dann werden wir zwar nicht mehr Kreiswehrersatzamt heißen, aber vielleicht Personalmarketing-Agentur oder Beratungszentrum." Er klingt überzeugt, obwohl es derzeit noch nicht viel potentielles Personal zu beraten gibt.

Einladungen statt Vorladungen

Dittrich steht vor der Mammutaufgabe, einer Behörde quasi über Nacht Service beizubringen. Umdenken ist angesagt: Sie laden keine Menschen mehr vor, sie laden Menschen ein. Sie konkurrieren am freien Stellenmarkt um Interessenten. "Und genau so müssen wir uns jetzt auch verhalten", sagt Dittrich. "Es geht zum Beispiel nicht mehr, dass man jemanden erst mal 90 Minuten warten lässt, bevor die Musterung beginnt." Es ist ein erster Schritt der Erkenntnis.

Auch bei den Musterungsgesprächen wird ab sofort ein anderer Ton angeschlagen: Dienst in heimatnaher Kaserne? Aber gerne doch! Nach Erndtebrück sind es nur etwa 30 Kilometer. Es ist der verzweifelte Versuch, sich für die freiwilligen Bewerber aufzuhübschen, attraktiv zu sein. Nicht alle Mitarbeiter hätten diese 180-Grad-Wende sofort verinnerlicht, heißt es im Kollegenkreis. Den einen oder anderen musste der Chef etwas deutlicher darauf hinweisen.

Stolz führt Dittrich nun durch sein Haus. Er will demonstrieren, wie eine Musterung abläuft, was das Kreiswehrersatzamt leisten kann - und den Gast in seinen Kampf um die Zukunft einbinden. Farbige Streifen an den Wänden des Flures dienen der Orientierung. Rot steht für den medizinischen Bereich. Dittrich folgt dem Farbband in den hintersten Teil des Erdgeschosses. "Hier wartet unser Medizinaldirektor."

"Von Däumchen drehen kann aber keine Rede sein"

Rudolf Schmitz trägt einen Arztkittel und wirkt entspannt. Die vergangen Wochen haben ihm "deutlich weniger" Arbeit bereitet als zuvor. Die schwarze Liege in seinem Untersuchungszimmer vor der Wand mit Postern, die die Anatomie des Menschen zeigen, blieb häufig leer.


Wehrpflicht - Erfahrungen aus sechs Jahrzehnten:

Schmitz kämpft an Dittrichs Seite. Sehtest, Hörtest, Drogentest: "Wir können hier alle wichtigen Untersuchungen machen", sagt er. Auch habe man seit Jahren beste Kontakte zu Fachärzten und Kliniken in der Region. Er wirkt angesteckt vom Optimismus, den sein Amtsleiter verbreitet. Doch auch jetzt ist lediglich ein Freiwilliger in einem der Untersuchungsräume - wenig Arbeit für vier Ärzte.

"Von Däumchen drehen kann aber keine Rede sein", beteuert Schmitz. Er will den Eindruck vermeiden, dass nichts zu tun ist. Nun bleibe mehr Zeit für andere Aufgaben, für interne Fortbildungen - Rückenschule für Mitarbeiter etwa. Es klingt etwas nach Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.

Auch bei den Untersuchungen müssen sich Schmitz und seine Kollegen umstellen. Früher galt es, Drückeberger zu entlarven, gesunde junge Männer mit angeblich chronischen Knieproblemen. Nun stehen die Ärzte vor der Herausforderung, Krankheiten und Beschwerden zu entdecken, die ihnen die Freiwilligen verschweigen. Für welche Aufgaben sind sie nicht geeignet? Diese Frage hat Schmitz zu beantworten. "Manchmal muss man die Leute auch vor sich selbst schützen", sagt er.

Dittrich kommt nun richtig in Fahrt und verkündet, was er in den vergangenen Wochen alles veranlasst hat: Aus dem Stapel der eigentlich Wehrpflichtigen, die nun doch nicht mehr zwangsgemustert werden, hat er seine Mitarbeiter 900 mögliche Interessenten abtelefonieren lassen - ob sie nicht doch vorbeikommen möchten. Freiwillig. Die Ausbeute war überschaubar. Etwa 60 haben das Angebot angenommen. Zum Teil sind sie arbeitslos, haben ihre Lehre abgebrochen und hoffen auf eine zweite Chance bei der Bundeswehr. Die erste Garde ist nicht dabei.

