Fotos aus Imperial County Kalifornien, wo der amerikanische Traum stirbt

Extremtemperaturen, landwirtschaftliche Monokulturen und hohe Arbeitslosigkeit: Der Bildband "Imperial County" nimmt den Betrachter mit auf eine Reise in den ärmsten Bezirk Kaliforniens.

Lars Borges

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Bei einem Flug über den Bezirk Imperial fällt der Blick auf eine scheinbar endlose Wüstenlandschaft. Doch plötzlich, wie aus dem Nichts: rechteckige, saftige Grünflächen, geometrisch präzise aneinandergereiht, auf denen Gemüse und Getreide wächst. Auch der Berliner Fotograf Lars Borges war von diesem Anblick fasziniert und beschloss, sich die Gegend genauer anzuschauen. Drei Jahre später ist nun sein Bildband "Imperial County" erschienen.

Die Gegend im Südosten Kaliforniens gehörte bis 1907 zum Bezirk San Diego und wurde danach eigenständig; damit ist sie der jüngste Bezirk des US-Bundesstaates. Temperaturen von bis zu 50 Grad und geringe Niederschläge machen aus dem Gebiet eine Wüstenregion. Trotzdem gehört der Bezirk Imperial zu den Hauptproduzenten von Wintergemüse, Salat, Korn und Alfalfa in den USA - dank aufwendiger Bewässerungssysteme.

Der Wasserverbrauch ist riesig, ohne eine permanente Zufuhr könnten kaum Pflanzen wachsen. Der Bezirk bezieht gewaltige Wassermengen aus dem Colorado River und transportiert sie über mehrere Hundert Kilometer auf die Felder. Laut Bloomberg stehen rund 500 Farmern aufgrund alter Rechte fast vier Milliarden Kubikmeter im Jahr zu. Das entspricht etwa einem Drittel des jährlichen Wasserbedarfs der kalifornischen Städte mit etwa 37 Millionen Einwohnern.

Borges' Luftaufnahmen zeigen das merkwürdige Landschaftsbild aus Wüste, Monokulturfeldern, Viehfarmen und Solarzellenreihen. Er porträtiert aber auch die Bewohner dieser dünn besiedelten Region: Erntehelfer, Immigranten, Ex-Gefängnisinsassen, Drogendealer, Kinder, Autotüftler und Hula-Hoop-Künstler.

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14  Bilder
Hitze, Arbeitslosigkeit und Monokulturen: Im ärmsten Bezirk Kaliforniens

Video: Kalifornien aus der Luft

OFF THE FENCE

In dem Bezirk leben knapp 200.000 Menschen, ihr Leben ist hart. Rund dreiviertel der Einwohner sind Hispanics, größtenteils mexikanische Hilfskräfte, die für wenig Geld auf den Feldern arbeiten. Aber auch andere Ethnien sind vertreten: Sie alle sind gekommen, um hier den amerikanischen Traum zu leben.

Für die meisten bleibt er genau das: ein Traum. Das Einkommen vieler Menschen liegt weit unter dem Durchschnitt Kaliforniens, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Ein Großteil der Arbeitsplätze hängt von der Landwirtschaft ab: Steigen im Sommer die Temperaturen zu sehr an, liegen viele Felder brach.

Als antiamerikanisches Buch will Borges seinen Bildband allerdings nicht verstanden wissen: "Ich mag Amerika aus vielen Gründen. Aber ich will zeigen, was ungehemmter Kapitalismus an der Natur und am Menschen verbricht."

Borges besuchte die Bewohner von Orten wie Calexico, Holtville oder El Centro. Er suchte den Kontakt zu ihnen und versuchte, Vertrauen zu schaffen. "Ich habe ihnen ehrlich erzählt, was ich vorhabe und was ich spannend an dem Thema finde. Dann habe ich mit ihnen viel Zeit verbracht, bin auch zu ihnen nach Hause gegangen."

Erst als sich Vertrautheit einstellte, fing Borges an zu fotografieren. Er nutzte eine kleinere Kamera, mit der er eher unauffällig Bilder machen konnte - ohne künstliches Licht und Inszenierung. Stattdessen porträtierte er die Menschen in ihrer vertrauten Umgebung.

Stefanie nimmt auf dem Parkplatz eines großen Einkaufszentrums ein Sonnenbad, die 13-jährige Hailey hat ihren Softballschläger auf die Schulter gelegt, Annabel bewässert mit einem Schlauch den Garten der Familie, ein Rodeo-Aufseher sitzt mit Cowboyhut auf einem Pferd.

Borges vergleicht den Bildband mit einer Art Roadmovie, der durch die Region führt. "Ich wollte keine Typologie des Ortes aufstellen, sondern den Vibe rüberbringen", sagt er. Und so entfaltet sein Buch erst in der Summe seine Wirkung - in 156 Aufnahmen macht Borges den Bezirk Imperial greifbar.

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Lars Borges:
Imperial County

Kehrer Verlag; 192 Seiten;



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