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Leben mit verformter Wirbelsäule: Die Wieder-Auferstehung

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Jahrzehntelang ging Ludwig Hammel bucklig durchs Leben, sah kaum mehr als die eigenen Füße. Die Krankheit Morbus Bechterew ließ seine Wirbelsäule verkrümmen. Vor einem Jahr wurde der 52-Jährige operiert. Erfolgreich.

Morbus Bechterew: "Was willst du mit dem Krüppel?" Fotos
DVMB BV

Ludwig Hammel war 51, als er zum zweiten Mal aufrecht zu gehen lernte. Schritt für Schritt, seinen Blick richtete er in die Gesichter seiner Ärzte. Er brauchte Hilfe, einen Physiotherapeuten an seiner Seite, einen Rollator, der ihm Halt gab. Die ersten Wege waren kurz. Vom Bett zur Tür. Zwölf Schritte auf dem Krankenhausflur. Dann Treppenstufen und Tabletten gegen die Schmerzen. 16 Schrauben und zwei Stangen fixierten seine Wirbelsäule in ihrer neuen Position.

Hammel konnte wieder sehen, was vor ihm war, er brauchte zur Orientierung nicht mehr das Muster der Pflastersteine am Boden. Er schaute in die Gesichter der Menschen, die ihm entgegenkamen, in ihre Augen. Und konnte es kaum glauben.

Fast 20 Jahre lang hatte Hammel den Kopf nicht heben können. War bucklig und steif. Schwerstbehindert. Seine Wirbelsäule hatte sich krankhaft verformt, unten gerade und oben nach vorne gekrümmt. Diagnose: Morbus Bechterew. Unheilbar.

Mit 16 begann das Stechen in Hammels Kreuz. Er habe damals für den Sport gelebt, sagt er. Fußball, Tennis, Joggen, Bergsteigen. Mit 13 war er jüngster Fußball-Schiedsrichter in Europa. Es sei eine Mordsgaudi gewesen, damals. Dann die Schmerzen. "Mei, so ein junger Bursche mit Rückenschmerzen, das passte ja nicht zusammen", sagt Hammel. Er nahm Tabletten und machte weiter. Mit seinem Hauptschulabschluss, seiner Lehre als Kaufmann, als Mitarbeiter in einem Sportgeschäft, als Versicherungsverkäufer. Nebenher verdiente er Geld als Surf- und Skilehrer.

Jahrelang konnte ihm niemand erklären, woher die Schmerzen kamen. Keiner wusste, was mit Hammel los war, mit seinem Körper, der ihn immer häufiger im Stich ließ. Er war 23, als seine Rückenschmerzen endlich einen Namen bekamen: Morbus Bechterew. Hammel resignierte. Wollte sich nicht mit der Krankheit auseinandersetzen. Was sollte man schon machen, damals, in den achtziger Jahren? Sein Mofa, seine Kumpels, die Mädchen, das war es, was zählte. Er fühlte sich jung und unverwundbar.

"Es hat mich fertiggemacht"

Dann musste er den Sport aufgeben. Die Schmerzen waren unerträglich geworden. Er litt, körperlich und seelisch. Zwei Jahre habe er es nicht ertragen können, einen Fußballplatz zu sehen. "Es hat mich fertiggemacht." In ganz schwachen Momenten saß er nachts im Auto und fuhr einfach durch die Gegend. Jetzt gegen die Mauer? Hätte ja doch nichts gebracht. Ihm nicht. Niemandem.

Hammel wurde erst trotzig, dann Zweckoptimist. Er wollte nicht, dass die Leute ihm beim Rausgehen auf den Buckel starrten. "Also war ich eben der Letzte, der rausgegangen ist."

Er ging nach Oberammergau in die Reha, lernte Menschen mit demselben Schicksal kennen. Und ergab sich seiner Diagnose, wie er sagt. Gymnastik, Massagen, Moorbäder. Alles, um Muskeln und Gelenke beweglich zu halten. Über einen Patienten lernte er die Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew (DVMB) kennen. Eine Selbsthilfegruppe.

Von seinen alten Bekannten - vom Fußball, Tennis oder Squash - hörte er immer weniger. Nach einem Jahr war er selbst in der DVMB aktiv, 1986 wurde er als Ehrenamtlicher in den Bundesvorstand gewählt, zwei Jahre später war er hauptamtlicher Geschäftsführer und zog nach Schweinfurt. Zwei Jahre lang wollte er dort bleiben. Dann lernte er Birgitta kennen, die beiden heirateten.

