Kunst aus toten Insekten Heer der Fliegen

Aus Plagegeistern wird Kunst: Magnus Muhr fotografiert tote Insekten - und verhilft ihnen mit wenigen Bleistiftstrichen zu neuem Leben. Seine Fliegen trinken Bier, knutschen, mähen den Rasen. Längst haben sie im Internet Karriere gemacht.

DuMont

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Hamburg - Die gemeine Stubenfliege kann eigentlich nicht viel. Unkoordiniert durch die Gegend schwirren, sich die Facetten-Augen an Fensterscheiben verbeulen, allerlei Vogelvieh als Futter dienen - damit hat es sich so ziemlich.

Aber Volleyball spielen? Rasenmähen? Betrunken vor dem Fernseher einnicken? Undenkbar. Bis Fotograf Magnus Muhr im Mai 2004 eine äußerst maue Party besuchte. Miese Musik, öde Gespräche, pure Langeweile. In seiner Verzweiflung sammelte der Schwede eine tote Fliege vom Boden - und hatte eine zündende Idee. Eine Idee, die den toten Insekten postum erstaunliche Fähigkeiten verleiht.

"Noch an Ort und Stelle habe ich mir Papier und Bleistift geschnappt", erinnert sich der heute 41-Jährige. Ein paar schnelle Striche, ein Klick der Kamera - schon war der Prototyp für seine Kunstwerke fertig. Die Überreste des Insekts dienen als Basis der morbiden Szenen. Mit seinen Zeichnungen transportiert sie Muhr in äußerst menschliche Situationen.

"Auf meinem allerersten Bild steht eine Fliege auf der Schulter der anderen, wie es Kinder auf den Schultern ihrer Eltern tun", sagt Muhr SPIEGEL ONLINE. Sieben Jahre später erscheint nun die Sammlung "The Life of Fly" auf dem deutschen Markt. Im Oktober bringt der Dumont-Verlag die Höhepunkte aus unzähligen Fotoshootings mit den leblosen Quälgeistern heraus - das Premierenbild hat es auf Seite 17 der finalen Auswahl geschafft.

Fotografie ist für Magnus Muhr mehr als nur ein Hobby - sie ist ein Gegenpol zu seinem Hauptbroterwerb. Denn wenn er nicht gerade auf Motivsuche ist, arbeitet er als Pfleger in einer Einrichtung für psychisch kranke Menschen.

Bei seiner Arbeit mit der Kamera beschränkt sich Muhr keineswegs nur auf tote Kleinstlebewesen. Im Gegenteil: Unmittelbar vor einem Telefoninterview mit SPIEGEL ONLINE ist er aus der schwedischen Wildnis zurückgekehrt. Wochenlang lag er dort auf der Lauer für den perfekten Schuss. Normalerweise knipst er Elche, Bären und Biber in freier Wildbahn - alle sehr lebendig. Oder mindestens ebenso lebendige Hochzeitsgesellschaften. Für beides ist Geduld gefragt, seine Fliegen-Skizzen dauern dagegen kaum länger als 20 Minuten.

Zunächst waren die Insektenbildchen wenig mehr als eine Spielerei, eine Handübung, die bestenfalls Muhrs Freundeskreis amüsierte. Über Jahre ging das so. Hatte der Fotograf eine spontane Idee, bannte er sie mit einem Klick auf Film oder Speicherchip und präsentiert das Resultat auf seiner Internetseite.

Dank an den unbekannten Uploader

Erst ein schicksalhafter Tag im Frühjahr 2010 änderte alles - und Muhr weiß bis heute nicht, wem er dies zu verdanken hat. Gerade erst hatte er seine Werke auf eine schwedische Fotoseite hochgeladen, als sie sich plötzlich auf einer US-amerikanischen Jux-Seite wiederfanden. "Ich habe keine Ahnung, wer sie dort eingestellt hat. Aber ich bin ihm äußerst dankbar", sagt Muhr heute.

