Künstler in Weißrussland "Ich schäme mich für mein Land, jede Minute"

Zensur, Überwachung, Angst: Der weißrussische Schriftsteller Alchierd Bacharewitsch hat seiner Heimat für eine Weile den Rücken gekehrt. Dort regiert Alexander Lukaschenko mit harter Hand, Kritiker müssen um ihre Freiheit fürchten. Das Volk aber liebt den Präsidenten.

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Hamburg - Alchierd spricht, als habe er einen Flummi im Mund. Die Wörter umspülen seine Zunge und werden mit einem gemütlichen Gurgeln in den Raum entlassen. Manchmal stottert Alchierd, aber nur ein bisschen. Er selbst findet das so bedeutsam, dass er eine Erzählung darüber geschrieben hat.

"Irgendein launischer Laut stößt plötzlich mit unheilbringenden Tätzchen an die Wände des Kehlkopfes, verzieht sich und heult", klagt der Ich-Erzähler in "Die Gabe des Stotterns". Ironie, Scharfsinn und Wortgewandtheit bleiben auf der Strecke; die Chance, das Gegenüber in einem neuen Anlauf mit Sprachkapriolen zu bezaubern, ist gleich null. Selbst der wohlmeinende Hinweis einer Figur, Impotenz sei schlimmer als Stottern, kann den Helden nicht aufmuntern.

Die Geschichten des 33-jährigen Weißrussen erzählen von Intimität und Alltag. Sie zeigen die tröstliche Routine des häuslichen Mikrokosmos - eine Lampe, die den Nacken wärmt, ein Sofa, das behaglich ist und auf dem man nur in wüsten Träumen Sex haben kann. Masturbation oder Fetischismus - es ist die Heimlichkeit der Begierden, die den jungen Schriftsteller fasziniert.

Dass Bacharewitsch ausschließlich auf Weißrussisch schreibt, ist auch eine politische Entscheidung: "Das ist eine gesunde Form des Nationalismus, geboren aus dem Wunsch, sich zu erinnern, getragen von der Aufbruchstimmung Anfang der Neunziger, als wir hofften, endlich frei leben zu können", erklärt der Autor im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Ganz bewusst wolle man sich abgrenzen von der Sprache des "Großen Bruders" im Osten, der so lange die Geschicke des Landes bestimmt habe - und von Langzeitpräsident Alexander Lukaschenko, der des Weißrussischen nicht mächtig ist und ihm skeptisch gegenübersteht.

"Angst liegt in der Luft"

Seit dem Amtsantritt des Despoten im Juli 1994 sei die Lage in Weißrussland schlimmer als je zuvor, berichtet Bacharewitsch, der zur Zeit auf Einladung der Stiftung für politisch Verfolgte in Hamburg zu Gast ist. Die Situation verschlechtere sich mit jedem Monat: "Angst liegt in der Luft. Jeder fürchtet, festgenommen zu werden."

Die Furcht ist berechtigt: Im Dezember 2005 verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das die Anstiftung zu Demonstrationen oder die Zugehörigkeit zu einer "nicht registrierten Organisation" mit Haftstrafen bis zu drei Jahren ahndet. Wie die Menschenrechtsgruppe "Vjasna" berichtet, wurden nach den Präsidentschaftswahlen im März vergangenen Jahres in nur einer Woche 686 Menschen inhaftiert. Als Warnschuss für renitente Regimekritiker gelten ein Arrest von bis zu 15 Tagen oder hohe Bußgelder.

Wegen "böswilligen Rowdytums" verurteilte ein Bezirksgericht im Mai 2006 ein Mitglied der oppositionellen Jugendbewegung "Malady Front" zu zwei Jahren Besserungsarbeit. Artur Finkewitschs Vergehen: Er hatte politische Graffiti gesprüht. Mitte Oktober verweigerte der Oberste Gerichtshof in Minsk der "Jungen Front" endgültig die Registrierung und verbannte damit sämtliche Mitglieder in die Illegalität.

Die Gehorsamen und die Ungehorsamen

Die Unterscheidung von gut und böse folgt offenbar simplen Prinzipien: Schriftsteller würden wie alle Kunstschaffenden in zwei Gruppen aufgeteilt, erklärt Autor Bacharewitsch: "Die Gehorsamen und die Ungehorsamen." Den Gehorsamen geht es demnach gut - sie publizieren, treten im Fernsehen auf und können ihre Erzählungen in den Zeitungen lesen. Die Ungehorsamen existierten gar nicht. Nur wenige private Verlage trauten sich, den kritischen Stimmen ein Forum zu bieten - und arbeiteten dabei ständig am Rande des finanziellen Ruins.

Es gibt den staatlichen "Verband der Schriftsteller Weißrusslands" (SPB), der laut Bacharewitsch "die untalentiertesten Autoren des Landes vereint". In alter Tradition würde man dort dem sozialistischen Realismus frönen und das Hohelied des Präsidenten singen. Der Vorsitzende des Verbandes sei ein ehemaliger Polizist, der heute Krimis schreibt – nur ein Bild für die totale Trivialisierung der Literatur im Willkürsystem Lukaschenkos. Weil eine Elitenbildung vom Präsidenten bewusst verhindert würde, kämen vor allem Ungebildete an die Macht. Bacharewitschs trauriges Fazit: "Ich schäme mich für mein Land, jede Minute."

Der allgegenwärtigen Beeinflussung durch die staatlich kontrollierten Medien könne sich kaum jemand entziehen: "Das geschriebene Wort ist lediglich Teil des ideologischen Kampfes", resümiert Bacharewitsch. "Wir leben auf einer Insel, die von einem breiten, dreckigen Fluss der Propaganda durchzogen ist. Die Atmosphäre ist vergiftet und wir schnappen nach Luft."