Für seine Frau sei die Krankheit nie ein Problem gewesen, sagt Hammel. Für ihr Umfeld schon. Noch kurz vor der Hochzeit habe sie sich Sprüche anhören müssen: Was willst du denn mit dem Kranken? Mit dem Krüppel?

Tochter Anna kam 1995 auf die Welt. Natürlich gab es Fragen im Kindergarten, warum der Papa so bucklig sei. Wie in den Geschichten, man kennt das ja, die Bösewichte, der Glöckner von Notre Dame. Anna imitierte den Gang ihres Vaters, um ihren Spielkameraden seine Krankheit zu erklären. Darüber lacht Hammel heute noch. Hält sich den kugeligen Bauch. Zwirbelt den Walross-Schnauzer zurecht. Er selbst engagierte sich damals unter anderem als Elternsprecher, mischte sich ein, wo er konnte, und klärte auf.

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insgesamt 14 Beiträge
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1. ...
johnnychicago 17.10.2010
Anmerken muss man auch (und das dürfte einige Patienten mit aktueller Diagnose etwas beruhigen), dass nicht alle Verlaufsformen des Morbus Bechterew derart fulminant verlaufen wie das Beispiel im Artikel. Am besten sollten sich die Betroffenen an die im Artikel erwähnte DVMB halten. Sehr wirkungsvoll können auch spezielle Kuren wirken (in Oberammergau, Bad Kreuznach, etc...) Schlechte Erfahrungen habe ich persönlich mit sogenannten Naturheilverfahren gemacht. (Akupunktur, Homeopathie, etc...) Die Schulmedizin kann auch den Verlauf nicht aufhalten sondern nur die Schmerzen lindern. COX 1 oder Cox 2-Hemmer, sinnvoll eingesetzt, können dabei helfen die Beweglichkeit zu behalten, natürlich nur im Zusammenhang mit Bewegungsübungen, wie sie in den Kurkliniken angeboten werden. Ein krummer Rücken muss heute nicht mehr sein (auch bei schweren Verlaufsformen)
2. Aufrichten
Seifert 17.10.2010
Zitat von sysopJahrzehntelang ging Ludwig Hammel bucklig durchs Leben, sah kaum mehr als die eigenen Füße. Die Krankheit Morbus Bechterew ließ seine Wirbelsäule verkrümmen. Vor einem Jahr wurde der 52-Jährige operiert. Erfolgreich. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,722625,00.html
Nicht nur bei Morbus Bechterew,sondern auch bei schweren Formen der Skoliose ist eine Aufricht-OP sinnvoll.Da wird zwar mit Implantaten gearbeitet,die positiven Folgen einer solchen OP sind jedoch häufig erstaunlich.So lassen sich Herz-und Lungenprobleme oft minimieren bis zum Verschwinden,der Gewinn an Lebensqualität ist immens.
3. Dieser Artikel...
seppiverseckelt 17.10.2010
... ist bei aller SPEKTAKULÄRERITIS nur bedingt hilfreich und verschreckt durch Brachial-verbalität vielleicht diejenigen denen er helfen und Mut machen soll !!! Erstens ist 16 Jahre als beginn des M.Bechterew zum Glück sehr selten- meistens beginn zwischen den frühen 20ern und dem 40en Lebensjahr- je später desto "bessser" weil die Phase der Wirbelgelenksentzündungen die zyklisch wiederkehren und sich bis heute nicht aufhalten lassen einfach kürzer ist- meist hören die Entzündungen nach dem 45-50 Lebensjahr von selbst auf- die Verwüstungen die bis dahin eingetreten sind allerdings ob ohne oder mit chirurgie Irreversibel letztere kann nur die Verkrümmung revidieren nicht aber die Immobillität entzündlich verwüsteter Wirbelgelenke!... Zu fragen ist in diesem Falle warum es damals 7 Jahre dauerte bis zur Diagnose??? bei klassischem Verlauf müsste eine frühe entzündung und anschliessend knöcherne "Durchbauung" der Iliosacralgelenke Röntgenologisch oder via Szintigraphie nachweisbar gewesen sein- ausserdem die Entzündungsmarker im Blut...?? Gerade die ISG (Gelenke siehe oben welche Kreuzbein und Beckenschaufeln miteinander verbinden) sind in dem Alter unbedingt mit spürbarer "relativer-beweglichkeit" versehen - jeder Orthopäde und Physiotherapeut