Attacke bei Musikfestival Die Helden von Las Vegas

In der Krise rückt das Land zusammen: Amerika erlebt eine Welle der Solidarität mit den Opfern des Massakers von Las Vegas - und feiert die Retter, die ihr Leben für andere riskierten.

Gedenkstätte für die Opfer von Las Vegas
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Gedenkstätte für die Opfer von Las Vegas

Aus Las Vegas berichtet


Der unscheinbare Flachbau liegt an einer Ausfallstraße im Westen von Las Vegas, zwischen "Pizza Hut" und einem "Seven Eleven"-Laden. Nur die lange Menschenschlange signalisiert, dass hier gerade etwas Besonderes passiert.

Junge, Alte, Manager, Hausfrauen, sie alle stehen geduldig an, um beim "United Blood Service" Blut zu spenden. Sie wollen nach der Attacke auf das Country-Musikfestival helfen. Hunderte Verletzte werden noch in den Krankenhäusern der Stadt behandelt, manche haben viel Blut verloren. Vor allem die seltene Blutgruppe Null Rhesus negativ wird gebraucht.

"Ich kann jetzt doch nicht einfach teilnahmslos zu Hause sitzen", sagt Brandon Robles, 31. Er ist extra aus seiner kleinen Stadt im Süden Kaliforniens nach Las Vegas gefahren, vier Stunden saß er im Auto. Jetzt steht er seit drei Uhr morgens vor der Blutspendestelle und wartet darauf, dass er an die Reihe kommt.

Schlange an der Blutspendestelle
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Schlange an der Blutspendestelle

David Goodman, 41, wohnt gleich in der Nachbarschaft und arbeitet in der Finanzbranche. Er war schon am Vortag hier. Da wurde er jedoch wieder fortgeschickt. "Der Andrang war einfach zu groß", sagt er.

Es ist wie so häufig nach Amokläufen oder großen Unglücken: Amerika vergisst für einen kurzen Moment jeden Streit und alle politischen und sozialen Konflikte. Fast 60 Tote, ein Massenmord mitten in Las Vegas, das lässt niemanden kalt. In der Krise rückt das Land zusammen.

Blutspender David Goodman
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Blutspender David Goodman


Die großen Kasinohotels in Las Vegas bieten Angehörigen von Verletzten kostenlose Zimmer an, eine Fluggesellschaft zahlt ihnen die Flüge und es gibt im Internet einen Spendenaufruf für die Opfer der Attacke. Innerhalb weniger Stunden zahlten 43.000 Menschen insgesamt drei Millionen Dollar in den Fonds ein. Die Initiatoren hatten mit 100.000 Dollar gerechnet.

Und da sind natürlich die vielen Heldengeschichten aus der Nacht der Attacke, über die nun in den Zeitungen und im Kabelfernsehen ausgiebig berichtet wird. Es sind Geschichten über Menschen, die so sind, wie viele Amerikaner sich selbst und ihr Land gerne sehen: mutig, hilfsbereit, menschlich.

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Las Vegas: Schüsse aus dem Hotelzimmer

Rod Ledbetter, ein 42 Jahre alter Armeeveteran, rettete wohl etlichen Menschen das Leben. Als die Schießerei begann, bewahrte er einen kühlen Kopf. Bevor die ersten Sanitäter eintrafen, verband er Wunden von Opfern mit Teilen eines T-Shirts und einer Jacke, er belud einen Lastwagen mit Verwundeten und schickte den Fahrer ins nächstgelegene Krankenhaus. "Ich wollte noch mehr Menschen helfen, aber es ging nicht. Da lagen überall Verletzte, es waren einfach zu viele", erzählt er.

Oder Jonathan Smith. Er soll etwa 30 Menschen aus dem Chaos herausgeführt haben, er packte sie, schrie ihnen Kommandos zu, bevor ihn eine Kugel am Hals traf. Er ging zu Fuß ins Krankenhaus, doch die Ärzte ließen das Geschoss stecken. "Es kann sein, dass ich diese Kugel für den Rest meines Lebens ertragen muss", sagte er der "Washington Post".

Oder Taylor Winston. Der Ex-Marine klaute in dem Chaos nach den Schüssen einen Pick-up-Truck am Rand der Konzertbühne, belud ihn mit so vielen Verletzten, wie er konnte und fuhr immer wieder zwischen dem Krankenhaus und dem Ort des Massakers hin und her. Am Tag danach gab er den Truck und die Schlüssel an den Besitzer zurück.

