NS-Dokumentationszentrum München: "Museale Verpackung einer unbequemen Wahrheit"

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Das Münchner NS-Dokumentationszentrum droht zur Blamage zu geraten: Die Landeshauptstadt scheint sich ihrer Nazi-Vergangenheit nicht umfassend stellen zu wollen. Der besonderen Rolle Münchens als Aufstiegsort der NSDAP werde das Museum nicht gerecht, kritisieren Fachleute.

NS-Dokumentationszentrum München: Weißes Haus, brauner Grund Fotos
Getty Images

Bei gutem Wetter werden die Steinvorsprünge der Prachtbauten zum Szenetreff. Bis tief in die Nacht sitzen Nachtschwärmer am Münchner Königsplatz, trinken Bier und lauschen Straßenmusikern. Auf ihrer Homepage wirbt die bayerische Landeshauptstadt damit, dass auf dem Platz "modernes Lebensgefühl, Klassizismus und Antike aufeinandertreffen".

Das städtische Onlineportal verschweigt, dass am Königsplatz einst die Reichsparteizentrale der NSDAP stand, das "Braune Haus". Von hier aus organisierten die Nazis ihren gewaltsamen Aufstieg, 1934 ließ der "Führer" den Königsplatz zum repräsentativen Zentrum des Nationalsozialismus umgestalten - mit Paradeplatz, "Ehrentempel" und "Führerbau". 1945 wurde das "Braune Haus" bei alliierten Bombenangriffen zerstört.

Erst 61 Jahre später, 2006, entschied sich die Stadt München für den Bau eines "NS-Dokumentationszentrums" an dem belasteten Ort. Der Beschluss kostete die Stadtoberen offensichtlich Überwindung. Private Initiativen und der Münchner Architekturprofessor Winfried Nerdinger hatten sich fast 20 Jahre lang um eine solche Ausstellung bemüht. Öffentliche Erinnerung an die braunen Täter in München passte wohl nicht ins Tourismuskonzept.

München scheut die Aufarbeitung seiner Nazi-Vergangenheit

Auf dem Gelände der früheren Parteizentrale soll das Projekt nun entstehen und rund 28 Millionen Euro kosten. Es könnte der letzte große Neubau einer NS-Gedenkstätte in Deutschland sein. Das Unterfangen barg damit eine historische Gelegenheit. Denn das Dokumentationszentrum hätte beispielhaft für eine gründliche Aufarbeitung des Nationalsozialismus sein können - doch jetzt droht die Ausstellung zur Blamage zu geraten, weil München sich seiner Nazi-Vergangenheit nicht umfassend stellen mag.

Die ursprüngliche Direktorin hatte vorgeschlagen, ein aufklärerisches, für die Stadt unangenehmes Konzept umzusetzen und blitzte damit ab. Stattdessen bekommt die Stadt nun eine wenig innovative Ausstellung und vertut eine Chance, die Schrecken der Nazi-Herrschaft aus Münchner Sicht erfahrbar zu machen.

Dabei war die von der Stadt 2009 zur Leiterin der Ausstellung berufene Historikerin Irmtrud Wojak engagiert gestartet. Sie wollte der selbsternannten "Weltstadt mit Herz" einen Spiegel vorhalten: München habe seine "besondere Bedeutung und Funktion als Aufstiegsort der NSDAP" lange verdrängt, formulierte sie in ihrem Entwurf für die Ausstellung. Die Direktorin fragte nach dem "Warum München?": "Warum machte Hitler gerade hier so schnell politische Karriere und wagte erstmals den Griff nach der Macht? Warum wurde gerade vor den Toren der Stadt München das erste nationalsozialistische Konzentrationslager errichtet, und warum war die sogenannte 'Machtergreifung' gerade hier in Bayern derart brutal?"

Doch kurz nachdem die Historikerin im Herbst 2011 ihr Konzept vorgelegt hatte, entband der städtische Kulturreferent Hans-Georg Küppers (SPD) sie von ihren Aufgaben. Die Stadtoberen, so die offizielle Erklärung, hielten die Ideen der Wissenschaftlerin für zu theoretisch und inhaltlich unkonkret. Küppers spricht von "massiven Differenzen in Bezug auf die Ausrichtung" der Ausstellung.

