Jüdisches Leben in Deutschland "Man muss doch Vertrauen haben"

Am 9. November 1938 brannten in Deutschland Synagogen, jüdische Geschäfte wurden geplündert, unbescholtene Bürger attackiert, verhaftet, getötet. Wie gehen Juden 75 Jahre nach der Pogromnacht mit der Erinnerung um? Wie leben sie in diesem Land? Vier Personen, vier Sichtweisen.

Samuel Acker

Von Samuel Acker


Charlotte Knobloch erlebte die Pogromnacht in München, sie war ein Mädchen von sechs Jahren. "Ich erinnere mich noch an die Bilder, als wäre es gestern gewesen: Unsere alte Synagoge, die verwüstet wurde und aus der es noch qualmte, selbst mein Kindergarten wurde übel zugerichtet." Nach Schätzungen von Experten wurden am und unmittelbar nach dem 9. November 1938 bis zu 1500 Menschen getötet und über 1400 Gotteshäuser zerstört.

75 Jahre ist es her, dass die Nazis begannen, Juden mit systematischer Gewalt zu verfolgen. Knobloch treibt heute eine Sorge um: Schon bald wird es keine Zeitzeugen mehr geben. Der Jahrestag, sagt sie, müsse für junge Deutsche ein Anlass sein, "den Stab der Erinnerung zu übernehmen und dafür zu sorgen, dass so etwas nie wieder passiert".

Doch wie stellt sich jüdisches Leben in Deutschland heute dar? Kann man von einem neuen deutschen Judentum sprechen, vielleicht sogar von einer deutsch-jüdischen Normalität? Eine Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte zeigt, dass 66 Prozent der befragten europäischen Juden Antisemitismus für ein großes Problem ihres Heimatlands halten und einen Anstieg der Judenfeindlichkeit wahrnehmen. Vor allem in Deutschland gaben die Befragten viele erschreckende Antworten.

Fragt man Jonas Fegert, kommt er auf einen Bekannten zu sprechen, einen jüdischen Pianisten. "Er erzählte mir, dass er am 9. November immer komplett ausgebucht ist, da will ihn plötzlich jeder bei sich spielen haben. Wenn man 'den Juden' nur für die Shoa-Gedenktage braucht - da läuft doch etwas schief." Fegert ist 23 Jahre alt, Jude, Politikstudent in Berlin. Er sagt, es sei wichtig, der Opfer der Reichspogromnacht zu gedenken. "Aber diese extrem ritualisierte Gedenkkultur stößt mir auch auf."

"Wir müssen unsere Gemeinden öffnen"

Vor einem Jahr gründete Fegert die "Jüdische Studierendeninitiative Berlin" mit. Man müsse neben großen Gedenkakten viel stärker den Dialog zwischen jungen Juden und Nichtjuden fördern, sagt er.

Alina Treiger steht täglich im Dialog mit Juden und Nichtjuden. Die 34-Jährige ist die erste in Deutschland ordinierte Rabbinerin nach der Shoa. In der Schule, sagt Treiger, habe sie nie etwas über die Reichspogromnacht gelernt. Sie ist 34 Jahre alt, Kindheit und Jugend verbrachte sie in der ukrainischen Stadt Poltawa. Vor elf Jahren kam sie nach Deutschland, machte eine Ausbildung am liberalen Abraham-Geiger-Kolleg in Berlin. Seit drei Jahren betreut sie die Gemeinden Oldenburg und Delmenhorst. Sie ist eine Exotin, in Deutschland gibt es kaum weibliche Rabbiner.

"Deutschland", sagt sie, "hat sich wirklich stark um die Aufarbeitung des Dritten Reiches bemüht, das muss man anerkennen." Menschen begegneten ihr, der Rabbinerin, "freundlich und offen", viele auch mit interessierten Nachfragen. Gleichwohl beunruhigt es sie, dass seit 2011 die NPD im Oldenburger Stadtrat vertreten ist - und dass es in den vergangenen Jahren zu Schändungen auf den jüdischen Friedhöfen Oldenburgs und Delmenhorsts gekommen ist.

Doch Judentum immer nur im Spiegel der Vergangenheit zu betrachten - das sieht Treiger ähnlich wie Politikstudent Fegert kritisch. "Nichtjüdische Deutsche denken bei Judentum immer zuerst an die Shoa, und das ist auch verständlich - aber es ist auch sehr schade, weil so die Religion sehr einseitig dargestellt wird. Wir müssen der deutschen Gesellschaft stärker zeigen, wie viele schöne Feiertage es im Judentum gibt, wir müssen unsere Gemeinden öffnen." So habe man sich in Oldenburg bewusst dafür entschieden, keinen Polizeiwagen vor der Synagoge stehen zu haben. "Man muss doch Vertrauen in die deutsche Zivilgesellschaft haben."

"Ich wollte nur mit jungen Leuten sprechen"

Der deutschen Gesellschaft vertrauen - das fällt Günter Baehr nicht leicht. Der 87-Jährige sitzt mit traurigen Augen in seiner kleinen Wohnung in einer Dortmunder Reihensiedlung. "Deutschland hat mir mein ganzes Leben vermasselt", sagt er mit leiser Stimme.