Oder Sonny Melton, ein gelernter Krankenpfleger aus Tennessee. Er versuchte, seine Frau Heather vor dem Kugelhagel zu schützen. Dann wurde er selbst erschossen. "Er packte mich und wollte mit mir fortlaufen, dann spürte ich, dass er im Rücken von einer Kugel getroffen wurde", erzählt sie einem Lokalsender. "Er war der liebenswerteste, beste Mensch, den ich je kennengelernt habe."

Video aus Las Vegas: "Das Schlimmste, was uns passieren konnte"

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Praktisch jede Kirche in Las Vegas hat bereits einen Gedenkgottesdienst für die Opfer, die Angehörigen und die Helfer veranstaltet. Es werden Kerzen angezündet und Gebete gesprochen. Auch US-Präsident Donald Trump wird in der Stadt erwartet, er will sich mit Überlebenden des Massakers treffen, beten.

Nur die gesamte Waffendebatte spielt in Las Vegas - zumindest bislang - kaum eine Rolle. Während die Politiker im fernen Washington fast ritualhaft ihre Argumente für oder gegen schärfere Waffengesetze austauschen, hört man dazu am Ort des Massakers praktisch nichts.

Es gibt keine Demonstrationen, kaum Protestschilder, kein Zeichen des Aufstands gegen die mächtige Waffenlobby. Nevada ist einer der Bundesstaaten mit den laschesten Vorschriften zum Erwerb von Waffen. In Las Vegas gibt es etliche Geschäfte, in denen man alle möglichen Gewehre kaufen kann. Sie sind wie selbstverständlich auch jetzt geöffnet. Genauso wie die vielen "Schießstände", in denen Touristen für ein paar Dollar mit halbautomatischen Waffen auf Pappschilder feuern können.

David und Brandon vor der Blutspendestelle wollen von einer Diskussion über neue Anti-Waffengesetze nichts wissen. "Das bringt doch alles nichts, dann töten sie die Leute halt mit anderen Mitteln", sagt David. "Mit Autos, Lastwagen oder mit Messern."

Und Brandon meint: "Das ist doch alles nur Politik", sagt er. "Das gehört hier jetzt nicht hin."

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puglio 04.10.2017
1. Das Übliche also...
...die US-Bürger rücken zusammen, trauern gemeinsam, feiern ihre Helden...und warten drauf, dass es wieder passiert. Es ist doch immer wieder das Gleiche. Ändern wird sich da nichts. Im Gegenteil, es wird es noch mehr Waffen geben und das Gefahrenpotential steigen. Statt zusammenzurücken sollten sie endlich einmal Konsequenzen aus dem laxen Umgang mit Waffen ziehen.
Flying Rain 04.10.2017
2. Gute
Gute Leute die einen klaren Kopf beqahrt haben und somit so einige gerettet haben. Das die Waffendebatte in Vegas noch nicht gestartet wurde ist auch der Tatsache geschuldet dass viele der Amis in etwa so denken „aufgrund eines Waldbrandes alle Bäume verbieten?“.
FL1962 04.10.2017
3. Krise?
Das ist keine Krise, das ist der ganz normale Preis, den die USA für das Recht, beliebig viele Waffen zu besitzen, zu zahlen bereit sind, so wie wir Deutschen den ganz normalen Preis für freie Fahrt für freie Bürger bezahlen.
jujo 04.10.2017
4. ...
Hallo USA, wenn Ihr jetzt die Helden feiert ist das O.K. Wenn Ihr aber zu Ende gefeiert habt, ändert die Gesetze dann werdet Ihr meine Helden!
aopoi 04.10.2017
5. Und schön die Diskussion
über die wahren Probleme, wie z.B. den Waffenwahn auf den amerikanischen Heldenmythos zu lenken. Als wenn Hollywood Regie führt und aus jedem der vor Ort sein Job so macht, wie es von ihm erwartet wird, gleich ein Held wird. Die Jungs haben einen guten Job gemacht, aber diese Heldendiskussion dient nur der Ablenkung und der Schmückung der Verantwortlichen Politiker und örtlichen Behörden zwecks Wiederwahl. Passiert etwas grösseres dann gibt es immer Helden. Das eigene Abfeiern zu jeder Gelegenheit.
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