"Naiver Plan" Warum Leipziger Linke ein Integrationsprojekt stoppten

Das linke Kulturzentrum Conne Island in Leipzig wollte Flüchtlinge durch gemeinsames Feiern integrieren. Einige Frauen klagten über sexuelle Belästigung. Das Kollektiv wagte einen ungewöhnlichen Schritt.

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Tanja Rußack gibt normalerweise keine Interviews, das Kollektiv zählt, also tritt der Einzelne eigentlich nicht in den Vordergrund. Doch derzeit ist nichts normal im Leipziger Kulturzentrum Conne Island, dem Herz des alternativen Stadtteils Connewitz. Das Plenum aus bis zu 50 Haupt- und Ehrenamtlichen hat Rußack beauftragt, das Zentrum in der Öffentlichkeit zu verteidigen.

Rund eine Woche ist es her, dass Conne Island ein Statement veröffentlichte. "Ein Schritt vor, zwei zurück" lautet der Titel. Es ist die Dokumentation eines gescheiterten Integrationsversuchs.

Der nahm seinen Anfang mit der Idee eines sogenannten Refugee-Fuffzigers: Flüchtlinge brauchten nur 50 Cent Eintritt zu den Veranstaltungen von Conne Island bezahlen. Gemeinsam feiern befördert Integration, so dachte das Plenum.

Die bittere Bilanz: Der Fuffziger habe sich als "recht naiver Plan" herausgestellt, die "reichlich späte" Einsicht habe zu einigen "brenzligen Situationen" geführt, schrieben sie in ihrem Statement. Die Atmosphäre sei "angespannt" und "belastend".

Rußack, 32, sitzt in ihrem Büro im ersten Stock des Zentrums. Im Conne Island, erklärt die Geschäftsführerin des Zentrums, dürfe eine Frau anders als in den Großraumdiskos der Stadt erwarten, nicht von Männern belästigt zu werden.

Starren und Grapschen

Seit 1990 siedelte sich in Connewitz die autonome Szene an. Linksextreme begannen nach der Einheit, verwaiste Häuser zu besetzen und alternative Wohnformen zu etablieren: Conne Island entwickelte sich zum Zentrum der linksalternativen Szene. Das Ideal, sagt Rußack, seien Parties "ohne sexistische, homophobe, rassistische oder andere Ausgrenzungen". So steht es auf den Plakaten an den Wänden.

Schon immer habe es Besucher gegeben, die sich nicht daran gehalten hätten. Doch seit jedes Wochenende 20 bis 50 geflüchtete Männer mitfeierten - nur ein Bruchteil der im Schnitt 500 Gäste - würden sich die Beschwerden häufen: Männer würden penetrant starren oder Frauen von hinten an den Po fassen. Die Übeltäter: meistens Flüchtlinge.

Irgendwann war es zu viel, irgendwann war klar: So geht es nicht weiter. Bereits Ende Juli hatten Rußack und ihre Kollegen entschieden, die Probleme öffentlich zu machen. Es vergingen Wochen, bis alle Beteiligten mit jeder einzelnen Formulierung einverstanden waren.

Das Statement (hier nachzulesen) wurde Hunderte Male auf Facebook geteilt, die rechte Zeitung "Junge Freiheit" titelte hämisch "Linke im Realitätsstress" und sprach von einer "fast vergnüglichen Lektüre". Und im Internet warfen linke Kommentatoren den Leipzigern vor, den Rechtspopulisten in die Hände zu spielen.

"Vorauseilender Anti-Rassismus"

Rußack hält das offensichtlich für ein Übel, das sie und ihre Kollegen in Kauf nehmen müssen. "Wir distanzieren uns nicht von der 'Refugees Welcome'-Politik", sagt die Frau mit dem schwarzen Haaren und dem strengen Pony. "Aber Integration ist ein langwieriger Prozess, der nur funktionieren kann, wenn man auch über Probleme spricht."

Auch Linke dürften Kritik an Flüchtlingen üben, Entschuldigungen wie "die kennen es ja nicht anders" dürften nicht gelten. Flüchtlinge seien willkommen, aber sie müssten sich eben auch an Standards halten. "Integration ist viel Arbeit, ein Prozess", sagt sie. Deshalb machen sie die Probleme öffentlich. Ein Prozess soll in Gang kommen.

Zuletzt hat die Geschäftsführerin auch vermehrt Diebstähle festgestellt. Sie hatte den Eindruck, dass es sich um Banden handelt. Ob auch Flüchtlinge darunter waren, kann sie nicht genau sagen. "Die kommen wahrscheinlich zu uns, weil es bei uns weniger Kontrollen als in anderen Klubs gibt." Flüchtlingen nun aber generell den Eintritt zu verwehren, wie es im vergangenen Jahr in Freiburger Diskos und Klubs diskutiert und teils gehandhabt wurde, stehe für das Zentrum nicht zur Debatte.

Wer am meisten unter der Situation leide, seien die Leute von der Security. In "vorauseilendem Anti-Rassismus" trauten sich einige nicht, hart gegen die auffälligen Männer durchzugreifen. Und einige Gäste reagierten aggressiver auf den Rauswurf, als man das in der linken Szene gewohnt sei. "Wer nicht versteht, was in Deutschland Sexismus bedeutet, versteht auch nicht, warum er die Party verlassen muss", mutmaßt Rußack.

"Keiner will darüber reden"

So wie ein Mann, der durchdrehte, als man ihn rauswarf, draußen auf ein geparktes Auto sprang, die Security anspuckte, überhaupt nicht ansprechbar war und schließlich an Händen und Füßen zur Polizei getragen werden musste. "Der war bestimmt traumatisiert", sagt Rußack, und fügt entschuldigend hinzu: "Wir hatten Angst, dass der jemandem oder sich was antut." Nachdem die Linksautonomen den Flüchtling der Polizei übergeben hatten, kam es zu Auseinandersetzungen. Gäste warfen dem Personal Rassismus vor.

Seit Anfang des Jahres musste die Polizei fünf Mal anrücken. Nicht viel für einen normalen Klub, aber fünf Mal zu viel in einer Szene, für die jeder Polizeibeamte ein Fremdkörper ist, vorsichtig ausgedrückt. Die Security wurde verstärkt und kontrolliert jetzt auch die Innenräume. Das Kollektiv denkt darüber nach, einen professionellen Sicherheitsdienst zu engagieren. Und den "Refugee-Fuffziger" darf nur noch in Anspruch nehmen, wer sich vorher per E-Mail anmeldet. Eine absichtliche Hürde, die nur die immer gleichen zehn Personen überwinden. Alle anderen müssen die regulären fünf bis zwölf Euro Eintrittspreis zahlen.

"Wir wissen aus Gesprächen, dass andere linke Klubs in einer ähnlichen Lage sind, aber keiner will darüber reden", sagt Rußack. "Das wollten wir ändern."



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