Die ersten Jahre seines Lebens verbrachte er als unbeschwertes Ruhrpott-Kind. Doch nach der Machtübernahme der Nazis 1933 wurde das Leben als Jude in Dortmund immer quälender. In der Pogromnacht sei die Familie mit dem Schrecken davon gekommen, es habe im Viertel kaum Ausschreitungen gegeben. Doch am nächsten Tag verhaftete die Gestapo Baehrs Vater, erst nach zwei Wochen kehrte er völlig ausgemergelt zur Familie zurück.

Der Vater drängte seinen Sohn daraufhin, zu einer Stiefschwester nach Uruguay zu ziehen. 1941 machte sich der erst 14-Jährige allein auf den Weg nach Südamerika, die Eltern blieben zurück. "Mein Vater war Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg gewesen, Eisernes Kreuz und alles. Er hat immer gesagt: Mich werden die doch nicht wegbringen!" Baehrs Eltern wurden 1942 nach Polen deportiert, sie starben im KZ.

Nach einer langen Zeit in Uruguay zog Baehr 1968 mit seiner Frau, die er in Montevideo geheiratet hatte, zurück nach Dortmund, zurück ins Land der Täter. Er hatte Heimweh nach der Sprache, nach dem Klima, nach der deutschen Ordnung. "Aber ich wollte, als ich hier ankam, mit niemandem in meinem Alter sprechen, nur mit jungen Leuten. Die anderen waren für mich alles Nazis."

Er seufzt, es klingt, als habe er sich für seine Rückkehr oft rechtfertigen müssen. "Was sollte ich denn machen, Deutschland ist doch meine Heimat. Ich denke deutsch, ich träume deutsch."

"Gucken Sie nur, wie viele Israelis nach Berlin ziehen"

Sich in Deutschland zu Hause fühlen - für Jonas Fegert ist das selbstverständlich. "Ich bin in Berlin geboren, ich liebe diese Stadt. Sehr weltoffen, sehr entspannt", sagt der Sohn eines Deutschen und einer Israelin. Doch auch er fühlt sich gelegentlich in Deutschland fremd. "Man merkt manchmal schon, dass eine Erwartungshaltung existiert: Als Jude muss man besonders kulturell gebildet, besonders feinfühlig sein. Das kann nerven. Und mich hat die Sarrazin-Debatte ziemlich aufgeregt. Da hat man gemerkt, dass für viele Menschen Deutschsein immer noch eine biologische Definition ist, was ich vollkommen bescheuert finde."

Kann man dennoch von einer neuen deutsch-jüdischen Normalität sprechen? Fegert überlegt. "Ich denke, das kann man schon so sagen. Ich bin auf die Jüdische Oberschule gegangen, und auch dort war bei der Weltmeisterschaft 2010 ein gewisser Patriotismus zu sehen - viele sind im Deutschlandtrikot zur Schule gekommen, oder mit schwarz-rot-goldener Schminke. Mir ist dieser Fußball-Patriotismus eher suspekt. Aber sowohl Deutscher als auch Jude zu sein, das geht heute für viele."

Günter Baehr sieht das anders. "Man wird als Jude immer noch nicht als 'richtiger Deutscher' anerkannt. Wissen Sie, ich bin seit fast 40 Jahren in einem Gesangsverein, deutsche Lieder. Jetzt bin ich seit sechs Monaten nicht mehr da gewesen, ich hatte einen Schlaganfall. Meinen Sie, da hätte mich mal einer besucht?" Er schlägt mit der Faust auf den Tisch. "Ich singe seit Ewigkeiten mit und gehöre doch nicht dazu."

Auch Charlotte Knobloch sagt: "Bis zur Normalität ist es noch ein gutes Stück - es gibt jährlich so viele Übergriffe auf Synagogen, Friedhöfe oder jüdische Menschen." Aber sie fügt hinzu: "Es sollte in der Zukunft keine herauszustellende Besonderheit mehr sein, dass man jüdisch ist. Vielleicht wird man das aber erst erreichen, wenn meine Generation, welche die Shoa selbst erlebt hat, nicht mehr existiert. Ich wünsche mir, dass künftige Generationen sich nicht mehr als Juden und Nichtjuden, sondern einfach als Menschen sehen und unbefangen aufeinander zugehen."

In einem sind sich Baehr, Fegert, Treiger und Knobloch einig: Es sei geradezu ein Wunder, dass in Deutschland heute, 75 Jahre nach der Pogromnacht, wieder jüdisches Leben existiere. "Heute gibt es hier traditionelle Gemeinden, liberale Gemeinden, sogar weibliche Rabbiner", zählt Knobloch auf. "Es gibt jüdische Kindergärten, in den Gemeinden wird Deutsch gesprochen, Russisch, Hebräisch, Englisch."

Die deutsche Gesellschaft müsste den Juden, die nach 1945 im Lande geblieben sind oder sich für einen Zuzug entschieden haben, für einiges danken, sagt Knobloch. "Aber die deutsche Gesellschaft kann auch stolz darauf sein, dass sich im Rahmen der von ihr gestalteten verantwortungsbewussten Politik seit 1949 wieder ein lebendiges Judentum in Deutschland entwickeln konnte."



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