muss beim Befunden eines so Jungen Patienten die abnorme Hypomobilität der ISG- bemerken und ins Kalkül ziehen! und was die OP die geschildert wird angeht- nicht die "Wirbelsäule" als ganzes wird "mehrfach gebrochen"- (wie denn, LÄNGS etwa ?? :-)) -sondern e i n i g e Wirbel -(je nachdem mal mehr mal weniger)- vor allem im bereich der Brustwirbelsäule müssen vom Chirurgen so sachte als möglich frakturiert werden um dann wie beschrieben womöglich in einer "Umstellungsosteotomie" aufgerichtet zu werden- evtl. auch mittels Knochenzement wie bei Osteoporotikern- allerdings s e h r vorsichtig damit der Zement nicht dahin gelangt wo er nicht hin gehört. schliesslich müssen dann auch noch möglicherweise einige "Osteophyten" = "Knochengewächse" die die ehemals entzündeten wirbelgelenke in verkrümmender Richtung überbaut und versteift haben- entfernt werden- die so befreiten Gelenke sind allerdings dennoch nicht mehr funktionstüchtig und müssen- in aufrichtender Weise- chirurgisch versteift werden- ob dann auch noch Stäbe Paravertebral (parallel der Wirbelsäule) sein müssen,- d a s müssen die Ärzte von Fall zu Fall entscheiden- nicht immer muss dies so sein ! Vor allem wird NICHT mit Hammer und Meisel um das "Rückenmark herum hantiert"- -die Integrität des Canalis Vertebralis und des darin gelegenen Duralsackes welcher die weiteren Meningen und darin das Rückenmark birgt wird doch wohl hoffentlich vom Chirurgischen-Orthopäden respektiert ! Vor allem wäre allen Bechterew-Opfern zu sagen dass die allermeisten nicht in vollends-verkrümmender richtung versteifen müssen- wenn sie rechtzeitig mit aufrichtender Physiotherapie beginnen- je eher und je Intensiver umso besser! das bewahrt n i c h t vor den Wirbelgelenksentzündungen und nachfolgend verteifungen nachdem Sie quasi "ausgebrannt" sind durch die Entzündunge- auch sind die Schmerzen trotz aller Medikamnte ein treuer Begleiter- -aber zum auf den Boden Gucken müssen- sind die wenigsten verurteilt ! ich bin Physiotherapeut und hoffe ein klein wenig zum vertändnis medizinischer Laien betreffs dieses Leidens beigetragen zu haben- deshalb auch die nicht immer ganz korrekte-terminologie ! -DANKESCHÖN !
4.
alexfiftyfour 17.10.2010
Hallo, ich habe auch MB und nehme seit ein paar Jahren Humira. Das hat die Krankheit vollständig aufgehalten und meine Beweglichkeit im Laufe von 3 Jahren cm um cm wieder hergestellt. Jeder, der diesen Artikel liest und auch MB hat, sollte seinen Arzt (Reumatologe) nach diesem Mittel fragen. Mittlerweile geht es mir so gut, dass ich jeden Morgen 5km laufe und mich super fit fühle. Grüße Alex
5. Der hat es ja noch relativ gut
Rausschmeisser 17.10.2010
Er hatte wenigstens Frau und Kind als Aufsteller... wie geht es Homosexuellen oder Leute anderer "Rassen", die solche Missbildungen haben und zur zwei- oder gar mehrfachen Minderheit werden? Hässliche Homosexuelle mit Behinderung gibt es schliesslich gemäss den Medien nicht.
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Morbus Bechterew - lateinisch: spondylitis ankylosans - ist eine chronische, rheumatische Krankheit, die nach immer wiederkehrenden Entzündungen in der Wirbelsäule zu einer Einsteifung in Fehlstellung führen kann. Sie kann außerdem Entzündungen an Bändern, Sehnen und einzelnen Gelenken hervorrufen. Regelmäßige Krankengymnastik kann den Verlauf von Morbus Bechterew günstig beeinflussen - heilbar ist die Krankheit jedoch nicht.

Sie tritt meist zwischen dem 15. und dem 30. Lebensjahr auf, je nach Patient verläuft sie unterschiedlich. In Deutschland wurde bei etwa 150.000 Menschen Morbus Bechterew diagnostiziert, die Dunkelziffer ist jedoch deutlich höher.



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