Neuer liberaler Landesrabbi Der Nachsichtige

Moshe Navon ist der neue Landesrabbiner der liberalen Juden in Hamburg. Er setzt auf Gleichberechtigung, Offenheit und flache Hierarchien. Nicht jedem gefällt das.

Neuer liberaler Landesrabbi: Moshe Navon
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Neuer liberaler Landesrabbi: Moshe Navon

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Die Stimme ist der Kracher. Raumgreifend, voll, unmissverständlich. Wenn Opernsängerin Dana Zeimer als Vorbeterin auftritt, herrscht in der Regel andächtiges Schweigen. Doch diesmal ist das anders: Dutzende Gläubige sind ins Jüdische Kulturhaus in Hamburg gekommen, um Pessach zu feiern. Aber sie sind so beschäftigt damit, bei koscherem Essen zu plaudern, zu lachen und zu debattieren, dass sie sogar den Rabbi übertönen, der aus der Thora rezitiert.

"Ich nehme es mit Humor", sagt Moshe Navon, der am Samstag als neuer Landesrabbiner der liberalen jüdischen Gemeinde von Hamburg seine Amtseinführung feiern wird. "Einige kommen das erste Mal, sie sind noch nicht vertraut mit der Liturgie. Für mich sind sie ein bisschen wie Kinder, ich muss sie mit Nachsicht an die Riten heranführen."

Die Mehrzahl der Gläubigen stammt wie Navon selbst aus der ehemaligen Sowjetunion und hatte in der atheistischen Heimat wenige Berührungspunkte mit der eigenen Religion. "In Deutschland angekommen wächst bei vielen das Interesse an der spirituellen Identität, sie wollen wissen, wo sie herkommen", sagt Navon.

Auf dem Weg zum Glauben seien aber nicht die Liturgie-Kenntnisse ausschlaggebend: "Was wir am Mitmenschen tun, ist Gottesdienst", zitiert Navon den Theologen Leo Baeck, einen der berühmtesten Vertreter des liberalen Judentums in Deutschland, der das KZ Theresienstadt überlebte und später die "Weltunion für Progressives Judentum" gründete.

Dana Zeimer und Rabbi Moshe Navon beim Pessach-Fest in Hamburg
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Dana Zeimer und Rabbi Moshe Navon beim Pessach-Fest in Hamburg

Bei den sogenannten Reformjuden ist einiges anders als bei den orthodoxen: Gebetet wird nicht nur auf Hebräisch, sondern auch auf Deutsch und Russisch. Während bei den Orthodoxen nur Jude ist, wer eine jüdische Mutter hat, sind hier auch Vaterjuden anerkannt. Frauen beten gemeinsam mit Männern - und sie können Rabbinerin sein.

Muslime und Christen sind ausdrücklich willkommen, beim Pessach-Fest in Hamburg bittet der Rabbi ein protestantisches Geschwisterpärchen spontan, den Auszug aus Ägypten, die Befreiung der Kinder Israels aus der Sklaverei nachzuspielen. Die Gäste schlagen sich wacker. Lachen und großer Applaus.

Orthodoxe Juden schütteln angesichts dieser Laxheit den Kopf: Die Liberalen, ärgert sich so mancher, sollten doch bitte erst einmal genau die 613 Gesetze der Thora studieren, damit sie überhaupt wüssten, wovon sie sich eigentlich abgrenzen. Als Navon sich 2014 bei einer Veranstaltung in Emmendingen, Baden-Württemberg, vom katholischen Pater Anselm Grün segnen ließ, hagelte es Kritik aus den eigenen Reihen.

Rechtsstreit mit den Orthodoxen

Rabbi Navon ficht das nicht an, er kennt sich aus mit der orthodoxen Lehre. 1954 in Sibirien als Sohn von Stalin-Verfolgten geboren, emigrierte er 1991 nach Israel, wo er an der neo-orthodoxen Hochschule "Shalom Hartman Institute" sowie dem ältesten US-Rabbiner-Seminar in Jerusalem, dem liberalen "Hebrew Union College", studierte.

