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Landwirtschaft im Internet: Pig Brother

Von Jochen Brenner, Gömnigk

Wer muss den Stall als nächstes verlassen? Ein Berliner Unternehmer lässt Schweine von Geburt an filmen und Fleischesser im Internet darüber abstimmen, welches Tier geschlachtet, verarbeitet und per Post verschickt wird. Wer sich ein Leben lang kennt, respektiert sich, das ist die Idee.

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Um sechs Uhr fünf kommt der Tod zu Schwein 2, der Schlachter nennt es Schnuffi. Er schiebt die Zange über seinen Kopf, lässt 350 Volt durch den nassen Körper fließen, ein, zwei Sekunden dauert der Einsatz. Ein Haken zieht Schnuffi dann an den Hinterläufen in die Höhe, bevor ihm der Schlachter in den Hals sticht. Er weicht dem Blutschwall routiniert aus, rasch nimmt der Druck ab. Letzte Reflexe lassen die Muskeln am Hinterlauf zucken. Schnuffi wurde neun Monate alt.

Das erste Mal habe ich die Sau eine Woche vor ihrem Tod getroffen. Auf einem Acker in Brandenburg stupste sie mich von hinten an, dabei blieb der feuchte Dreck ihrer Schnauze an meiner Hose hängen. Behutsam streichelte ich sie über ihre Borsten, immer bereit, den 140 Kilogramm Lebendgewicht auszuweichen. Schwein 2 war aber nicht an mir interessiert, fraß stattdessen von Bauer Schulzes Bio-Futter, wühlte im Dreck oder zog sich mit seinen Gefährten in die kleine Hütte am Ackerrand zurück.

Das Schwein war mir gut, ich wollte es essen.

Die Routiniertheit der Brandenburger Schlachter hat etwas Fesselndes am letzten Morgen von Schwein 2. Nur Minuten ist es her, dass es von Bauer Schulzes Hänger trabte, direkt in die starken Arme seiner Henker. Sympathische Burschen sind es nicht, die mit der Kettensäge Schweinehälften aus meinem rosafarbenen Freund machen. Sein Darm rutscht auf den Boden, Leber, Niere, Lunge landen in einem Eimer. Jetzt ist der Moment, in dem mir schlecht wird, das dachte ich in den Tagen zuvor.

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Schwein gehabt: Vom Ferkel zur Wurst
Einen Namen hat Schwein 2 nie gehabt, Bauer Schulz hat ein großes Herz für Tiere, sentimental ist er nicht. Schweine sind seit DDR-Zeiten sein Beruf, er hat auf Höfen in Vietnam und Russland gearbeitet, Landwirtschaft an der Berliner Humboldt-Universität studiert. Seit 16 Jahren leben rund 200 Schweine auf seinem Acker am Dorfrand von Gömnigk, eine Autostunde von Berlin entfernt. Er verdient sein Geld mit ihnen.

Die Zwei in Schwein 2 ist eher eine Seriennummer als ein Name. Sie ist niedrig, weil die Serie noch klein ist. Schwein 1 hat schon hinter sich, was Schwein 2 gerade nicht überlebt. Sein Fleisch war in kürzester Zeit ausverkauft, von Internetkäufern wegbestellt, als handele es sich um eine Rarität.

Die Käufer haben Schwein 1 auf der Seite meinekleinefarm.org entdeckt, es blickte auf den Fotos keck in die Kamera von Dennis Buchmann. Buchmann hat mit meinekleinefarm.org die Schweineserie begründet. Er vermittelt zwischen Bauer Schulz in Gömnigk und Wurstessern aus ganz Deutschland. Das Geschäft läuft gut, die Wurst von Schwein 3 ist schon fast ausverkauft.

Ein Freund hat Buchmann mal Internetmetzger genannt, das klingt gut und stimmt fast. Meinekleinefarm.org ist ein Versandhaus für Wurst, ein Schweine-Amazon. Beim Online-Buchhändler gibt es seit einiger Zeit den "Blick ins Buch", die Funktion soll den Appetit der Leser auf die Ware anregen.

Den Bedarf entdecken, bevor der Käufer weiß, dass er ihn hat

Dennis Buchmann hat diese Funktion sehr wörtlich genommen, er hat sie bis an ihr äußerstes Ende gedacht. Was, wenn der Käufer dem Autor eines Buches sogar beim Schreiben zusehen könnte? Was, wenn der Fleischkäufer sein Schwein nicht erst als Wurstauslage kennenlernte, sondern ihm beim Wachsen zusehen könnte? Meinekleinefarm ist eine Geschäftsidee des allerersten Schritts. Was braucht man schon dafür, fragte sich Buchmann. Eine Kamera, eine Schweinezucht, eine schnelle Internetverbindung, keine Vegetarier.

