Fotoprojekt in Indien Die karge Welt der Ringer von Neu-Delhi

Ringen ist in Indien nicht nur ein Sport, es ist Teil einer spirituellen Lebensform. Der italienische Fotograf Marcello Perino hat einen Tag in der ältesten Kushti-Schule in Neu-Delhi verbracht.

Marcello Perino

Zur Person
  • Emilio Canu
    Marcello Perino, Jahrgang 1974, lebt in Rom. Er macht Reise- und Dokumentarfotos, am liebsten von Menschen auf Straßen. Bei seinem Besuch in Indien im November 2016 hat er auch im Nachtzug und bei Feuerbestattungen am Ganges fotografiert.

    Mehr Fotos gibt es unter: http://ovosphotography.com/

SPIEGEL ONLINE: Was ist Kushti?

Perino: Kushti ist eine traditionelle Form des Ringens und wird in Indien praktiziert. Allerdings ist es mehr als nur ein Sport, es ist eine Lebensform. Die jungen Männer wohnen zusammen. Sie schlafen, essen und trainieren in ihren Schulen, Akhara genannt. Ich war in der ältesten des Landes, in Neu-Delhi. Ein sehr einfacher, karger Ort und auch nicht unbedingt hübsch. Die Schüler folgen strikten Regeln, weil sie ein reines Leben anstreben.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie fasziniert?

Perino: Diese andere Vision vom Leben. Das ist ein hartes Dasein dort. Klar, die Jungs leben zusammen wie eine Familie oder vielleicht auch eher wie Kollegen. Viele träumen von einer sportlichen Karriere. Einige Ringer von dort haben es sogar zu den Olympischen Spielen geschafft. Dafür sind die Regeln streng. Trinken, Rauchen, Sex - alles verboten. Ich meine, die sind so Anfang zwanzig. Für mich klingt das nicht besonders verlockend. Aber es hat mich beeindruckt.

Fotostrecke

10  Bilder
Kushti: Ringen im Sand

SPIEGEL ONLINE: Wie war der Tag dort?

Perino: Ich kam um fünf Uhr morgens an. Um die Zeit wird aufgestanden. Der Tagesablauf ist immer gleich. Die Jungs beten und putzen die Statue, die auf dem Hof steht. Das ist Teil des spirituellen Lebens, das auf dem Hinduismus basiert. Zum Frühstück kochen sie Reis mit Gewürzen. Danach beginnt das Krafttraining an Hantelbänken und mit Seilen. An denen klettern sie die Bäume hoch, unglaublich beweglich. Oder sie schlingen sich die Seile um den Körper und ziehen daran Steinquader hinter sich her. Diese Kraft! Zwischendurch gibt es noch mal Essen und Tee. Nachmittags treten sie gegeneinander in Ringkämpfen an, auf einem Sandplatz in einer offenen Halle. Auch das ist Teil des Trainings. Nach den Kämpfen waschen sie sich den Sand von den Körpern und gehen früh ins Bett.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie denn überhaupt auf Kushti gekommen?

Perino: Ich habe mich vor meiner Indien-Reise im Internet nach Themen umgeschaut. Dabei bin ich auf die Kushti-Fotos eines Mannes gestoßen, der mir dann Tipps zu den Schulen gegeben hat. In Indien half mir eine Agentur bei der Organisation. Deren Mitarbeiter hat auch den Kontakt zur Schule hergestellt und mich an dem Tag begleitet. Der Guru dort hat gesagt, es sei okay, wenn wir vorbeikommen und ich Fotos mache.

SPIEGEL ONLINE: Was für ein Guru?

Perino: Maha Singh Rao, ein bekannter Ringer in Indien. Der leitet die Schule, auch im spirituellen Sinne, deshalb Guru. Er ist aber gleichzeitig auch Trainer und Manager. Ich war ehrlich gesagt etwas überrascht, dass er dem Besuch einfach so zugestimmt hat.

SPIEGEL ONLINE: War es denn einfach mit ihm und seinen Schülern in Kontakt zu kommen?

Perino: Keiner hatte ein Problem damit, dass ich fotografiere. Aber sie waren alle nicht besonders redselig, manche sogar eher schüchtern. Wir haben in der Früh Tee zusammen getrunken, ansonsten hielt ich mich im Hintergrund. Die Jungs sind es nicht gewohnt, für Fotos zu posieren und haben das alles dennoch akzeptiert. Das Einzige, was ich nicht tun durfte, war den sandigen Platz betreten, auf dem sie gegeneinander kämpfen. Der Platz ist heilig, deshalb musste ich meine Fotos vom Rand aus machen.

Das Interview führte Kathrin Fromm für das Fotoportal Seen.by.

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