Wojak hatte sich aber zumindest an die Vorgaben des wissenschaftlichen Beirats gehalten. Laut dessen "Empfehlungen für die konzeptionelle Ausrichtung" vom 23. Juni 2006 hatte das NS-Dokumentationszentrum der Frage nachgehen sollen, warum ausgerechnet München zum "Ursprungsort" der NSDAP und "der Schauplatz ihres Aufstiegs" wurde.

Museumsstoff, der kaum etwas Neues bietet

Heute erhebt Wojak schwere Vorwürfe: Sie sagt, der wissenschaftliche Beirat sei "viel eher an einer musealen Verpackung des Themas als an einer Aufklärung unbequemer Wahrheiten und an neuen Erkenntnissen interessiert". Sie plante zu recherchieren, um weitere dunkle Ecken der Stadtgeschichte auszuleuchten, etwa wie Münchner Parteileute nach dem Krieg ihre Karriere fortsetzten. Untersuchen wollte sie auch, wie aus Nachlässen von Nazis der ersten Stunde bis heute ein Projekt der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung finanziert wird.

Bei den Stadträten sei das nicht gut angekommen, sie hätten lieber an das erinnern wollen, was längst bekannt sei, sagt Wojak.

Was die Stadt nun in der neuen Schau mittels moderner Medien zeigen will, ist in unzähligen Veröffentlichungen bereits niedergeschrieben: Der Aufstieg der NSDAP in München, als die Partei zu Beginn der Zwanziger Jahre Veranstaltungen mit jährlich tausenden von Besuchern ausrichtete. Später erkor Hitler die bayerische Metropole zur "Hauptstadt der Bewegung".

Das neue Konzept, von vier Wissenschaftlern unter der Leitung von Initiator Nerdinger innerhalb weniger Monate erarbeitet, habe den "Charakter einer reinen Materialsammlung", kritisiert Jürgen Zarusky, NS-Experte vom Institut für Zeitgeschichte in München, eine "historische Verortung Münchens fehlt". Es ist altbekannter Museumsstoff, der kaum etwas Neues bietet.

Wenig Platz für Inhalt

Eine umfassende Antwort auf die Frage "Warum München?" träfe die Stadt tief. Denn es waren Münchens Biertempel, in denen sich Hitlers Verwandlung vom Versager zum Volkstribun vollzog. Große Wirtshäuser wie der Löwenbräukeller oder das Hofbräuhaus, die noch heute zig tausende Touristen aus aller Welt in ihren Bann ziehen. Die weltberühmten Brauhäuser als Geburtsstätte des deutschen Nationalsozialismus? Keine Geschichte, mit der sich Werbung machen lässt bei den rund 100 Millionen Besuchern, die jedes Jahr in die Stadt kommen.

Doch München hat nicht nur Probleme mit der Ausstellung, sondern auch mit dem Bau. Obwohl sich die Stadt fast sieben Jahrzehnte mit der Realisierung des Dokuzentrums Zeit ließ, hatte sie es mit dem Bau plötzlich eilig. Die Berliner Architekten "Georg Scheel Wetzel" gewannen die Ausschreibung mit einem Würfel aus Weißbeton. Von seinen Fenstern im Obergeschoss blickt der Besucher auf die ehemaligen Nazibauten rund um den Königsplatz. Der weiße Kubus bietet allerdings wenig Platz, deshalb muss sich nun das Konzept der Dokumentation nach der Architektur richten, nicht umgekehrt.

