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US-Debatte um sexuellen Missbrauch: Die Vertrauensfrage

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Autorin Dunham: "Es ist unglücklicher und ein surrealer Zufall"

Die US-Schauspielerin Lena Dunham schreibt in ihrer Autobiografie, wie sie als Studentin von einem Mann namens Barry missbraucht worden sei - doch belastet wurde der falsche. Nun diskutiert Amerika über den Umgang mit Vergewaltigungsvorwürfen.

Wochenlang haben die Journalisten in Ohio recherchiert, sie verbrachten Stunden in den Archiven des Oberlin College of Arts and Sciences, sie trafen sich mit Mitarbeitern und ehemaligen Schülern, führten Telefonate. Dann, nach einem Monat, hatten sie genügend Informationen beisammen. Auf der konservativen Nachrichtenseite "Breitbart" veröffentlichten sie das Ergebnis ihrer Recherche: Lena Dunhams Behauptung, sie sei an der Uni von einem Republikaner namens Barry vergewaltigt worden, sei falsch.

Lena Dunham, 28, ist Schauspielerin, Drehbuchautorin, Regisseurin, Produzentin. Sie ist auch eine Feministin, die polarisiert. Ende September veröffentlichte Dunham ihre Autobiografie. Darin schreibt sie, wie sie als 19-Jährige sexuell missbraucht worden sei. Sie nennt den Täter Barry und spart nicht an Details: Er sei ein am Campus bekannter Republikaner gewesen, der eine Radiosendung moderierte, nebenbei in der Bibliothek arbeitete, mit Vorliebe lilafarbene Cowboystiefel und einen Schnauzer trug.

Die Uni hat knapp 3000 Studenten, es war ein Leichtes für die Journalisten, einen Barry ausfindig zu machen, der zeitgleich mit Dunham studierte und politisch aktiv war. Nur: Mit der Misshandlung von Dunham hat dieser Mann nichts zu tun.

Beweise, wo es manchmal keine geben kann

Alle zwei Minuten wird in Amerika ein Mensch sexuell belästigt, heißt es von der größten Anti-Missbrauchs-Organisation des Landes. In 60 Prozent aller Fälle werde bei der Polizei nichts gemeldet. Aus Angst, aus Scham, aus Verwirrung berichten viele Frauen nicht von einem sexuellen Übergriff. Und wenn sie es doch tun, müssen sie mitunter damit rechnen, dass ihnen nicht geglaubt wird. Dass von ihnen Beweise verlangt werden, wo es manchmal keine Beweise geben kann. Amerika diskutiert seit Monaten über den richtigen Umgang mit Vergewaltigungsopfern, der Fall Dunham ist nur der jüngste.

Seit Wochen sorgen die Vorwürfe gegen Bill Cosby für Aufregung: Der einst beliebteste schwarze Komiker des Landes, der Parade-Vater der Nation, soll über Jahrzehnte hinweg Frauen sexuell genötigt haben. Immer mehr Vorwürfe werden laut, Schauspielerin Barbara Bowman fragte: "Warum hat es 30 Jahre gedauert, bis ihr mir glaubt?"

Ein Leben, durch einen Bestseller auf den Kopf gestellt

Auch Dunhams Glaubwürdigkeit wird nun stark in Zweifel gezogen - aus triftigem Grund. Er habe nur zwei Minuten gebraucht, um einen Republikaner namens Barry ausfindig zu machen, der mit Dunham an der Oberlin-Uni war, schreibt Kevin D. Williamson in "National Review". Kurz darauf habe er jede Menge über ihn gewusst: wo er arbeitet, wo er wohnt, welchen Abschluss er hat. Williamson telefonierte kurz mit Barry, er habe gesagt, keinerlei Beziehung zu Dunham gehabt zu haben. "Barry ist kein Charakter aus einem Buch, er ist eine reale Person, dessen Leben durch einen Bestseller auf den Kopf gestellt wurde", schreibt Williamson. Dunhams Buch sei ein "feiger und passiv-aggressiver Akt".

Dunham schreibt zwar im Vorwort ihres Buches, dass einige der Namen geändert wurden, an späterer Stelle versieht sie den Namen eines Freundes extra mit einer Fußnote, um klarzustellen, dass sie ein Pseudonym verwendet. Bei Barry gibt es einen solchen Hinweis jedoch nicht. Hätte Dunham wissen müssen, dass sie einem echten Barry mit ihrer Textpassage schadet?

Vor wenigen Tagen hat der Verlag, in dem Dunhams Memoiren erschienen sind, reagiert. Der Name Barry sei ein Pseudonym, zitiert "The Wrap" einen Sprecher des Verlags. Random House und Lena Dunham bedauerten die Verwechslung. Der Verlag bot an, den Anwalt zu bezahlen, den der echte Barry engagierte, um seinen Ruf zu schützen. Zudem soll in künftigen Auflagen der Autobiografie stehen, dass der Name ein Pseudonym sei.