Navon wurde zum Rabbiner ordiniert, ging Ende 2007 mit seiner Familie nach Deutschland, um die 200 Jahre alte Tradition des Reformjudentums wiederzubeleben. "Da gab es 200.000 russischsprachige Juden aus der Sowjetunion, ich war begeistert", erinnert er sich. Doch die Aussiedler erwiesen sich als überwiegend orthodox und "keineswegs begeistert", dass da einer kam, der plötzlich Musik im Gottesdienst erlaubte und Frauen im Rabbi-Amt normal fand. "Sie empfanden das als Sünde, es war schwierig."

Navon strebt demokratische Strukturen in der Gemeinde an. "Der Rabbi ist Partner der Gemeinde, er ordnet nichts an, er gibt lediglich Ratschläge", sagt er. Er mische sich grundsätzlich nicht in das Privatleben der Gläubigen ein, gebe keine ungebetenen Tipps, etwa was die koschere Ernährung betrifft. Solche nicht-hierarchischen Strukturen sind für einige russischen Juden, die unter zwei totalitären Systemen groß geworden sind, gewöhnungsbedürftig.

Neuer liberaler Landesrabbiner in Hamburg: Bar Mizwa mit Moshe Navon
Moshe Navon

Neuer liberaler Landesrabbiner in Hamburg: Bar Mizwa mit Moshe Navon

2015 kam Navon nach Hamburg. Die hiesige Liberale Jüdische Gemeinde existiert seit zehn Jahren - einen Landesrabbiner konnte sie sich bisher nicht leisten. Navons Stelle wird zum Teil von einer jüdischen Familie finanziert, die unter den Nazis aus Hamburg fliehen musste und heute in den USA lebt. Die Gemeinde ist auf der Suche nach weiteren Unterstützern, um den Rabbi langfristig in Hamburg halten zu können. Navon lebt derzeit bei einem Bekannten, die Gottesdienste finden in Ermangelung einer eigenen Synagoge in einer ehemaligen Turnhalle statt.

Die Situation zwischen Liberalen und Orthodoxen in der Hansestadt ist angespannt. Kommende Woche wird sich das Verwaltungsgericht mit der Frage beschäftigen, ob Navons Gemeinde bei der vertraglich geregelten Verteilung von Landeszuschüssen gerecht bedacht wurde. 875.000 Euro zahlt der Hamburger Senat jedes Jahr für "die gesamte jüdische Gemeinschaft" in der Stadt. Statt der versprochenen zehn Prozent dieser Summe erhalte die liberale Gemeinde aber nur fünf, sagen die Kläger.

Die Situation ist kompliziert: Die Orthodoxen haben 2500 Mitglieder, die Liberalen etwa 500, viele der Letzteren sind allerdings in beiden Gemeinden Mitglied, weil sie ihre Toten sonst nicht auf dem Jüdischen Friedhof bestatten dürfen.

Rabbi Navon will sich nicht streiten. Es gebe derzeit schon genug schreckliche Konflikte - zwischen und innerhalb der Religionen. Hatte er keine Bedenken, ausgerechnet in Deutschland Rabbi zu sein, im Land der Judenmörder?

Navon atmet tief ein und aus. Eine Bekannte habe ihn einmal gefragt: "Wie konntest du nur deine Kinder hierher bringen, wo du doch weißt, dass die Nazis so viele getötet haben?" Und er habe geantwortet: "Und wie kannst du deine hier lassen, wo du das weißt?"

Nein, die schreckliche Vergangenheit könne nur gemeinsam und mit gegenseitigem Respekt für die andere Kultur besiegt werden. "Die Juden waren die Opfer dieser Katastrophe, aber die Tragödie ist eine gemeinsame."



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