SPIEGEL ONLINE: Frau Käßmann, im rumänischen Sibiu trifft sich die 3. Europäische Ökumenische Versammlung, an der Sie gerade teilnehmen. Gleichzeitig besucht Papst Benedikt XVI. Österreich und zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Ärgert Sie das?
Käßmann: Das Medieninteresse am Treffen in Sibiu wird durch den Papstbesuch in Österreich bestimmt leiden. Aber das ist zu verschmerzen, denn in Sibiu geht es stark um innerkirchliche Beziehungen.
SPIEGEL ONLINE: Mit dem innerkirchlichen Verhältnis zwischen Rom und den evangelischen Kirchen steht es nicht zum Besten. Warum ist man sich im ökumenischen Dialog nicht näher gekommen?
Käßmann: Wenn sich eine Kirche als einzige Weltkirche versteht, ist es sehr schwierig, in einen Dialog einzutreten. Die römisch-katholische Haltung, sie allein sei die heilige Kirche, akzeptieren wir nicht.
SPIEGEL ONLINE: Was sollen dann Bemühungen um eine Annäherung der beiden Konfessionen bringen? Es ist doch klar, dass man sich in wesentlichen Fragen wie der Anerkennung des Papstamtes nicht einigen wird.
Käßmann: Je mehr wir gemeinsam sagen, desto mehr werden wir gehört. Von der Bibel her gibt es den Auftrag, so viel Einheit wie möglich zu leben. Im Dialog mit dem Islam sollten wir mit einer Stimme sprechen. Und gerade da, wo Kirchen kleiner werden, ist es sinnvoll, zusammenzuarbeiten. In meiner Landeskirche haben sich beispielsweise gerade ein kleines katholisches und ein kleines evangelisches Krankenhaus zu einem christlichen Klinikum zusammengeschlossen. So etwas ist ein Hoffnungsschimmer. Doch insgesamt geht mir der ökumenische Prozess viel zu zögerlich voran, etwa in der Abendmahlsfrage für Ehepartner verschiedener Konfession.
SPIEGEL ONLINE: Sie fordern, die großen Kirchen sollten sich gemeinsam zu Themen wie dem Klimawandel äußern. Welche Kompetenz hat die Kirche bei solchen Fragen?
Käßmann: In unseren Reihen gibt es hervorragende Naturwissenschaftler, die an dieser Diskussion sachkundig teilnehmen können. Außerdem: Allein meine Landeskirche hat 8600 Gebäude. Wir können etwa durch Energiegutachten oder Solarzellen auf kirchlichen Gebäuden deutliche Zeichen setzen. Auf kircheneigenem Land können wir auf gentechnisch verändertes Saatgut verzichten. Und wir können unsere Mitglieder ermutigen, Umweltfragen ernst zu nehmen.
SPIEGEL ONLINE: "Solarzellen", "Saatgut" - das sind praktische, weltliche Themen? Haben Sie bei den theologischen Fragen der Ökumene kapituliert?
Käßmann: Noch nicht. Aber ich sage ganz offen: In den nächsten Jahren erwarte ich keinen theologischen Durchbruch. Daher sollten wir jetzt nicht nur aufs Lehrgespräch setzen, sondern uns auf das praktische Christentum konzentrieren.
SPIEGEL ONLINE: Benedikt wird in Österreich wieder gefeiert werden wie ein Popstar - obwohl er unpopuläre Forderungen vor allem in Sachen Sexualethik stellt. Warum?
Käßmann: Die Medien wollen Gesichter und Ereignisse. Und die Menschen lieben es, bei diesen Ereignissen dabei sein. Ich stelle jedoch eine deutliche Diskrepanz fest: Viele wollen sich einen Papstauftritt nicht entgehen lassen. Gleichzeitig wissen wir aber, dass etwa die sexualethischen Forderungen des Papstes nicht unbedingt durchschlagenden Erfolg haben.
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