Auskunftspflicht zu Kuckuckskindern "Das Gesetz beschneidet die Rechte der Scheinväter"

Mit einem neuen Gesetz will Justizminister Heiko Maas für Klarheit in Streitfällen um Kuckuckskinder sorgen. Familienrechtsexpertin Kerstin Aust hält den Entwurf für Augenwischerei.

Vater und sein Sohn (Archivbild)
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Vater und sein Sohn (Archivbild)

Ein Interview von


Justizminister Heiko Maas will es Vätern sogenannter Kuckuckskinder erleichtern, den wahren Erzeuger ihrer Kinder ausfindig zu machen. Der SPD-Politiker will Mütter gesetzlich verpflichten, in derartigen Fällen ihre Sexualpartner offenzulegen.

Das neue Gesetz wirkt direkt in das Tätigkeitsfeld von Kerstin Aust hinein. Im Interview erklärt die 36-jährige Juristin, warum Scheinväter die eigentlichen Verlierer des Gesetzes sind.

Zur Person
  • Jan Roeder
    Kerstin Aust arbeitet als Anwältin für Familienrecht in München. Ihre Doktorarbeit "Das Kuckuckskind und seine drei Eltern" erschien im Juli 2015 im Peter-Lang-Verlag.

SPIEGEL ONLINE: Frau Aust, Justizminister Heiko Maas hat ein neues Gesetz auf den Weg gebracht, das die Rechtslage im Fall der Kuckuckskinder verbessern soll. Warum war das nötig?

Kerstin Aust: Das Gesetz setzt eine Vorgabe des Bundesverfassungsgerichts um. Es gibt aber viele weitere Kritikpunkte an der derzeitigen Gesetzeslage. Wenn ein Mann Zweifel bekommt, hat er nur zwei Jahre Zeit, die Vaterschaft anzufechten. Im internationalen Vergleich ist das nicht gerechtfertigt. Ebenso ungerecht: Wenn ein Mann erfährt, dass er nicht der Vater ist, und während des Anfechtungsverfahrens stirbt, kann der Prozess von seinen Erben nicht fortgesetzt werden. Wir schauen aber oft nur auf den Scheinvater, dem ein Kind untergeschoben wurde. Was ist denn mit dem biologischen Vater? Dem wurde ein Kind vorenthalten.

SPIEGEL ONLINE: Mütter von Kuckuckskindern sollen jetzt verpflichtet werden, über ihre Sexpartner zu sprechen. Was halten Sie davon?

Kerstin Aust: In der Praxis war dieser Anspruch schon längst vorhanden, eine ausdrückliche gesetzliche Regelung hätte ich mir schon viel früher gewünscht. Der Anspruch bringt aber nur etwas, wenn die Mutter erstens den Erzeuger namentlich kennt und zweitens überhaupt redet. Vor Gericht können Sie den Anspruch nur mit Ordnungsgeld und Ordnungshaft durchsetzen. Wenn die Frau sich weigert, dann wird sie aber nicht dafür im Gefängnis verrotten. Dass es diesen Anspruch jetzt im Gesetz gibt, ist zwar schön und gut, er ist aber faktisch sehr schwierig umzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Also hilft das Gesetz den sogenannten Scheinvätern nicht sonderlich weiter. Gibt es noch etwas anderes, das Sie an dem Gesetz stört?

Kerstin Aust: Dass der Scheinvater nur noch rückwirkend für zwei Jahre von ihm geleisteten Unterhalt zurückverlangen kann. Wenn die Mutter heute nach 18 Jahren mit der Sprache rausrückt und sagt: "Du bist gar nicht das Kind von deinem Papa", hat das erhebliche Konsequenzen. Nach der derzeitigen Gesetzeslage hat der Scheinvater einen Regressanspruch gegen den leiblichen Vater über die volle Höhe der Aufwendungen seit der Geburt. In diesem Fall summiert sich das nach der Düsseldorfer Tabelle auf ein stattliches Sümmchen zwischen 84.000 und 135.000 Euro. Jetzt wird der Anspruch auf zwei Jahre in die Vergangenheit begrenzt. Das kann bei null liegen, wenn Sie die letzten zwei Jahre keinen Unterhalt bezahlt haben.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Scheinväter die großen Verlierer des Gesetzes?