Neben den Anrufen gingen rund 3000 Schreiben an potentielle freiwillige Wehrdienstleistende und Zeitsoldaten in der Region raus. Etwa 200 antworteten bislang, die besonders begehrten Abiturienten waren kaum darunter. Sie sollen nun mit mehr Geld, Bonuspunkten fürs Studium oder freier Heilfürsorge gelockt werden. Letztere bietet mehr als eine normale Krankenversicherung.



insgesamt 122 Beiträge
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Seifen 21.02.2011
1. Ich gehöre zu dem Jahrgang,
der seine Kinder im wehrdienstreifen Alter hat. Alle, die ich kenne und bei der Bundeswehr waren, erinnern sich gern an ihre Dienstzeit. Die militärische Ausbildung hat ihnen später im Zivilleben viel genutzt. Aber alle haben sich mit Erfolg dafür stark gemacht, daß ihre Kinder nicht mehr zur Bundeswehr gegangen sind. Grinsend nehmen wir das Verhalten der jungen Menschen zur Kenntnis.
Gebetsmühle 21.02.2011
2. guttenbergs erbe
Zitat von sysopDie Wehrpflicht fällt weg, in*den Kreiswehrersatzämter herrscht Tristesse. In Siegen*kämpft Amtsleiter Dittrich ums Überleben seiner Behörde: Er trimmt*die Kollegen auf Service - auch wenn den derzeit kaum jemand in Anspruch nimmt. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,745532,00.html
es wird nicht mehr lange dauern, dann werden die ersten nach den hartzis schreien um die an die front zu schicken. da verwette ich haus und hof.
heinrichp 21.02.2011
3. muss sich nicht wundern.
Zitat von sysopDie Wehrpflicht fällt weg, in*den Kreiswehrersatzämter herrscht Tristesse. In Siegen*kämpft Amtsleiter Dittrich ums Überleben seiner Behörde: Er trimmt*die Kollegen auf Service - auch wenn den derzeit kaum jemand in Anspruch nimmt. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,745532,00.html
Da ich selbst aus der Nähe von Siegen komme, freue ich mich das die Siegerländer nicht zur Bundeswehr gehen wollen. Denn wer solche Einsätze wie in Afghanistan befehligt, muss sich nicht wundern.
Kontrastprogramm 21.02.2011
4. keine Freiwilligen
mehr für die Armee ist immer ein untrügliches Zeichen dafür, dass der normale Arbeitsmarkt boomt. Sofern man was gelernt hat.
kristof1234 21.02.2011
5. endlich sparen??
Und ich dachte das wäre der Sinn des Ganzen... Dass der Wehrdienst wegfällt, man 80 % der Kreiswehrersatzämter dicht machen kann und somit endlich Kosten sparen kann?!? Wenn jetzt bald die nächste Meldung kommt "Den Ausbildern bei der Bundeswehr fehlen die Auszubildenden", dann kann man sich ja eigentlich nur noch an den Kopf langen! Ich persönlich bin 24 und halte den Wegfall der Wehrpflicht für sinnvoll... Beim Wehrdienst an sich waren nur die ersten 3 Monate vielleicht für die Jugendlichen interessant, danach gings nur noch darum im Büro zu hocken. Zivildienstleistende waren wohl zu 75% auch nur mit unnötigen Jobs beschäftigt und bedurften einen enormen Verwaltungsaufwand sowohl bei den Behörden als auch bei den Arbeitgebern. Für die Jobs wie ältere Herrschaften durch die Gegend fahren, Glühbirnen austauschen, Essen ausfahren... kann man nun endlich die armen Arbeitslosen in Deutschland heranziehen... Wer nun sagt, dass diese Jobs durch Arbeitslose nicht zu machen sind, dem kann ich auch nicht mehr helfen. Zivildienstleistende verdienen zwar nur 2-3 € die Stunde, arbeiten dafür aber auch nur effektiv 2-3 Stunden pro Tag... Wenn man den Verwaltungsaufwand hinzurechnet sind 7,50 pro Stunde für einen normalarbeitenden Menschen drin. Und ja ich weiß wovon ich spreche!
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