Buchmann ist Biologe, Journalist, er kann sehr gut verkaufen. Den begabten Verkäufer zeichnet aus, dass er einen Bedarf schon dann erkennt, wenn er noch nicht mehr ist als ein diffuser Wunsch.

Mit meinekleinefarm.org bedient Buchmann die Sehnsucht nach verantwortungsvollem Konsum, den eine aufgeklärte Schicht äußert, die mit dem Fanatismus vegetarischer Weltverbesserer nichts anzufangen weiß. Wenn Buchmann flapsig ein "neues Bewurstsein" der Fleischliebhaber fordert, dann ermöglicht er seinen Käufern ökologischen Konsum ohne das Pathos der völligen Korrektheit: "Deutschland sucht das Superschwein" nennt er die Abstimmung im Online-Shop, in den ein buntes Banner programmiert ist: "Wir geben der Wurst ein Gesicht."

Vor ihm hat noch niemand versucht, die Casting-Idee des Trash-Fernsehens mit einer gesellschaftspolitischen Großdebatte so unmittelbar zu verschränken. Keine Woche verging im vergangenen Jahr, in der vegetarische Vordenker im Feuilleton nicht ihre fleischessenden Kollegen des Mordes bezichtigten, munitioniert mit den Werken von Jonathan Safran Foer und Karen Duve.

Der Mensch im Krieg mit dem Tier

Die beiden Autoren hatten ihren eigenen Weg zum Fleischverzicht aufgeschrieben, Safran Foer mit "Tiere essen" als eine Art literarische Recherche in autobiografischer Form. Duve nannte ihr Buch "Anständig essen", es beschreibt ihren Weg zur Vegetarierin, die beiden Autoren gingen schließlich gemeinsam auf Lesereise.

Safran Foer war nicht der erste, der Massentierhaltung und Klimawandel in Verbindung setzte. Sein Buch aber hatte die Kraft, eine Debatte anzustoßen, weil sich in ihm der ideologisch frei schwebende Literat auf die Suche nach dem besseren Leben macht. Safran Foer hatte in Schlachthäusern zugesehen, wie Tiere massenhaft getötet wurden und dort den Menschen im Krieg gegen das Tier entdeckt. Gleichzeitig vermied er jeden Fanatismus. "Die Rhetorik des Vegetarismus ist wirklich überzogen und sehr ärgerlich", sagte Safran Foer in einem Interview. "Nehmen Sie T-Shirts, auf denen ,Fleisch ist Mord' steht - ich weiß nicht, ob das andere Menschen überzeugt oder ob es sich nicht nur für den gut anfühlt, der es trägt." Die Frage sei: "Was willst du mit deiner Botschaft erreichen?"

Buchmann, der meinekleinfarm-Betreiber, sieht das ähnlich, "die Leute sollen einfach weniger Fleisch essen, den Kopf einschalten, wieder einen Bezug zum Tier bekommen", sagt er. Seit er Bauer Schulzes Freilandschweine kennt, ist er nicht zum Vegetarier geworden, behauptet aber, Döner und Fast Food seitdem nicht mehr bestellt zu haben.

Er verdient jetzt Geld damit, diffus verunsicherten Großstädtern wie mir 400 Gramm Knoblauchmett für 12 Euro plus Versand zu verkaufen. Das ist der Preis für ein reines Gewissen, er bietet dem Lifestyle-Vegetarier die Gelegenheit, sich mit der Lust am Fleisch zu versöhnen. Meinekleinefarm ist eine Art Resozialisierungsprogramm für Ex-Pflanzenfresser, Post-Vegetarismus der ersten Stunde.

Schwein 2 und ich - wir passen gut zusammen, das merke ich am Schlachttag beim ersten Biss in die Leberwurstsemmel. Sie schmeckt würzig, nicht zu trocken und hat eine angenehme Kümmel-Note. Beim Kauen lasse ich das Leben von Schwein 2 Revue passieren, wie es mich anstupste, wie es roch, im Dreck herumschnüffelte. Wir haben uns zwar im Internet kennengelernt und doch ist was aus uns geworden.

