Leben mit Limit Die Mindestlöhnerin

Stephanie Oliveira geht jeden Tag putzen, bekommt 8 Euro 55 Cent die Stunde. Sie verdient damit mehr, als die Politik an Lohn zurzeit fordert. Für ein unabhängiges Leben reicht das Geld trotzdem nicht.

Von Jochen Brenner

Reinigungskraft Stephanie Oliveira: "Mein Gehalt sinkt, die Arbeit bleibt die gleiche"
SPIEGEL ONLINE

Reinigungskraft Stephanie Oliveira: "Mein Gehalt sinkt, die Arbeit bleibt die gleiche"


Hamburg - Sie hatte eine Glückssträhne, ein paar Monate ist das her, und Stephanie Oliveira war kurz davor, ihr zu vertrauen. Sie hatte Arbeit, jeden Tag fast acht Stunden, sie mochte, was sie machte, die Kollegen und den Zusammenhalt. Warum sollte sie den Sprung nicht endlich wagen?

Etwas über 1000 Euro überwies die Wisag ihr im Monat, ein riesiger Dienstleister aus Frankfurt am Main, der deutschlandweit fast 24.000 Mitarbeiter in Firmen entsendet. Dort putzen sie, wachen an Pforten, halten Gebäude in Schuss.

Stephanie Oliveira blätterte durch die Wohnungsanzeigen. Sie ist 23 Jahre alt und lebt noch bei den Eltern in Hamburg. Ein paar Annoncen strich sie an. Der Sprung in ein eigenes Leben würde schwer werden.

"Es war eine knappe Kalkulation"

Von den rund 1000 Euro Gehalt gingen noch die Kosten für Versicherungen ab, für ein Mobiltelefon, für Kleinigkeiten. 75 Euro zahlen Hamburger allein für die Monatskarte. "Es war eine ziemlich knappe Kalkulation", sagt Oliveira. "Ich war nicht sicher, ob ich mich auf sie verlassen konnte."

8 Euro 55 Cent zahlt die Wisag ihren Reinigungskräften pro Stunde, es ist der Mindestlohn, den die Gewerkschaft IG Bau vor zwei Jahren für die Branche mit den Arbeitgebern aushandelte. Der Abschluss galt damals als zukunftsweisend, die Gewerkschaft feierte ihren Erfolg.

Stephanie Oliveira ist dann nicht zu Hause ausgezogen. Sie überweist stattdessen 200 Euro an ihre Eltern für die Wohngemeinschaft, die sie aus eigener Kraft nicht verlassen kann.

"Mein Gehalt sinkt, aber die Arbeit bleibt die gleiche"

Heute ist sie froh darüber, denn ihre Glückssträhne endete. Aus den knapp acht Stunden pro Tag machte die Wisag erst sechs, dann fünf, jetzt sind es nur noch dreieinhalb Stunden Arbeit, so steht es in ihrem neuen Vertrag.

"Die kürzen die Stellen, wie sie es gerade brauchen", sagt Oliveira, "mein Gehalt sinkt, aber die Arbeit bleibt die gleiche." Sie hat ihren Chefs ihre Situation erklärt, sie hat ihnen erzählt, wie gut sie sich inzwischen auskennt bei ThyssenKrupp, dass sie neue Kollegen eingelernt hat, immer mehr schaffen kann, weil sie Erfahrung hat. "Aber das interessiert sie nicht." So erzählt es die junge Frau. "Ich habe keine Chance."

600 Euro hat Oliveira jetzt zum Leben und sehr viel Freizeit. Um drei fängt ihr Tag bei ThyssenKrupp an, wo sie Büros putzt und manchmal Maschinen. Und um halb sieben ist er schon wieder vorbei. Dann setzt sie sich in die Bahn und fährt zu ihren Eltern nach Harburg, fast eine Stunde ist sie unterwegs.

"Ich weiß nicht, wie sich an meiner Situation in Zukunft etwas verbessern soll", sagt die junge Frau. Mit acht Jahren kam sie nach Hamburg, ihr Vater ist Portugiese, ihre Mutter Spanierin, zu Hause sprechen sie französisch.

Eine Mindestlohnfamilie in Deutschland

Stephanie besuchte die Gesamtschule im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg, kein idealer Ort für ein junges Mädchen, um Deutsch zu lernen. Sie hängte an den Hauptschulabschluss ein Vorbereitungsjahr, aber eine Lehrstelle fand sie trotzdem nicht.

Seitdem geht sie putzen, wie ihre Eltern auch, der Vater acht, die Mutter vier, die Tochter dreieinhalb Stunden am Tag - eine Mindestlohnfamilie in Deutschland. Gemeinsam kommen sie über die Runden, jeder für sich müsste scheitern.

"Wenn ich Mindestlohn höre, denke ich, dass der zum Leben reichen sollte", sagt Stephanie Oliveira. Sie hat den Traum von der eigenen Wohnung noch nicht aufgegeben.

Es geht nicht nur ums Geld

Weil es ihr wie vielen geht, spricht sie über ihr prekäres Leben. Längst nicht alle trauen sich, Kritik an den Arbeitgebern zu üben oder am System.

In der Gebäudereiniger-Branche soll es Männer geben, Familienväter, die seit Jahren offiziell einen Vier-Stunden-Vertrag haben, aber sieben arbeiten und dafür auch stillschweigend bezahlt werden. Macht einer von ihnen Probleme, erfüllt der Arbeitgeber nur noch seine vertragliche Pflicht und beschäftigt den Kollegen für vier Stunden. So stellt es die IG Bau dar.

Es geht dabei auch nicht immer nur ums Geld. Die Geschicklichkeit, mit der die großen Firmen durch den arbeitsrechtlichen Graubereich steuern, nagt am Selbstbewusstsein vieler Menschen, die putzen gehen. "Ich kenne einige, die den Druck einfach nicht aushalten."

Unter den Kollegen setzt sich der Eindruck fest, dass "die da oben" es einfach mal probieren und darauf hoffen, dass längst nicht alle sich wehren.

Stephanie Oliveira hat einen neuen Plan, um sich aus der Misere zu befreien. Zunächst will sie wieder acht Stunden am Tag arbeiten, "wie alle anderen Menschen auch". Dann wird sie sich wieder auf die Suche machen, nach einer eigenen Wohnung und einem besseren Leben. Und wenn das Geld dazu nicht reicht? "Dann nehme ich mir noch einen Zwei-Stunden-Job dazu."



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