Pjöngjang - Fünf Tage war die Nothilfekoordinatorin der Uno in Nordkorea - ihr Urteil fällt drastisch aus: "Dieses Land kann sich selbst nicht ausreichend mit Nahrung versorgen", sagte Valerie Amos am Freitag nach ihrer Rückkehr. Im weitgehend isolierten Nordkorea seien sechs Millionen Menschen von Hunger bedroht, die Not sei groß. Die Tagesrationen über das öffentliche Verteilungssystem hätten von 400 auf nur noch 200 Gramm pro Person halbiert werden müssen. Besonders schlimm betroffen sind Amos zufolge die Kinder im Land.
Wegen der chronischen Ernährungskrise sei jedes dritte Kind unter fünf Jahren kleinwüchsig. Die körperlichen und psychologischen Auswirkungen des Hungers seien sichtbar, sagte Amos. In einem Krankenhaus sei ihr berichtet worden, dass sich die Zahl der Kinder, die mit Mangelkrankheiten eingeliefert worden seien, zuletzt mehr als verdoppelt habe.
Nach der Ernte fehlen den Angaben zufolge eine Million Tonnen Getreide, um den Jahresbedarf von 5,3 Millionen Tonnen zu decken. Zudem mangele es an Dünger, die Erträge seien nur halb so hoch wie anderswo. Die Landwirtschaft sei nicht mechanisiert, und ein Teil der Ernte gehe verloren. "Diese Situation wird von Jahr zu Jahr schlimmer", sagte Amos.
"Ein bisschen mehr Bereitschaft"
Bereits seit einer Hungersnot 1990 ist das Land auf internationale Hilfsleistungen angewiesen. Viele Länder haben ihre humanitäre Hilfe für Nordkorea, das wegen seines umstrittenen Atomprogramms von Sanktionen der Uno betroffen ist, zurückgefahren. Einige der Regierungen befürchten, dass die nordkoreanische Regierung Lebensmittel für die rund 1,1 Millionen Mann starke Armee abzweigen könnte.
Nach dem Uno-Aufruf im April an die internationale Gemeinschaft, Nahrungsmittelhilfe im Wert von 218 Millionen US-Dollar zur Verfügung zu stellen, seien bisher nur 34 Prozent eingegangen, sagte die Leiterin der humanitären Uno-Einsätze. Amos forderte die Staatengemeinschaft dazu auf, Nordkorea ohne Vorbedingungen oder politische Forderungen zu helfen.
Sie appellierte in ihren Gesprächen in Pjöngjang auch an die nordkoreanische Regierung, ihre eigene Verantwortung wahrzunehmen: Es müsse Nahrung eingekauft und die Landwirtschaft reformiert werden. Die Antworten auf die Probleme seien nicht Sache der internationalen Gemeinschaft. "Was ich vorgetragen habe, wurde gehört", sagte Amos. "Wohin es führt, kann ich nicht sagen."
Amos sprach von einer "sehr freimütigen Diskussion". Die Bereitschaft, mit Hilfsorganisationen zu kooperieren, sei "ein bisschen besser" geworden. Dass Nahrungsmittelhilfen ans Militär umgeleitet werden, konnte Amos nicht bestätigen: "Ich kann nicht hier sitzen und sagen, es wird nicht abgezweigt. Was ich aber sagen kann, ist, dass alle Anstrengungen unternommen werden, dass nichts abgezweigt wird."
Es war der erste Besuch eines Koordinators der Vereinten Nationen für humanitäre Angelegenheiten (OCHA) in Nordkorea seit 2002. Valerie Amos traf sich auch mit der Nummer zwei im Machtapparat, Parlamentschef Kim Yong Nam.
aar/dpa/AFP/dapd
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
| alles zum Thema Nordkorea | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH