Rapper Kurdo Heldenzeit in Heidelberg

Rapper Kurdo singt vom Aufstieg in Deutschland. Er selbst ist Flüchtling - viele seiner Fans auch. Kann er für sie ein Vorbild sein?

Maria Feck / SPIEGEL ONLINE

Von und (Fotos und Video)


"Mama sagte immer: Mach' als Beruf was mit dem Kugelschreiber. Und ich dachte so: Boah, ich mit Aktenkoffer." Kurdo

Lebensqualität bedeutet für den Mann, der als Achtjähriger mit Mutter, Bruder und einem Koffer in einem deutschen Flüchtlingsheim ankam: Mit Tempo 240 im Benz über die Autobahn zwischen Mannheim und Heidelberg brettern. Die Rolex schwer am Handgelenk, Frank Sinatras butterzarter Swing aus den Boxen: I did it my way. Der Mann, der heute 29 ist, sagt: "Wenn ich mir was leisten kann, mache ich es auch. Aber ich erzwing' mir keinen Luxus."

Kurdo Jalal Omar Abdel Kader, braune Augen, das schwarze Haar an den Seiten akkurat ausrasiert. Im nordirakischen Sulaimaniyya als Sohn kurdischer Eltern geboren, durch die Türkei geflohen vor Saddam Hussein. In Heidelberg zu dem geworden, der er heute ist: Geschäftsmann, ein Mensch mit breitem Gang. Vor allem: Rapper Kurdo, der in seinen Texten in einem Gemisch aus Deutsch, Kurdisch, Arabisch die Geschichte vom Straßenhelden erzählt, der sich vom Rand der Gesellschaft aus das nimmt, was in der Mitte keiner für ihn vorsieht. Der es geschafft hat, und trotzdem einen Scheiß gibt, der sich Verbrecher aus der Wüste nennt, und Slumdog Millionär.

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Rapper Kurdo: "Ich erzwing' mir keinen Luxus"

Kurdos Single "Ya Salam" erschien vor drei Monaten, ein poppiges Stück, das ein bisschen wie ein EM-Song klingt, solange man nicht so genau auf den Text hört: "Ich bin Kanake und kein Gringo." Bis heute wurde das Video knapp 19 Millionen Mal auf YouTube aufgerufen. Wer die Melodie einmal im Ohr hat, hört sie plötzlich überall.

Der Song dröhnt aus dem Gettoblaster zweier Jungs am Hamburger Hauptbahnhof, sie haben Schöfferhofer Grapefruit in der Hand, kaum Bartwuchs: Kurden aus der Türkei, die bei einer kurdischen Version des Lieds, die irgendwer illegal ins Netz geladen hat, mitsingen. Im Bus pulst "Ya Salam" durch die Kopfhörer eines Mädchens mit Kopftuch: Eine 15-jährige Syrerin, die vor zwei Jahren nach Deutschland floh.

Als Kurdo vor einigen Wochen abends am Heidelberger Bahnhof ankam, war er plötzlich von Flüchtlingen umringt, die Autogramme und Fotos wollten, die Polizei kam, weil die Beamten dachten, er würde überfallen. Kurdo sagt, er sei so berührt gewesen, dass er sich danach erst mal in seinem Auto sammeln musste.

Kurdos Jugend: prügeln, rauchen, Koks verticken

Flüchtlinge würden ihn verstehen, weil er ihre Geschichte teilt, sagt der Rapper. "Es gibt diese Wärme, weil man weiß, warum der andere gekommen ist." Eltern erblassen, wenn sie seine Texte hören. Aber es könnte auch schlechtere Vorbilder geben.

Kurdo-Geschichte: Sich im Flüchtlingsheim mit dem Bruder um die einzige Winterjacke prügeln, an der Essensausgabe anstehen für Pute und Kartoffeln. Heimlich rauchen auf dem Bolzplatz in Emmertsgrund, dem Stadtteil am Rande Heidelbergs, wo Kurdo im elften Stock eines Betonklotzes aufwuchs. Rappen im Jugendzentrum. An US-Soldaten Koks verticken, das nur Mehl ist. Später aber auch echte Anabolika-Ampullen im Fitnessstudio, 1000 Euro in drei Tagen. "Und das musst du dir vorstellen, meine Eltern waren ja Jobcenter."

Rapper Kurdo: Die Nächte sind sicher
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Rapper Kurdo: Die Nächte sind sicher

Das Fach-Abi nicht schaffen: "Ich hatte ja eine Freundin und so andere Sachen, da fängst du an zu spinnen." Also Grill schrubben bei Mandy's Burger. Security in der Hoffenheim Arena. Aushilfsfriseur, Pakete ausliefern. Die Freundin war irgendwann weg, das Rappen kam wieder. Die richtigen Freunde blieben. Als der Bruder des Offenbacher Rappers Haftbefehl Kurdos erstes Lied hörte, ging es los. Und hörte bisher nicht auf.

Harikar wohnt in derselben Unterkunft wie einst Kurdo

Fünf Minuten Gehweg vom Heidelberger Bahnhof. Außen sechs Stockwerke, blassbeiger Putz. Innen PVC-Boden und praktische Metallschränke. Eine Unterkunft, die gemacht ist, um schnell anzukommen, aber nicht, um immer zu bleiben. Harikar Hassan Khalaf, 21, beginnt sein Leben in Deutschland in dem Flüchtlingsheim, in dem auch Kurdo in den Neunzigern für ein Jahr lebte, nur zwei Stockwerke höher. Die Seiten trägt er genauso ausrasiert wie der Rapper, aber ist schmaler, ruhiger. Kurdos Musik dreht er auf, wenn er am Laptop sitzt, Hassan Khalaf liebt es, Fotos zu machen und zu bearbeiten. Um das Bild, das er mit Kurdo vor der Flüchtlingsunterkunft gemacht hat, beneiden ihn seine Freunde.