"Rolling Stone" entschuldigt sich

Der Fall Dunham ist nicht der einzige, der die Debatte um den richtigen Umgang mit Vergewaltigungsvorwürfen befeuert. Das Magazin "Rolling Stone" berichtete Ende November ausführlich über eine Studentin, die eigenen Aussagen zufolge stundenlang von sieben Kommilitonen vergewaltigt geworden war. Die Journalisten hatten auf ihre Bitte hin keinen Kontakt zu den mutmaßlichen Tätern aufgenommen. Weltweit wurde über den Fall Jackie berichtet. Doch einige Angaben der jungen Frau stellten sich bei genauerer Überprüfung als falsch heraus.

Das Magazin veröffentlichte vor wenigen Tagen eine lange Entschuldigung. In einer ersten Version fand sich darin der Satz: "Wir kommen zum Schluss, dass unser Vertrauen in sie (Jackie - d. Red.) nicht gerechtfertigt war." Weil es so klang, als würde hier einem Opfer Schuld zugeschoben, gab es einen Empörungssturm und das Magazin entfernte den Satz.

Auch wenn sich Frauen wie Jackie nicht mehr an jedes Detail erinnern können oder Nebensächliches durcheinanderbringen - heißt das, man kann ihnen generell nicht glauben? Andererseits: Wie sollen fälschlich Beschuldigte nachweisen, dass sie eine Frau nicht missbraucht haben? Fragen, auf die eine klare, allgemeingültige Antwort schwerfällt. Und über die gerade deshalb sehr kontrovers diskutiert wird.

"Vernichtende Folgen"

Für Zerlinda Maxwell, Autorin der "Washington Post", gibt es eine klare Antwort: "Wir sollten Vergewaltigungsopfern immer glauben" - so die Überschrift und Hauptthese ihres Artikels. Maxwell schreibt: "Der Schaden, der angerichtet wird, wenn wir einem Opfer fälschlicherweise nicht glauben, übersteigt bei weitem den Schaden, den es anrichtet, jemanden zu Unrecht als Vergewaltiger zu bezeichnen." Von allen Anschuldigungen seien bloß zwischen zwei und acht Prozent falsch, schreibt Maxwell und beruft sich dabei auf Zahlen des National Sexual Violence Resource Centers. Und durch entsprechende Ermittlungen sei es immerhin möglich, die Vorwürfe zu entkräften. Einer Frau jedoch nicht zu glauben, signalisiere, dass sie nichts wert sei.

Die Autorin Megan McArdle hält bei "Bloomberg" dagegen. "Wir können nicht einfach jemanden der Vergewaltigung beschuldigen", schreibt sie in ihrer Gegenrede zu Maxwells Thesen. McArdle betont vor allem die "vernichtenden" Folgen, die falsche Anschuldigungen für den Betroffenen haben können. "Wir müssen vorsichtig einen Mittelweg dazwischen finden, Opfern Gerechtigkeit zu verwehren und Unschuldige zu bestrafen."

Am Mittwoch hat sich Dunham zu Wort gemeldet. In einem ausführlichen Artikel auf "Buzzfeed" stellt sie klar: Der Mann, der sie missbraucht habe, heiße nicht Barry. "Jede Ähnlichkeit mit einer Person dieses Namens ist unglücklich und ein surrealer Zufall. Es tut mir leid, was er alles durchmachen musste."

Sie rechtfertigt, warum sie überhaupt und nun erst mit der Geschichte an die Öffentlichkeit ging. Die Kurzfassung: Sie hatte Angst. Davor, dass ihr niemand glauben würde; dass zukünftige Partner sie für "beschädigt" halten würden. Sie akzeptiere, was es bedeute, in der Öffentlichkeit zu stehen, schreibt Dunham. "Aber ich kann es nicht dulden, dass meine Geschichte dafür benutzt wird, an den Geschichten anderer Frauen zu zweifeln, die sexuell missbraucht wurden."

Auf den Artikel von Dunham reagierte auch Barry - und bedankte sich bei der Autorin für die Klarstellung, kritisierte aber zugleich, dass Verlag und Autorin so spät reagiert hätten. Die vergangenen Wochen seien für ihn und seine Familie furchtbar gewesen, heißt es in einer Mitteilung, die Barrys Anwalt veröffentlichte. Dass Dunham davon schreibe, es habe sich um einen unglücklichen und surrealen Zufall gehandelt, sei für ihn frustrierend und ironisch. Denn dieselben Worte hatte er schon vor Wochen verwendet.

