Junge Punks in Russland Zwischen den Welten

Sie rebellieren gegen das System, prügeln sich mit Neonazis oder leben vegan: Die Fotografin Ksenia Ivanova ist in die laute Subkultur der russischen Punks eingetaucht.

Ksenia Ivanova

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Punk, das ist nicht nur Musikstil oder Mode, Provokation oder Irokesenschnitt, sondern in den meisten Fällen eine Lebenseinstellung. Die Fotografin Ksenia Ivanova gibt mit ihrer Fotoserie "On the Verge" einen Einblick in diese Subkultur. Zwei Jahre lang hat sie in der Großstadt Sankt Petersburg Punks begleitet.

Punk ist nicht gleich Punk: "Es gibt ideologische Aktivisten, zerbrechliche Heranwachsende und Außenseiter", so Ivanova. Sie zeigt die unterschiedlichen Facetten der Bewegung auf: Da sind die Veganer und Drogenverweigerer, die nach dem Prinzip "Straight Edge" leben. Anderen geht es wiederum vor allem um Musik, Partys und Alkohol. Manche besetzen Häuser, lehnen die Konsumgesellschaft ab, protestieren oder prügeln sich mit Neonazis. Was die Mehrheit verbindet: die Ablehnung des modernen russischen Systems. Ivanova wollte die Werte dieser jungen Generation kennenlernen, etwas über deren Vergangenheit erfahren und herausfinden, was sie beeinflusst hat.

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Gegen das System: Punks in Russland

Zu sehen sind moderne Punks, geboren während der Perestroika (1985 - 1991). In ihnen spiegele sich die Unsicherheit und Instabilität einer Gesellschaft wider, die sich plötzlich mitten in einem der größten sozialen und politischen Umbrüche der Geschichte befand, sagt die Fotografin. Die jungen Menschen erlebten den kompletten Zusammenbruch eines Systems - bevor sich ein neues herausgebildet hatte. Aufgewachsen zwischen zwei Epochen, in den Ruinen der sowjetischen Ideologie, fühlen sich die meisten keiner der Welten zugehörig. "Viele von ihnen mussten in ihrer Kindheit Gewalt erfahren, sozialen Druck, sie litten an der Alkohol- und Drogenabhängigkeit ihrer Eltern", sagt Ivanova.

Einer der Fotografierten wuchs in den Neunzigerjahren in einer Kleinstadt in Sibirien auf, jede Andersartigkeit konnte dort bei den Menschen Aggression hervorrufen, Schläge waren nicht selten. "Diese Erlebnisse machten viele zu Außenseitern."

Russischer Punk unterscheide sich zwar nicht wesentlich von der westlichen Variante, auch dort richte sich die Wut gegen Krieg, gegen autoritäre Regierungssysteme und Diskriminierung. "Aber für unser Land sind diese großen Worte eine Realität, in der wir jeden Tag leben", sagt die Fotografin.

Der Wunsch, Kritik an Gesellschaft und Kultur zu äußern, sei unter diesen jungen Leuten besonders verbreitet: "Im Gegensatz zu den anderen sind sie nicht still, sie geben ihre Unzufriedenheit laut kund, zeigen die Probleme der modernen Gesellschaft auf. Sie gehören zu den am meisten protestierenden Subkulturen Russlands."

Die Punks organisieren Veranstaltungen und Kundgebungen für den Schutz der Menschenrechte, sammeln Spenden für Obdachlose, gestalten Aktionen für den Natur- und Tierschutz. Viele unterstützen die antifaschistische Bewegung, die sich für Minderheiten und gegen Neonazi-Gruppierungen einsetzt.

Der Name "On the Verge" (am Rande) spielt auf die Position der Punks in Russland an. Sankt Petersburg ist wie andere große Städte von Vielfalt geprägt, hier wird Punks nicht so viel Beachtung geschenkt. Doch in kleineren Städten oder Dörfern ist die Gefahr größer, Opfer von Gewalttaten zu werden. Das unabhängige russische Meinungsforschungsinstitut Lewada fand in einer Studie aus dem September 2015 heraus, dass jeder fünfte Russe es bevorzugen würde, Punks gesellschaftlich zu isolieren, jeder zehnte würde sie gerne komplett beseitigen.



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