Im Frühjahr 2014 soll das Zentrum eröffnet werden. Über Inhalte wird nicht mehr debattiert, nur noch über die Frage, ob man für die Ausstellung Eintritt verlangen kann oder der Besuch gratis sein soll.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
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kumi-ori 17.11.2012
Die Aufgabe, sich der Vergangenheit im Dritten Reich zu stellen, wird von allen Städten gern outgesourcet. Aller Dings hätte ich von einem Spiegel-Artikel etwas mehr Konkretes erwartet. Die Historikerin ist natürlich beleidigt, dass man ihre These "Die Bierkeller sin dschuld" nicht mit einem großen Museum umbauen möchte. Anderer Seits trafen sich die Gegner der Nazis auch in Bierkellern. Allgemein bekannt ist sicher der Hitler-Putsch aus dem Jahr 1923, bei dem Hitler erst einen Bierkeller gestürmt hat und dann mit einem wackren Häuflein Getreuer von der Rosenheimer Straße bis zur Ludwigstraße gezogen ist. Allerdings waren solche Aktionen in Deutschland zu dieser Zeit mehr oder weniger an der Tagesordnung. Ich bin kein Historiker und kenne die Zeit nur aus Romanen, aber lesen Sie bei Döblin oder Feuchtwanger, dann sehen Sie, dass sich München, Berlin und andere Städte nicht so wahnsinnig voneinander unterschieden haben, was ihre Rolle im Dritten Reich angeht.
2. optional
kumi-ori 17.11.2012
Ich habe zuvor etwas in dem Artikel übersehen. Wenn das ursprüngliche Konzept tatsächlich Informationen darüber bietet, welche Karriere die Funktionäre nach dem Krieg gemacht haben, und hier vor allem Namen und Beweise geliefert werden, denn wäre dies allerdings sehr interessant. Es ist bekannt, dass in München nach dem Krieg viele ehemalige NSDAP-Mitglieder wieder als Lehrer im Schul-Unterricht eingesetzt wurden. Es ist allerdings nie veröffentlicht worden, welche Lehrer dies jetzt waren und welche nicht. So eine Information fände ich extrem wichtig, wichtiger jedenfalls als die einhundertfünfzigste Betroffenheitsshow. Vielleicht kann ja die Historikerin ihre Erkenntnisse (einschließlich Beweisen) in Buchform veröffentlichen.
3. Wozu ein Museum
schandmaul1000 17.11.2012
der Geist ist noch so lebendig in der Stadt und dem Land,da brauchst kein Museum.Die CSU bewahrt das Erbe aufs Feinste.
4. In eigener Sache
jzarusky 17.11.2012
Ich bin ziemlich überrascht, dass ich hier zum Kronzeugen für die "aufklärerische Konzeption" von Frau Wojak gemacht werde. In einem mehr als einstündigen Gespräch mit Felix Bohr habe ich hingegen sehr deutlich gemacht, dass die jetzige Konzeption daran leidet, aus der Not der Eile geboren worden zu sein, weil Frau Wojak innerhalb von zweieinhalb Jahren überhaupt keine konkrete Konzeption für die Gestaltung des NS-Dokumentationszentrums vorgelegt hat, geschweige denn eine öffentliche und fachliche Debatte über die zentralen Fragen, denen dieses gewidmet sein sollte, initiiert hat. Das Papier, das sie kurz vor Ende ihrer Amtszeit vorgelegt hat, kam nicht nur nach meiner Einschätzung über allgemeine Grundsatzerwägungen kaum hinaus. Dr. Jürgen Zarusky
5. Gute Idee und bitte verschont den
irmtrud.wojak 19.11.2012
Die Forschungsergebnisse in Buchform zu veröffentlichen, ist eine prima Idee. Selbstverständlich werde ich weiterforschen und mich durch unbequeme Wahrheiten, die es nun einmal gibt, nicht davon abbringen lassen, sie an anderer Stelle zu publizieren. Was die Qualität und Ausrichtung meines Konzepts betrifft, herrschen, wie ja dem Kommentar zu entnehmen ist, Uneinigkeit und gegensätzliche Ansichten. Nicht anders ist es übrigens mit meiner so geannnten "Entbindung", die wohl eher eine Abtreibung war. Doch das steht auf einem anderen Blatt. Ich wünsche dem unwillentlich ins Gestrüpp und zum "Kronzeugen" geratenen Dr. Zarusky jedenfalls, dass er verschont bleibt und mit dem großen Strom der Münchner Zeitgeschichte weiter mitschwimmen darf!
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