Was er an Kurdo schätzt? "Dass er seine Heimat nicht vergessen hat." Hassan Khalaf kam mit seiner Familie im Flüchtlingssommer 2015 nach Deutschland. Wie Kurdo stammt er aus dem Nordirak, aber Hassan Khalaf ist Jeside. Seine Leute wurden immer schlechter behandelt. Dann auch getötet. Seine letzte Zeit in der Heimat, als IS-Kämpfer die jesidische Stadt Sindschar eroberten und Tausende umbrachten und versklavten, beschreibt er so: "Man macht die Augen zu, am nächsten Tag wieder auf und nichts ist so wie früher."

In Kurdos Texten sind die Nächte sicher. "Ich hab's geliebt, schlafen auf dem Dach / Der Sonnenschein am Morgen, die Straße macht uns wach", rappt Kurdo über seine Kindheit. In seinem Kopf flirren nur noch Erinnerungsfetzen an Saddam Husseins Kampf gegen die Kurden; an Lichtblitze am Horizont, als würde Gott persönlich das Licht an- und ausschalten und an die kleingehackten Tomaten und das Brot, die die Mutter mitnahm, wenn sie zum Schutz in den Keller mussten.

        Kurdo mit Harikar Hassan Khalaf: "Er hat seine Heimat nicht vergessen"
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Kurdo mit Harikar Hassan Khalaf: "Er hat seine Heimat nicht vergessen"

Darunter vergraben liegt aber noch eine zweite Schicht: Kurz vorm Einschlafen träumte das Kind Kurdo oft den Heldentod: Er, mit einem Maschinengewehr vor dem Haus der Eltern. Vor ihm: Saddam Hussein mit Armee. Und er tötet und verteidigt, bis ihm irgendwann jemand in den Kopf schießt. "Dumm, oder? Halt so als Kind, und klar, als Kurde eben", sagt Kurdo. Aber noch heute, wenn er über den Ehrenfriedhof in Heidelberg geht, wo die Bundeswehr einmal im Jahr der Weltkriegsgefallenen gedenkt, stellt er sich vor, was auf seinem Grabstein stehen könnte. Kurdo fürchtet manchmal, zu weich zu werden.

Seine Lebenslinien verlaufen heute so: Er legt sich mit Salafisten an, wenn er ihre Stände in der Frankfurter Innenstadt sieht, weil er sich seinen Glauben von niemandem vorschreiben lassen will. Er findet Frauen mit und ohne Kopftuch sexy. Er hat Respekt vor Trumps Einreiseverbot für Muslime: "Er hat einen starken Punkt gesetzt für Terroristen. So wie in der Disco. Du kommst hier nicht rein." Und er postet auf Facebook ein Video von Martin Schulz, in dem der sich gegen die AfD ausspricht. Tausenden gefällt das.

Als Kurdo vor zwei Jahren Verwandte in Sulaimaniyya besuchte, erkannte er seine Vergangenheit nicht mehr. Er fand es schön für den Urlaub, war aber genervt, dass man immer höflich sein muss, selbst dann, wenn auch nachts noch Besuch kommt. Und er mochte nicht, dass viele Leute, so sagt er, "Fuchsmenschen" sind: weniger geradeheraus, verschlungener im Verhalten.

Als Hassan Khalaf vor drei Monaten in sein Dorf zurückreiste, weil die Großmutter verstorben war, wollte er vor allem schnell wieder zurück nach Deutschland. Das einzige, was er zuvor vermisst hatte, waren die Nachbarn, und die waren alle weg.

Mit Vorstandschefs in der FC-Bayern-Loge

Von dem Hochhaus in Emmertsgrund, in dem Kurdos Eltern bis heute im elften Stock leben, liegt einem Heidelberg zu Füßen. Kleine Spielzeughäuser in einem diesigen Kessel. Bald will Kurdo in der Innenstadt ein Restaurant aufmachen, schick soll es werden, mit Mosaiksteinen an den Wänden und orientalisch-irakischer Küche. Neulich saß er, weil er heute Beziehungen hat, in der VIP-Lounge bei Bayern München neben Vorstandschefs, die über Steuervorteile und Spenden redeten. Da sah er vor dem inneren Auge schon den nächsten Schritt. Ein Buch vielleicht, oder einen Film.

Unten in der Stadt ist Hassan Khalafs Tochter aufgewacht. Sie ist eine Woche alt. So klein, dass sie, wenn sie hungrig ist, bei jedem, der sie auf dem Arm trägt, mit dem Mund nach Brüsten tastet. Hassan Khalaf lacht, wiegt sie. Sein Traum für sich: eine Fotografenausbildung, vielleicht eines Tages mal Bilder für Kurdo machen. Sein Traum für die Tochter: dass sie in Deutschland aufwächst. Er trägt sie vor sich wie seinen Schatz auf Erden.

Kurdos viertes Album "Vision" ist im März erschienen. Ab Oktober tourt er durch Deutschland.


Dieser Text gehört zur Langzeitserie "The New Arrivals", bei der SPIEGEL ONLINE die syrische Familie Abu Rashed bei ihrem Alltag in Deutschland begleitet und gemeinsam mit "The Guardian", "El País" und "Le Monde" neue Perspektiven auf europäische Flüchtlingspolitik recherchiert. Das Projekt wird durch das European Journalism Centre (EJC) mit Mitteln der Bill und Melinda Gates Foundation unterstützt. Hier erfahren Sie mehr.

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