Kerstin Aust: Tatsächlich ja. Wenn wir bei dem Beispiel Wahrheit nach 18 Jahren bleiben, liegt der künftige Anspruch nur noch bei 29.000 bis 47.000 Euro. Das Gesetz beschneidet also die Rechte der Scheinväter - mit der Begründung, das Familienleben habe den Schaden aufgewogen. Aber was ist mit Fällen, in denen das Familienleben überhaupt nicht stattgefunden hat? Weil die Ehe kurz war oder Sie nur das Kind anerkannt haben, aber gar nicht zusammenlebten? Das ist ja tragisch. Sie verlieren Ihr Kind und mit ihm den Sinn des Lebens. Und mit dem neuen Gesetz wird ihnen auch noch zu einem Großteil das Recht auf wirtschaftliche Entschädigung genommen.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt so, als sei das Gesetz Augenwischerei auf der einen Seite, auf der anderen eine Verschlechterung für die Ansprüche der Scheinväter.

Kerstin Aust: Es gibt ja noch eine Komponente: Der biologische Vater ist vielleicht irgendwann nach einer durchzechten Nacht mit dieser Frau im Bett gelandet, hat ihr "beigewohnt", wie es im Gesetz heißt. Zwanzig Jahre später erfährt er: "Übrigens, wir beide haben damals ein Kind gezeugt." Darum ist dieses Gesetz doch wichtig: Weil die Mutter die Wahrheit sagen muss.

SPIEGEL ONLINE: Was wird sich für Sie in der Praxis durch das neue Gesetz ändern?

Kerstin Aust: Es könnte einen kurzen Anstieg der Klagen geben, da die Übergangsvorschrift sagt, dass dieses Gesetz nur für Neufälle gilt. Das heißt, die Begrenzung auf zwei Jahre in die Vergangenheit gilt nur dann, wenn der Scheinvater von seinem Gegner noch nicht Regress verlangt hat. Ansonsten erwarte ich keine radikalen Änderungen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Buch zu dem Thema heißt "Das Kuckuckskind und seine drei Eltern". Was ist denn in dieser ganzen Angelegenheit mit den Kindern? Über die spricht kaum jemand.

Kerstin Aust: Es hilft den Kindern nicht, wenn die Erwachsenen lange ein Familiengeheimnis daraus machen. Ein Beispiel: Meine Eltern haben sich scheiden lassen. Läuft super, weil ich jetzt vier Eltern habe. Das meine ich auch mit dem Titel des Buches. Ein Kuckuckskind hat drei Eltern. Gäbe es eine Gesetzeslage, die beide Väter gleichstellen würde, wäre das vielleicht auch ein Gewinn für diese Kinder.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn Sie sich ein Gesetz wünschen könnten?

Kerstin Aust: Für Kinder gibt es keinen Anspruch auf das Testen des möglichen Erzeugers. Sie sollten diese rechtliche Handhabe bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt den Mythos des einen Kuckuckskinds unter zehn Neugeborenen. Neue Studien gehen von wesentlich geringeren Zahlen aus. Welche Statistiken kennen Sie und wie sehen Ihre Beobachtungen in der Praxis aus?

Kerstin Aust: Es ist nicht so, dass hier jeden Tag ein betroffener Vater reinspaziert. Es ist aber auch eine sehr peinliche Situation. In meinem Bekanntenkreis kenne ich selbst zwei Kuckuckskinder, das ist überproportional. Möglicherweise sprechen die Leute eher mit mir darüber, weil ich ein Buch dazu geschrieben habe. Die Studien, die sehr hohe Zahlen annehmen, beschäftigen sich mit Fällen, bei denen der Scheinvater schon Zweifel hatte. Das ist natürlich überhaupt nicht repräsentativ. Aber es gibt auch andere Studien, deren Durchschnitt ich auf 0,8 Prozent gerechnet habe. Das klingt nicht viel, ist bei einer Geburtenziffer von 738.000 deutschen Kindern in 2015 auch nicht sehr wenig.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist davon besonders betroffen?

