Elterncouch Zu irgendwas müssen Väter doch gut sein

Erschöpfter Vater mit neugeborenem Töchterchen (Symbolfoto)
imago/ Westend61

Erschöpfter Vater mit neugeborenem Töchterchen (Symbolfoto)


    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Jonas Ratz schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Juno Vai.

Schwangerschaft, Geburt, Stillen: Wenn es mit Kindern essenziell wird, sind Männer nur Statisten. Jonas Ratz fragt sich: Gibt es denn wirklich nichts Sinnvolles, was Väter beitragen können?

Väter sind nutzlos. Diese Erkenntnis kam mir zuletzt, als ich im Kreißsaal am Rand der Badewanne kauerte, in der Jana gerade unser drittes Kind gebar. Ich hätte wirklich gerne irgendwas Sinnvolles beigetragen, schließlich war ich mal Zivi, da bekommt man beim leisesten Geruch von Sterilium gleich ein Pawlowsches Helfer-Syndrom. Aber die allererste Zivi-Lektion ist: Steh nicht im Weg rum, wenn fachkundige Menschen gerade arbeiten.

Also versuchte ich mich so klein wie möglich zu machen und schaute zu, wie unsere Tochter Elisa auf die Welt kam. Was für ein verdammtes Wunder das doch ist. Jedes Mal. Und wie weise von der Evolution, dass wir Männer dabei nicht mehr als Statisten sind. 2013 haben sich zwei niederländische Fernsehmoderatoren in einem Experiment mit Stromschlägen am Bauch Wehenschmerzen simulieren lassen. Der eine gab auf, weit vor den geplanten zwei Stunden.

Dabei sind Geburtsschmerzen wenigstens produktiv: Man hat am Ende immerhin ein Baby im Arm. Selten bei chirurgischen Eingriffen. Man stelle sich vor, man bekäme im Anschluss an eine OP seinen Blinddarm auf den Bauch gelegt und er lächelt einen an: Wie niedlich, ganz der Papa!

Wenn Männer also schon bei der Geburt nichts als Demut beitragen - wenigstens in den Nächten danach können sie helfen. Und obwohl ich auch das schon zwei Mal erlebt habe: Ich hab es einfach vergessen. Diesen unerbittlichen, sägenden Imperativ eines Säuglingsschreis zwischen 3 und 4 Uhr nachts. Der nicht sagt: "Wenn ich es mir recht überlege, lieber Papa (Betonung auf der zweiten Silbe), jetzt wäre ein guter Zeitpunkt für eine neue Windel!" Sondern: "Hallooooo? Ich steeeerbe!"

Kein Witz. Wenn Säuglinge irgendeine Empfindung haben - Hunger, Kälte, Angst - springt ihr Alarmzentrum im Gehirn an, das Limbische System. Dessen Regulierung ist allerdings noch nicht so fein austariert, um zwischen wirklicher Lebensgefahr und einer vollen Windel zu unterscheiden. Es gibt nur an oder aus. Jedenfalls bei Elisa. Sie hat Haare wie ein Filmstar (zugegeben, im Moment eher Pixie-Cut statt Gala-Mähne), braune Augen und einen Stimmumfang wie die frühe Mariah Carey. Wenn sie hoch sang. Also sehr hoch.

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Elisas bevorzugte Probenzeit ist die Nacht, wenn Kleingeister wie ich normalerweise schlafen. Zurecht, denn mir fällt nichts ein, was zwischen 3 und 4 Uhr nachts jemals Gutes geschehen sein soll. Im Gegenteil: Was tagsüber schon grau war, wird nachts schwarz. Was tagsüber lösbar war, wird nachts zum Monster. Kurz: Nachts zwischen 3 und 4 ist ein Arschloch. Und statt diese Dunkelzeit gnädig zu verschlafen, stehe ich jetzt mit Elisa am Wickeltisch: wischen, cremen, pampern. Mein persönlicher Triathlon.

Schaffe ich inzwischen wieder in Bestzeit, das macht das Training. Dann noch eine Runde durch das stockdunkle Wohnzimmer und einer von uns beiden schläft sofort wieder ein. Nachts verarbeiten Babys, was sie am Tag erlebt haben, heißt es. Das finde ich bemerkenswert, bei Elisa würde das bedeuten, dass sie nachts verarbeiten muss, dass sie tagsüber praktisch nur geschlafen hat, von ein paar Stillpausen mal abgesehen. Warum muss das mit den Mariah-Carey-Schreien dann ausgerechnet nachts sein?

Aber dann liegt sie auf mir, die Brust hebt und senkt sich, hebt und senkt sich, immer der gleiche Rhythmus, wohl DER Evergreen der Menschheitsgeschichte. Elisa schnauft einmal leise, bevor sie einschläft, als ob sie mir noch etwas sagen will. Genau kann ich es nicht verstehen. Aber ich glaube, es soll heißen: So nutzlos seid ihr Väter gar nicht.

Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Jonas Ratz,
    Vater von Frederik (sieben Jahre), Oliver (vier Jahre) und Elisa (ein Monat)

    Liebstes Kinderbuch: "Wo die wilden Kerle wohnen" von Maurice Sendak (Oft habe ich das Gefühl: bei uns zu Hause...).

    Nervigstes Kinderspielzeug: mein Smartphone

    Erziehungsstil: Erziehung ist das, was passiert, während man daran scheitert, ein Vorbild zu sein.

    Sammelt: Kinderworte. Hafersocken statt Haferflocken, Sambalamba statt Salamander. Kennen Sie auch solche kreativen Abwandlungen? Schreiben Sie an kinderworte@spiegel.de.

    Jonas Ratz eine E-Mail schreiben.

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35 Leserkommentare
supergrobi123 21.04.2018
wburger271 21.04.2018
lupenreinerdemokrat 21.04.2018
mi-no-savi 21.04.2018
krause.bettina 21.04.2018
wanderer777 21.04.2018
Fabiola 21.04.2018
Fabiola 21.04.2018
Frida_Gold 21.04.2018
Schweizer 21.04.2018
KObibibibi 21.04.2018
theanalyzer 21.04.2018
domino3116 21.04.2018
Tingletangle 21.04.2018
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Emma Woodhouse 21.04.2018
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hexenbesen.65 23.04.2018
mr_mitty 23.04.2018
hexenbesen.65 23.04.2018
hexenbesen.65 23.04.2018
helisara 23.04.2018
Gaztelupe 23.04.2018
tarik.akguel 24.04.2018

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