Für Dennis Buchmann ist das Schweinecasting erst der Anfang einer neuen Kultur zwischen Tier und Mensch. Er will in Restaurants digitale Bilderrahmen aufstellen lassen, auf denen Fotos aus dem Leben der verzehrten Schweine laufen. Ganze Schulklassen könnten ein Ferkel kaufen, hofft er, über die Mastzeit von neun Monaten sein Leben begleiten und seine Wurst am Ende auf die Pausenbrote geschmiert kriegen. "Ist doch eine gute Idee", sagt Buchmann, "Schwein gehabt."

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1. kein Titel
almeo 16.02.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEWer muss den Stall als nächstes verlassen? Ein Berliner Unternehmer lässt Schweine von Geburt an filmen und Fleischesser im Internet darüber abstimmen, welches Tier geschlachtet, verarbeitet und per Post verschickt wird. Wer sich ein Leben lang kennt, respektiert sich, das ist die Idee. Ein Kaufbericht. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,812541,00.html
Finde ich persönlich ja eher gruselig. Habe selbst lange sicher viel zu viel Fleisch gegessen und bin da jetzt auch auf unsere örtlichen Metzger umgestiegen und kaufe nicht mehr auf die abgepackt Ware beim REWE und Co, gleichzeitig habe ich drastisch die Mengen reduziert. So kenne ich inzwischen sogar die Bauern von denen der Metzger sein Fleisch geliefert bekommt und weiß, dass die Tiere gut gehalten werden, aber eine persönliche Beziehung zu meinem Schnitzel... Das bräuchte ich dann ja irgedwie auch nicht... Wer Vegetarier ist, darf das gerne machen, aber wer Vegetarier ist, der aber Fleisch ist, wenn er das Tier vorher kennen lernen kann, der ist mir irgendwie suspekt!
2. 400 Gramm Knoblauchmett für 12 Euro
maipiu 16.02.2012
Der Internetmetzger ist ein Genie. Mit dem schlechten Gewissen der (von militanten Vegetariern unterdrückten) armen Karnivoren verdient er sich dumm und dusselig. Das ist so clever, möge er Millionär werden!
3. ...
hermes69 16.02.2012
Zitat von maipiuDer Internetmetzger ist ein Genie. Mit dem schlechten Gewissen der (von militanten Vegetariern unterdrückten) armen Karnivoren verdient er sich dumm und dusselig. Das ist so clever, möge er Millionär werden!
Man muss kein miltanter Vegetarier sein um den Tieren den Stress und die Grausamkeit der Massenschlachtungen nicht zumuten zu wollen. Ich esse gerne Fleisch, aber auch ich kaufe nur beim Metzger meines Vertrauens. Nicht weil ich ein so edler Mensch bin, sondern weil ich es mir wert bin und nicht irgend eine Antibiotika verseuchte 99cent Wurst in mich reinstopfen will um mich dann zu fragen weshalb bei 7 Tage Fleischkonsum in der Woche mein Immunsystem verrückt spielt. Außerdem schmeckt es besser ... aber da wir in einer Konsumgesellschaft voller Gier leben sind solche Kommentare eben an der Tagesordnung. Traurig aber wahr
4. Dass man etwas lieber isst,
ginfizz53 16.02.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEWer muss den Stall als nächstes verlassen? Ein Berliner Unternehmer lässt Schweine von Geburt an filmen und Fleischesser im Internet darüber abstimmen, welches Tier geschlachtet, verarbeitet und per Post verschickt wird. Wer sich ein Leben lang kennt, respektiert sich, das ist die Idee. Ein Kaufbericht. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,812541,00.html
...wenn man dazu vorher eine innere Beziehung aufgebaut hat war bekannt. Berühmte Beispiele dafür sind: Prinz Charles, der mit seinem Gemüse spricht und Der Kannibale von Rotenburg, dessen Beziehung zu seinem Abendessen besonders innig war.
5. Tierliebe
Spiegelleserin57 16.02.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEWer muss den Stall als nächstes verlassen? Ein Berliner Unternehmer lässt Schweine von Geburt an filmen und Fleischesser im Internet darüber abstimmen, welches Tier geschlachtet, verarbeitet und per Post verschickt wird. Wer sich ein Leben lang kennt, respektiert sich, das ist die Idee. Ein Kaufbericht. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,812541,00.html
eine gute Idee! Viele Menschen haben nicht verinnernlicht dass vor der Wurst ein Tierleben steht und viele Qualen! Man sollte sowieso nicht jeden Fleisch auf dem Tisch haben, erhöht den Cholesterinspiegel und leert die Geldbörse. Obst und Gemüse sind viel gesünder!
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