Kerstin Aust: Das ist kein Problem bestimmter Gesellschaftsschichten. Das zeigen die Statistiken und auch unsere Erfahrungen in der Praxis. Egal ob wohlhabend oder in bescheideneren Verhältnissen - wenn die Frau viel zu Hause ist und sonst nichts zu tun hat, während der Mann unterwegs ist, steigt die Wahrscheinlichkeit für Kuckuckskinder.



insgesamt 42 Beiträge
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herbert 31.08.2016
1. Väter sind bei der SPD total falsch aufgehoben!
Im Parteiprogramm kommt seit Jahren der >Mann und Vater gar nicht vor. Bei der SPD geht es nur um Frauenrechte in allen Bereichen. Machen oberste Gerichte Druck auf die Politik mehr Rechtssicherheit zu schaffen für Väter, dann tut sich die SPD extrem schwer und verbiegt sich massiv, dass im Ergebnis fast nur Schrott herauskommt. Das was unser SPD Justizminister da zaubert ist schlicht ein leichtes einlenken aber nicht mehr. In Deutschland will und soll alles geregelt sein. Also muss eine Mutter auch den Erzeuger nennen. Macht sie es nicht, ist es später fatal, wenn das erwachsene Kind erfährt, dass der Vater Herr xy ist. Das müsste auch ein SPD Maas oder die SPD Familienministerin Schwesig wissen, aber die ist ja auch nur auf der Seite von Frauen. Fakt ist, es ist eine riesige Sauerei, wenn die Frau nicht ehrlich ist und dem treuen Ehemann ein Kind von einem anderen unterjubelt. Ich denke, dass will auch der SPD Justizminister Maas nicht in seinem Leben haben. Aber warum stellt er sich so parteilich für Frauen an?
Menschundrecht 31.08.2016
2. Mommy's Baby, Daddy's Maybe
Es gibt so viel Rechnerei in diesem Artikel. Und wenn schon, warum bezahlt eigentlich nicht einfach diejenige / derjenige für das Kind, bei dem das Kind lebt? Das ist im Moment anscheinend nicht so. Deswegen werden die Kinder immer wieder als Geschäftsmodell, als Manövriermasse und als Waffe gegen abwesende oder ausgeschlossene Elternteile missbraucht. Wenn Erwachsene heute mit einer Freiheit wie noch niemals zuvor zusammen Kinder zeugen können und Kinder bekommen können oder auch nicht, dann sollte der Gesetzgeber doch tunlichst von mündigen und verantwortlichen Menschen und davon ausgehen, dass eine Verständigung darüber stattgefunden hat oder stattfindet, wie die gemeinsame elterliche Sorge für ein Kind sich gestaltet, schon bevor es auf die Welt kommt. Noch einmal zur Information bzw. zur Erinnerung: Es ist nicht der Storch, der die Kinder bringt. Wenn es dabei zu Irrtümern oder Täuschungen kommt, warum soll denn dann nicht der Elternteil die Verantwortung in jeder Hinsicht tragen, auch finanziell, bei dem das Kind dann lebt? Wenn die Zeit des Zusammenlebens mit dem Kind sich günstigerer Weise gut auf beide getrennt lebenden Elternteile verteilt, dann kann doch jeder Elternteil die Verantwortung in jeder Hinsicht, also auch finanziell, seinem Anteil an Zeit mit dem Kind entsprechend tragen. Anders wird sich der Teufelskreis vom Teufel gerittener, alleinerziehender Mütter nicht durchbrechen lassen, der mein-Bauch-mein-Kind Mütter, der Opfer, die regelmäßig der Versuchung des systematischen Rechtsmissbrauchs erliegen, der Denunziantinnen und Betrügerinnen, der Manipuliererinnen und der unmündigen Transferleistungsempfängerinnen, die eigentlich doch die denkbar schlimmsten Feindinnen der Gleichberechtigung, des Feminismus und ihrer eigenen Kinder sind.
Gleichstrom 31.08.2016
3.