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1. Differenzierung tut not
teilzeitmutti 12.12.2014
Unabhängig davon ob man eher zur These neigt "Wir sollten Vergewaltigungsopfern immer glauben" oder "Wir können nicht einfach jemanden der Vergewaltigung beschuldigen" bleibt unter juristischen Aspekten immer zu bedenken das einem Beschuldigten nachgewiesen werden muss das er/sie die behauptete Tat tatsächlich begangen hat. Wenn keine forensischen Beweise existieren und eine Aussage-gegen-Aussage-Situation besteht, sollten Frauen die möglicherweise Opfer eines entsprechenden Deliktes geworden sind zumindest Hilfen angeboten werden. Die Tatsache das evtl. ein Beschuldigter nicht verurteilt werden kann, weil Beweise fehlen, ist dann eben hinzunehmen und muss von einem Rechtsstaat hingenommen werden.
2. Welcher Mann...
Blödian 12.12.2014
... hält denn eine Frau für "beschädigt", wenn ihr Gewalt angetan wurde? Ich verwehre mich gegen dieses Männerbild, das die Feministinnen hier kolportieren. Wenn überhaupt, weckt das zusätzlichen Beschützerinstinkt. Und wenn ein zukünftiger Partner eine Frau deswegen als weniger wert betrachtet, wäre er sowieso nie der Richtige gewesen. Dass die Instinktreaktion einiger Frauen hier ist, die Wahrheit zu verschweigen und darauf eine Beziehung aufzubauen, verstört mich. In eine Beziehung gehört in meinen Augen Offenheit, Ehrlichkeit und Verständnis für den anderen. Ich hatte in meiner Jugend eine Freundin, die als Kleinkind missbraucht wurde, die sich mir als erstem geöffnet hat, und das vorher nicht einmal ihren Eltern erzählt hatte. Daher weiß ich sehr gut, wie man sich als zukünftiger Partner fühlt.
3. Fragwürdige Zerlinda Maxwell
camilli79 12.12.2014
"Für Zerlinda Maxwell, Autorin der "Washington Post", gibt es eine klare Antwort: "Wir sollten Vergewaltigungsopfern immer glauben" - Die Ex Frau eines Freundes bringt ihre 9 jährige Tochter vor einen Jugendrichter und lässt sie behaupten , ihr Vater hätte sie missbraucht. Die Scheidung wird mit üblen Auflagen und Anschuldigungen abgeschlossen. Als die Tochter 26 Jahre alt ist, begegnet sie zum ersten Mal dem Vater nach all den Jahren. Ihre Aussage geschah auf Wunsch der Mutter. Was nun ? Soll die persönliche und die materielle Demütigung des Vaters nun leichter wiegen als die Behauptung der Mutter, obwohl es so viele fröhliche Photos mit Tochter und Vater gab - eine Unmöglichkeit falls da Missbrauch und daraus Qual gekommen sein sollte. Was geschieht mit dem Scheidungsurteil, das ihn als Kinderschänder indirekt bezeichnete? Das ist jetzt 17 Jahre her.
4. eine Frage
colinchapman 12.12.2014
sind sich die Frauen, die einen Mann fälschlicherweise eines Sexualdelikts bezichtigen, eigentlich im Klaren darüber, welchen unglaublichen Bärendienst sie den Frauen antun, die tatsächlich Opfer eines Verbrechens geworden sind?
5. Wahnsinn
D_v_T 12.12.2014
Also die Aussagen von Zerlinda Maxwell machen mich fassungslos. Ich dachte bisher, bei der Washington Post arbeiten vergleichsweise kompetente Journalisten. Diese Frau hat eine äußerst zweifelhafte Auffassung von Rechtsstaatlichkeit und dem uralten Prinzip "in dubio pro reo". "Nur zwei bis acht Prozent". Also für mich ist das eine enorm hohe Quote von Falschanschuldigungen. Und diese dürfte mit einem Freibrief sicher noch einmal extrem ansteigen, da es sich dann als probates Mittel zur Ausschaltung von unliebsamen Mitmenschen anbieten wird. Und die Aussage "der Schaden, der angerichtet wird, wenn wir einem Opfer fälschlicherweise nicht glauben, übersteigt bei weitem den Schaden, den es anrichtet, jemanden zu Unrecht als Vergewaltiger zu bezeichnen" möchte ich auch stark anzweifeln. Die Tat kann nicht ungeschehen gemacht werden, aber wenn jemand unschuldig für mehrere Jahre in Haft sitzt ist hier ebenso ein Verbrechen begangen worden (siehe Fall Heidi in Deutschland). Befürwortet Frau Maxwell auch die Todesstrafe? So nach dem Motto "lieber zwei bis acht Prozent mehr Verurteilungen und Hinrichtungen (von Uschuldigen) als ein freilaufender Mörder"... Ich will damit natürlich nicht sagen dass den Frauen nicht geglaubt werden soll - aber den Männern sollte unvoreingenommen begegnet werden.
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