Kreuz.net: Scheinheilige Hassprediger

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Der Tod von Dirk Bach war der als rechtsradikal geltenden pseudo-christlichen Webseite Kreuz.net einen Nachruf wert: Bach brenne nun in der "ewigen Homo-Hölle". Doch diesmal gab es mehr als Empörung, gegen die Betreiber liegen Anzeigen vor. Jetzt müsste man nur noch wissen, wer diese sind.

Hamburg - "Die Seite hat mit der katholischen Kirche in Deutschland nichts zu tun": Das ist eine Klarstellung, die Matthias Kopp, Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, nicht zum ersten Mal deutlich aussprechen muss. Kopp hat das Statement in den vergangenen Tagen vermehrt abgegeben, "gerade noch gegenüber dem ZDF. Viel mehr kann ich dazu nicht sagen".

Seit Jahren zetert und hetzt auf der obskuren, aber geschickt benannten Webseite Kreuz.net eine Gruppe anonymer Autoren gegen Muslime, Schwule, "Protestunten" und alles, was in Kirchenkreisen auch nur ansatzweise fortschrittlich erscheint.

Wobei die Maßstäbe der Kreuz.net-Autoren radikaler kaum sein könnten: Die CSU ist für sie eine "Homo- und Abtreibungspartei". Der erzkonservative Kölner Kardinal Meisner gilt ihnen als "neokonservativer" und "Schwätzer-Kardinal", weil er gegen die noch konservativere Pius-Bruderschaft "plappert" und sich nur "halbherzig" vom "ökumenischen Holzweg" distanziere. "Protestunten" sind für sie gottlose Heiden, Muslime des Teufels. Und natürlich lehnt Kreuz.net auch alles ab, was im Rahmen des zweiten Vatikanischen Konzils beschlossen wurde, um den Katholiken in die Neuzeit zu helfen. Wenn man so will, sind die Kreuznetzer die Taliban unter den Katholiken.

Da ist es so abscheulich wie klar, dass eine Figur wie der Entertainer Dirk Bach von ihnen als "reueloser und deshalb gottverlassener Homo-Gestörter" beschimpft wird, als "Kinderhasser", "Perverser" und "homosexueller Sittenverderber", der "des Todes würdig" gewesen sei. Wörtlich heißt es in einem dieser erschreckenden Machwerke, das am Dienstag anlässlich von Bachs überraschendem Tode veröffentlicht wurde: "Jetzt brennt er in der ewigen Homo-Hölle".

Rechtsradikale? Katholiken? Rechtsradikale Katholiken?

Deutsche Behörden tun sich seit Jahren schwer mit der Bewertung dieser im Gewand einer katholischen Nachrichtenseite daherkommenden Hetzplattform. Beim Verfassungsschutz NRW wird die Seite von der Abteilung beobachtet, der die Observation Rechtsradikaler obliegt. Das passt: Es sind rechtsradikale Glaubensfanatiker, die ihre Nähe zur heftig umstrittenen Pius-Bruderschaft immer wieder zum Ausdruck bringen.

Die Pius-Brüder distanzieren sich derweil von der Hetzplattform, wenn auch nur halbherzig: Auf der Seite sei "nicht alles perfekt", sagte etwa der Pius-Bischof Bernard Fellay in einem Interview 2009, wenn es auch prinzipiell zu begrüßen sei, dass sich da einige bemühten, eine traditionellere Auffassung des Katholizismus zu verteidigen.

Nicht, dass die katholische Kirche in akutem Fortschrittlichkeitsverdacht stünde. Sie steht auch intern unter Druck, leidet unter gegenläufigen internen Entwicklungen: Auf der einen Seite stehen die fortschrittlichen Katholiken mit ihren auf Laienebene immer einflussreicheren Organisationen, die mehr Ökumene, eine Aufhebung des Zölibats und mehr Einfluss und Beteiligung für Frauen in der Kirche einfordern. Ihnen steht ein wachsendes Heer gerade im Klerus immer einflussreicherer Fundamentalisten gegenüber, die mit Gott am liebsten wieder auf Latein parlieren würden, statt in für ihre Gemeinden verständlichen Tönen.

Klar, dass da Absetzungsprobleme zu Radikalen an den Rändern des Glaubensspektrums entstehen. Manche Verteufelung unterscheidet sich zwischen Erzkonservativen und Radikalen nur graduell und im Ton. Wie sehr da auch die offizielle Kirche mit sich ringt, zeigt ihre Auseinandersetzung mit der Pius-Brüderschaft. Zurzeit sind mal wieder alle Kontakte abgebrochen.

Ein Propagandaorgan radikaler Pius-Symphatisanten?

2002 angemeldet, begann Kreuz.net ab 2004, zunächst Nachrichten aus stramm konservativ-katholischer Perspektive zu verbreiten. Der Fokus lag stark auf Österreich, davon abgesehen ähnelte die Seite in Aufmachung, Namensgebung und Themenauswahl stark der Seite Kath.net, die sich ebenfalls "katholische Nachrichten" nennt, als wirklich kirchennah gilt und ihre Wurzeln ebenfalls in Österreich hat.