Was für ein Schrott. Daß die Ansprüche verjähren, sagt mir nur eines: jedes Kind, bei dem ich in Frage komme, es gezeugt zu haben, wird hierhingehend untersucht, sobald es möglich ist. Auch bei Zusammenleben, und bei getrenntem Leben erst Recht, da bin ich vorher einfach zahlungsunwillig - gerade, wo man getrennt lebt, wird es ja seine Gründe haben, die z.B. in eh nicht bestehendem Vertrauen oder so liegen... Haben Mütter auch nur für 2 Jahre rückwirkenden Anspruch auf Kindesunterhalt, wenn sie alleinerziehend leben? Sexismus taugt eben nichts ... an dieser Stelle trennen sich wohl die Frauen, die es aus Prinzip nicht mögen von denen, die einfach lieber dran gewinnen als dran zu verlieren...
FocusTurnier 31.08.2016
4. Die SPD und Väter
Zitat von herbertIm Parteiprogramm kommt seit Jahren der >Mann und Vater gar nicht vor. Bei der SPD geht es nur um Frauenrechte in allen Bereichen. Machen oberste Gerichte Druck auf die Politik mehr Rechtssicherheit zu schaffen für Väter, dann tut sich die SPD extrem schwer und verbiegt sich massiv, dass im Ergebnis fast nur Schrott herauskommt. Das was unser SPD Justizminister da zaubert ist schlicht ein leichtes einlenken aber nicht mehr. In Deutschland will und soll alles geregelt sein. Also muss eine Mutter auch den Erzeuger nennen. Macht sie es nicht, ist es später fatal, wenn das erwachsene Kind erfährt, dass der Vater Herr xy ist. Das müsste auch ein SPD Maas oder die SPD Familienministerin Schwesig wissen, aber die ist ja auch nur auf der Seite von Frauen. Fakt ist, es ist eine riesige Sauerei, wenn die Frau nicht ehrlich ist und dem treuen Ehemann ein Kind von einem anderen unterjubelt. Ich denke, dass will auch der SPD Justizminister Maas nicht in seinem Leben haben. Aber warum stellt er sich so parteilich für Frauen an?
Ihre abschließende Frage deutet darauf hin, daß Sie sich mit der SPD in dieser Hinsicht noch nicht viel auseinandergesetzt haben. Das hier alles aufzuzählen würde aber den Rahmen dieses Forums sprengen (Genderama wäre ein guter Anlaufpunkt, um sich zu informieren). Diese Partei hat kein Interesse an Vätern bzw. Männern generell. Sie befindet sich derzeit auf dem Weg, den die Piraten vor einigen Jahren eingeschlagen haben, und so wird sie auch enden - unter "ferner liefen...". Die SPD ist mit Ihrer Haltung allerdings nicht allein. Alle anderen im Bundestag vertretenen Parteien haben ebenfalls die Situation entstehen lassen, die wir jetzt vorfinden und befördern sie weiter. Ein markantes Beispiel wäre dies hier: https://manndat.de/pressemitteilung/familienausschuss-des-bundestages-lehnt-gespraech-mit-buergern-ab.html Jeder Wähler und jede Wählerin kann daraus seine/ihre Schlüsse ziehen.
FocusTurnier 31.08.2016
5. Zahlen
Der von der Autorin genannte Anteil von Kuckuckskindern von 0,8% stellt tatsächlich nur ein Untergrenze dar. Die Metastudie "A testing time for fathers" von Mark Bellis et al der Liverpool John Moores University kommt zu anderen Ergebnissen. Dort wurden mehrere Studien zu diesem Thema berücksichtigt, bei denen das Auftreten von Kuckuckskindern zwischen 0,8% und 30% liegt. Das europäische Mittel befindet sich laut dieser Untersuchung bei 3,7%: https://j4mb.files.wordpress.com/2013/11/131027-mark-bellis-paper-re-paternity-fraud.pdf Setzt man jetzt den europäischen Mittelwert von 3,7% an, wären das bei einer Geburtenzahl von 780.000 (in 2015) knapp 29.000 Kuckuckskinder. 29.000. Pro Jahr. Das ist schon eine gewaltige Zahl, die da im Raum steht und die Fragen hervorruft. So zB, warum es der Staat einem Vater verbietet, ohne die Zustimmung (nicht dem Wissen,....der Zustimmung!) der Kindsmutter die Abstammung des Kindes zu erfahren. Das das vorgeschlagene Gesetz nix taugt, hat man an der Wählerfront übrigens schon mitbekommen: https://kuckucksvater.wordpress.com/2016/08/29/augenwischerei-denn-kuckucksmuetter-muessen-weiterhin-keine-auskunft-geben/ Der SPD und den anderen Parteien wird es irgendwann "gedankt" werden. 29.000......
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