Über Facebook, Twitter und Co. verbreiteten sich die Fliegenbildchen rasend schnell im Internet, wurden als Spaß-Mails in Büros herumgeschickt, fanden rasch Nachahmer. "Die Sache ist einfach explodiert", so Muhr, dem der Rummel um seine Fingerübungen immer noch ein wenig unheimlich zu sein scheint.

Die plötzliche Aufmerksamkeit und der delikate Entstehungsprozess der Bilder werfen die Frage nach dem Tierschutz auf. Hier stellt Muhr klar: "Ich sammele die Fliegen überall. Allerdings kommen nur Insekten auf die Bilder, die ich schon tot auffinde." Zwar gebe es immer wieder einmal Protest-Mails von Tierschützern, insgesamt halte sich die Aufregung aber in Grenzen.

Um stets genug Fotomodelle zur Hand zu haben, trägt Muhr eine kleine Dose bei sich - darin sammelt er die Fliegenkörper. Lampenschirme, Fensterbretter, Nachttische: Überall lässt sich Beute machen. Und so entstehen immer mehr skurrile Motive: Fliegen beim Eislaufen, mit Gitarre am Lagerfeuer oder auf Inlineskates in der Halfpipe.

"Tue keiner Fliege etwas zuleide"

Auch die virale Kampagne gewann an Schwung, schließlich stieß ein britischer Verlag im Netz auf die beliebten Bildchen. Und der Erfolg kam prompt: Unter anderem in England, Frankreich, Italien und Korea ist "The Life of Fly" bereits erschienen. Nun folgen die USA und Deutschland, weitere Ausgaben sind in Planung.

"Ich glaube, die Bilder sind so populär, weil sie äußerst einfach sind und keinerlei Text benötigen. Die Bildsprache ist international, der Humor orientiert sich an menschlichen Emotionen und Aktivitäten", versucht Muhr eine Erklärung für den unerwarteten Erfolg.

Ihm sei klar, dass er sich mit seinen Werken an der Grenze des guten Geschmacks bewege und der Humor eher dunkel bis schwarz ausfällt: "Das sollte aber niemand zu ernst nehmen. Immerhin tue ich keiner Fliege etwas zuleide."

Auch wenn Muhr beteuert "einen ganz normalen" Sinn für Humor zu haben, entlarvt ihn spätestens die Frage nach seinem persönlichen Lieblingsmotiv im neuen Buch. Da entscheidet sich der Fotograf ausgerechnet für Seite 15: Zu sehen ist eine Fliege - beim Fliegenfischen.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Beduine, 19.09.2011
1. Nicht schlecht...
... macht einem die Mistviecher ja fast sympathisch.
veremont 19.09.2011
2. Fliegen fliegen
Finde ich interessant, dass sich da Tierschützer zum Reagieren gezwungen sehen. Würde er Meerschweinchen nehmen, natürlich - aber bei Fliegen? Die schlägt doch jeder tot wenn er sie sieht... sogar meine Freundin... und die ist sehr zart besaitet. ;) Aber eine Frage habe ich noch. Ich habe mir hier extra ein Vergleichsexemplar einer toten Fliege "besorgt" und mein Verdacht erhärtet sich tatsächlich: Hat der Herr der Fliegen seinen Kadavern die Arme und Beine ausgerissen?
XmexxX 19.09.2011
3. ...
Wahrscheinlich haben wir es hier mit einem verrückten Fliegenmassenmörder zu tun, der den Bestand derart gefährdet, dass es sich in irgendeiner Art und Weise negativ auf die Dicke der Polarkappen auswirkt ! Nein Spass bei Seite. Kreative Idee und nett anzuschauen !
MatildaM 22.09.2011
4. Tierschuetzer
"Zwar gebe es immer wieder einmal Protest-Mails von Tierschützern" ... unsere Welt saehe besser aus wenn die Leute sich mehr um ihre Artgenossen kuemmern wuerden z.B. Kinder und aeltere Menschen, Menschen die misbraucht werden, Menschen die verhungern ... die Liste ist endlos. Bitte nicht falsch verstehen, auch ich bin fuer den Tierschutz, aber manche Tuerschuetzer sind einfach extrem.
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