Ab 2006 begann die Absetzungsbewegung von Kreuz.net, die sich in einer Verschärfung des Tons und einer Radikalisierung in den Inhalten ausdrückte: Sie erfolgte gerade zu dem Zeitpunkt, als ein stark umstrittenes Webangebot der Pius-Bruderschaft vom Netz genommen wurde. Die Hetze gegen Homosexuelle und Muslime wurde nun neben der Unterstützung für die Pius-Brüder zum Hauptthema der Seite.

Mit erheblichem Erfolg: Kreuz.net steht im Alexa-Ranking der populärsten Webseiten Deutschlands inzwischen auf Rang 2660. Das ist nicht gerade Top 10, aber höchst beachtlich, wenn man die eigentliche, kirchliche "Konkurrenz" betrachtet: Kath.net rangiert auf Platz 4695 und ist damit noch deutlich populärer als Katholisch.de, die offizielle Webseite der katholischen Kirche in Deutschland. Die liegt auf dem beschämenden Rang 14.552 und konkurriert da mit regionalen Reifenhändlern und Hobby-Bloggern. Da spielt Kreuz.net in einer ganz anderen Liga.

Protestwelle

Mit den Hetzschriften zu Dirk Bachs Tod - inzwischen gibt es mehrere - haben die Kreuznetzer überzogen. Zeitweilig kamen die Betreiber kaum hinterher damit, die zahlreichen Protest-Postings aus ihren Kommentarspalten zu löschen. "Fast eine Million" Seitenaufrufe, behaupten sie derzeit, habe der Bach-"Nachruf" erreicht. Die Proteste tun sie als "Durchdrehen" von "rasenden Kotstechern" (Kreuznet-Bezeichnung für Homosexuelle) ab.

Womöglich ist das Pfeifen im Walde: Eine solche Protestwelle hat die Webseite noch nicht erlebt. Inzwischen sind mehrere Anzeigen gegen Unbekannt eingereicht worden, und auch die zahlreichen Watchblogs, die vor allem in der Zeit von 2007 bis 2009 sehr aktiv gegen die Hetzerseite agiert haben, werden wieder neu belebt. So einige hatten die Hoffnung mittlerweile aufgegeben, gegen Kreuz.net etwas ausrichten zu können.

Denn im Grunde weiß niemand, wer hinter dem skandalösen Angebot steht. Der WHOIS-Eintrag über die Eignerschaft der Webseite ist die Tinte nicht wert, die man zum Ausdruck brauchen würde: Der dort genannte Verein firmierte ursprünglich angeblich in Kalifornien und sitzt inzwischen ebenso angeblich in Panama. Er ist mit einiger Sicherheit völlig virtuell und einem Statement der österreichischen Bischofskonferenz von 2009 zufolge auch "der katholischen Kirche völlig unbekannt".

Kreuznet ist laut, aber gut versteckt

Der deutsche Bischofskonferenzsprecher Matthias Kopp wusste im gleichen Jahr nur, dass dahinter eine "Kämpfertruppe" stünde, die der katholischen Kirche "das Leben wirklich schwer" mache. Seitdem hat sich nichts geändert - zumindest nicht zum Besseren.

Anzeigen und Beschwerden von Kreuz.net-Gegnern gegen die Provider, auf deren Servern die Webseite gerade gehostet wird, gibt es seit Jahren. Sie sind immer wieder mal erfolgreich, wenn auch nie für lange Zeit: Allein in diesem Jahr wurden die Kreuznetzer mindestens fünfmal zum Umzug gezwungen, hatten ihre Daten zeitweilig in den USA, Rumänien, Frankreich und wieder verschiedenen Orten der USA hinterlegt.

Zurzeit liegen sie bei einem Serviceprovider im Raum Chicago, der darauf spezialisiert ist, Webseiten gegen Angriffe zu schützen und den physischen Ort ihrer Speicherung zu verschleiern. Kreuz.net ist überall und nirgends, was auch die per Anzeige gegen Unbekannt zur Tätigkeit verpflichteten Polizeibehörden in den nächsten Wochen erfahren dürften: Unwahrscheinlich, dass alle Ermittler ihre Anfragen an dieselben Adressaten schicken werden. Kreuz.net auszuheben wäre eine Aufgabe für einen Geheimdienst oder eine internationale Kooperation von Fahndern - ohne das wird es wohl kaum klappen.

Rechtfertigen ließe sich ein juristisches Vorgehen gegen Kreuz.net schon mit der Anklage der Volksverhetzung - Beweismaterial dafür kann man auf der Seite so gut wie täglich sammeln. Dass Kreuz.net durch den selbst vom Zaun gebrochenen Bach-Skandal ins Visier hartnäckigerer Ermittler rückt, ist nach diesem "Erfolg" wahrscheinlicher geworden. Bisher schien sie nur eine von vielen mehr oder minder irren Radikalenseiten zu sein, die im eigenen Saft schmorend vor sich hinhetzten. Diese Wahrnehmung hat sich gerade deutlich verschoben: Mag sein, dass Kreuz.net sich so auch Aufmerksamkeit ganz anderer Art verdient hat.

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