Kunstprojekt mit Flüchtlingen Sprechende Fassaden

Die Situation von Flüchtlingen ist in Berlin ein großes Thema, Künstler Harald Geil meint aber: Die Perspektive der Asylbewerber komme zu wenig vor. Er will überdimensionale Porträts an Häuserwände plakatieren, ein QR-Code soll zu Interviews führen.

Von Sophia Münder

Harald Geil

Berlin - Harald Geil radelt seit Wochen regelmäßig durch Berlin, die Stadt, die sein Museum werden soll. Er sucht nach Ausstellungsflächen für seine Kunst: Häuserfassaden, Brandschutzwände. Geil hat Großes vor: Er möchte überdimensionale Porträts von Flüchtlingen im öffentlichen Raum tapezieren.

Als ob es das brauche, möchte man sagen: Seit Monaten treibt das Schicksal von Flüchtlingen die Stadt um. Protestcamps, Hungerstreik, rechter Protest in Hellersdorf.

Gelegenheit zum Gespräch

Doch Geil will nicht nur Aufmerksamkeit für das Thema wecken, er will die Flüchtlinge in den Blick rücken: Welche Menschen kommen da nach Berlin? Wie denken sie, fühlen sie, sind sie? Geil genügt es nicht, wie die Medien berichten. Deren Fragestellung sei einseitig: "Bessergestellte Person befragt schlechtergestellte Person." Er will "Kommunikation auf Augenhöhe".

Für sein Projekt "Familiar Facades" bringt er Flüchtlinge zusammen und lässt sie sich gegenseitig befragen. "Es gibt viel spezifischere Fragen, die Betroffene anderen Betroffenen stellen. Zum Beispiel, wie es ihren Familien in ihrer Heimat geht." Er lässt die Flüchtlinge darüber entscheiden, worüber sie sprechen möchten. Er gebe ihnen nur die Gelegenheit.

"Wer hier ankommt, der hat meistens einen langen, gefährlichen Weg hinter sich. Er ist in Containern oder auf völlig überfüllten Schiffen gereist und hat dafür sein Leben riskiert", sagt Geil.

Die Gespräche filmt Geil, das Ergebnis soll Teil seiner öffentlichen Kunstaktion werden: Auf die Plakate wird er QR-Codes drucken. Scannt man die mit dem Smartphone, erscheint das Video des Flüchtlings, der haushoch vor einem steht. Sein Plan sei, Video mit Street Art und Dokumentation zu verbinden. "Ich sehe ständig Menschen, die ihr Handy vor der Nase haben, und genau diese Menschen möchte ich mit meinem Projekt erreichen."

"Ein Kampf gegen Windmühlen"

Seine Suche nach Flüchtlingen, die für ihn sprechen wollen, begann bei einer Demonstration vor einem Abschiebeknast. Er lernte einen Pakistani kennen, der stellte ihn weiteren Menschen vor, so kam er in Kontakt. Doch manch einer bewegte den Künstler nicht nur mit Erzählungen. Wie der syrische Lorens Amude mit kurdischem Hintergrund.

"In Syrien war ihm verboten, seine Muttersprache zu sprechen, den kurdischen Dialekt", sagt Geil. Amude habe im Interview versucht, seine Botschaft über Musik auszudrücken. Er habe gesungen und Ud, ein arabisches Saiteninstrument, gespielt. "Es war sehr berührend zu sehen, mit wie viel Passion er spielt."

Geil sagt, mit den Interviews wolle er nicht nur Missstände anprangern. Es stecke darin auch "ganz viel Schönes, Hoffnung und Erwartung".

Bevor es losgehen kann, hat Geil aber einiges zu tun. "Es ist ein Kampf gegen Windmühlen", sagt er. Er schickt Exposés an Hausverwaltungen, wartet, fragt nach, wartet, fragt wieder nach. Doch er hat keine Zweifel, dass genug Plakate hängen werden. Im Mai soll das Projekt starten.

Harald Geil zeigt eine Auswahl seiner Bilder vom 24. April bis 25. April in der Ausstellung "Kontakt" in der "Arena Berlin". Einige seiner Arbeiten werden dort auch nach der Ausstellung noch zu sehen sein.

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