Doch viele haben es sich in der stickigen Atmosphäre gemütlich gemacht: Weil sie es unter der Herrschaft Lukaschenkos zu bescheidenem Wohlstand gebracht hat, unterstützt die Mehrheit der Weißrussen den Diktator. Zwar liegt der Durchschnittsverdienst bei gerade einmal 250 Dollar im Monat. Aber es gibt einen Mindestlohn und wenigstens die Renten werden pünktlich gezahlt. Das Wirtschaftswachstum lag im vergangenen Jahr bei acht Prozent - trotz Rückgang der Geschäfte mit Russland. "Das ist die wahre Tragödie unseres Landes. Das Volk liebt Lukaschenko tatsächlich", sagt Bacharewitsch.

Wie lang diese Liebe anhalten wird, ist schwer zu sagen. Der Wachstumskurs jedenfalls ist gefährdet, nachdem Russland den eigensinnigen Nachbarn dazu verdonnert hat, statt des ursprünglichen Gaspreises von gerade einmal 47 Dollar pro tausend Kubikmeter nun 100 Dollar zu zahlen. Bis 2011 sollen die Weißrussen Weltmarktpreise berappen. Zudem haben vor allem Verarbeitung und Weiterverkauf des billig aus Russland importierten Öls Weißrussland wirtschaftlich nach vorn gebracht. Sollte diese Quelle versiegen, würde sich das massiv auswirken.

"Unsere Hitler-Jugend"

Um die kommende Generation nach ihrem Gusto zu formen, sorgt die Regierung vor: Aus den Schulbibliotheken wurden bereits sämtliche kritische Schriften entfernt. Studenten aller Fachrichtungen müssen seit einigen Jahren einen Kurs in Staatsideologie belegen und die Geschichte des "großen vaterländischen Krieges" pauken.

Mitglieder des linientreuen Belarussischen Republikanischen Jugendverbands (BRSM) haben schon heute eindeutige Vorteile bei staatlicher Förderung, Studienplatzvergabe oder Benotung. Sie sitzen an allen wichtigen Schaltstellen der Universitäten und Unternehmen. "Das ist unsere Hitler-Jugend", so Bacharewitsch. Zwar sei die Zugehörigkeit zum BRSM freiwillig, aber es gebe eine Menge junger Leute, die bereits kapiert hätten, dass sie ohne die Mitgliedschaft gar keine Chance auf Beruf und Karriere haben.

Was die äußeren Strukturen nicht vermögen, erledigt offenbar die Natur des Menschen: Wie der große Nachbar im Osten hat auch Weißrussland ein massives Problem mit dem Alkohol. Ganze Dörfer sollen sich bereits mit Selbstgebranntem um den Verstand gesoffen haben. Die Stadtjugend greift zu billigen Mixgetränken und verbringt das Wochenende im seligen Delirium. Bacharewitsch sieht das als Teil eines großen Plans: "Dem Staat tut das gut: Ein betrunkenes Volk revoltiert nicht."

"Er hat meinen Traum getötet!"

Neben einem Dutzend koalierender Oppositionsparteien wird der weißrussische Protest vor allem von verschiedenen Jugendgruppen und deren künstlerischen Idolen getragen. Sie sind jung, modern und flexibel, nutzen das Internet und ihr künstlerisches Medium als Kommunikationsmittel. Ob Literatur, Musik oder Aktionskunst - die einigende Formel lautet "Anti-Lukaschismus".

Der von den USA als "letzter Diktator Europas" geächtete und angeblich wegen Wahnvorstellungen aus dem Wehrdienst entlassene Lukaschenko vereint in seiner Person alles, was den nach Demokratie und Unabhängigkeit strebenden Jungen zuwider ist: Großmannssucht, Manie und Brutalität. "Er ist psychisch krank", ereifert sich Autor Bacharewitsch. "Es gibt Irre, die niemandem Schaden zufügen, aber Lukaschenko ist gleichzeitig auch noch ein Verbrecher. Er sollte aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden." Sein schlimmstes Verbrechen? "Er hat meinen Traum getötet!"

Sanktionen der Europäischen Union wie Visa-Sperren für weißrussische Staatsbeamte oder die Einfrierung der europäischen Konten von Lukaschenko und 35 seiner Behördenvertreter hält Bacharewitsch für wenig effizient. "Ich bin für härteste Sanktionen. Arbeitet nicht mit ihm zusammen! Setzt alle Kontakte aus! Vielleicht kann sich dann etwas ändern."

Bis dahin lässt der Schriftsteller die Literatur sprechen. In der Erzählung "Die Belarussen auf den Kristallkugeln" präsentiert er seine Landsleute als ephemere, geradezu überirdische Zirkusattraktion:

"In sonderbar grünliche, strahlenförmige Gewänder gehüllte Menschen wandelten durch die glühende Luft und ertranken mit ihren Knöcheln im Licht. (…) Wie Außerirdische gingen die Belarussen über einen bröckligen silbernen Weg, der im Kosmos verschwand. Als ob ein reicher Onkel die Milchstraße gekauft und dort diese sich nach Freiheit sehnenden Tiere ausgesetzt hätte. Ihre Anmut zog einen in den Bann."

Während der kleine Held sich in der pathetischen Schönheit der Bilder verliert, kommentiert ein Zirkusbesucher anerkennend: "So muss man erst mal dressieren können."



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