Liberale Muslime "Die Sinnkrise des Islam ist hausgemacht"

Braucht der Islam in Deutschland eine grundlegende Reform? Müssen Muslime mehr Selbstkritik üben? Der Theologe Abdel-Hakim Ourghi wirft den muslimischen Verbänden kolossale Verdrängung vor: "Der Islam ist therapiebedürftig."

Muslimin in Einkaufsstraße von Augsburg
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Muslimin in Einkaufsstraße von Augsburg

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Zur Person: Abdel-Hakim Ourghi
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    Abdel-Hakim Ourghi wurde 1968 im algerischen Tlemcen geboren. Er leitet den Fachbereich Islamische Theologie an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Mitte September veröffentlichte er mit anderen namhaften liberalen Muslimen die "Freiburger Deklaration", in der die Eckpunkte einer Islamreform formuliert werden.

In Berlin feiert die Deutsche Islamkonferenz ihr zehnjähriges Bestehen mit einem großen Festakt. Die Kritik an der Institution wächst, vor allem dem Verband Ditib (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion) wird allzu große Nähe zur türkischen Regierung sowie die Unterstützung konservativer bis fundamentalistischer Kräfte vorgeworfen.

Einberufen wurde die Islamkonferenz 2006 vom damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) - man wollte die Beziehungen des Staates zu in Deutschland lebenden Muslimen intensivieren. Doch der Diskurs stockt auch nach Jahren noch. Bundesinnenminister Thomas de Maizière forderte anlässlich des Jubiläums eine stärkere Debatte um die Eindämmung von Extremismus und Gewalt - "innerislamisch wie im staatlichen Dialog".

Für den Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi sind die großen Verbände vor allem in einem ganz groß: Sie verdrängen die Tatsache, dass der Islam ein Problem mit Gewalt hat.

SPIEGEL ONLINE: In der "Freiburger Deklaration" fordern Sie mit anderen liberalen Muslimen eine grundlegende Reform des Islam. Wie soll die aussehen?

Ourghi: Wir müssen die kanonischen Quellen - den Koran und das Leben des Propheten - reflektiert verstehen und zeitgemäß interpretieren. Wir leben in einem westlichen Kontext, also sollten wir versuchen, anhand der Vernunft die islamische Identität kritisch infrage zu stellen und uns damit im Rahmen einer Islamreform auseinanderzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Sie träumen von einem humanistischen, säkularen Islam. Braucht Ihre Religion eine Phase der Aufklärung?

Ourghi: Ja, und zwar dringend. Wir müssen uns doch nur die Realität ansehen: Der Islam befindet sich in einer Sinnkrise, in einem pathologischen Zustand. Diese Sinnkrise ist hausgemacht und bedarf eines Therapieprozesses auf Basis der Aufklärung. Wir Muslime müssen eine mutige und ehrliche innerislamische Debatte führen, um uns aus der historischen Unmündigkeit zu befreien. Befreien auch von Wissenstraditionen und menschengemachtem patriarchalischem Ballast. Ohne Tabus, Denkverbote und Dogmen. Nur so können wir Anschluss an die Moderne finden.

SPIEGEL ONLINE: Konservative Muslime, auch viele Vertreter der Dachverbände in Deutschland, lehnen eine solche Aufklärung kategorisch ab.

Ourghi: Aber sie vertreten nur geschätzt 15 Prozent der Muslime in Deutschland. Was ist mit der sogenannten schweigenden Mehrheit der Gläubigen? Genau denen wollen wir mit unserer Deklaration eine Stimme geben. Die Hardliner befeuern vor allem eins: die kollektive Verdrängung der Tatsache, dass Muslime ein Problem mit Gewalt haben. Die islamistischen Mörder beten nicht in Kirchen, sondern in Moscheen. Sie berufen sich auf den Koran und die Tradition des Propheten, damit muss man sich doch auseinandersetzen!

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen sich explizit gegen Kinderehen und Gewalt gegen Minderjährige aus. Züchtigen Muslime ihre Kinder häufiger als andere?

Ourghi: So etwas würde ich nie behaupten. Aber in einigen Koranschulen und Moscheen in Deutschland haben wir es mit Imamen zu tun, die den Kindern Angst vor Gott, vor Bestrafung und vor der Hölle machen. Das lehnen wir ab. Diese Pädagogik der Unterwerfung wird vor allem von Import-Imamen praktiziert, die im Ausland eine vollkommen andere Sozialisierung erfahren haben als die Koranschüler in Deutschland. Diese Imame sind weder pädagogisch noch didaktisch geschult und nehmen keine Rücksicht auf die westliche Lebenswelt der Kinder. Die Schüler werden als Behälter betrachtet, die man mit Inhalten füllt - so entstehen die berüchtigten Parallelwelten. Oder, genauer gesagt: ein Getto-Glaube.

SPIEGEL ONLINE: Sie plädieren also für in Deutschland ausgebildete islamische Theologen und Religionspädagogen?

Ourghi: Ja. Und selbstverständlich befürworten wir die Teilnahme der muslimischen Kinder am Schwimm-, Sport- und Sexualkundeunterricht. Eine Freistellung aus Religionsgründen ist inakzeptabel. Wir sollten versuchen, Religion als Privatsache zu betrachten. Deshalb sollten Staatsdiener wie Lehrerinnen oder Richterinnen auf das Tragen religiös begründeter Kleidung verzichten. Das Kopftuch ist ein historisches Produkt männlicher Herrschaft und islamisch nicht zu begründen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind gegen Polygamie und Zwangsheirat, befürworten die Gleichberechtigung der Frau. Dennoch distanzierte sich der Liberal-Islamische Bund (LIB) von Ihren Thesen. Sie würden "rassistischen und islamfeindlichen Diskursen in Deutschland Schützenhilfe leisten", so der Vorwurf.

Ourghi: Wir waren schockiert von dieser Reaktion. Unsere Kritik am Islam ist doch keine plakative Ablehnung der Religion oder Beleidigung des Propheten. Unsere Kritik ist differenziert und sachlich, darin unterscheiden wir uns elementar von Islamophoben des rechten politischen Spektrums. Wir wollen die religiöse Identität von der historischen Verfremdung befreien. Der heutige Islam ist nicht mehr der des 7. Jahrhunderts. In dem Vorwurf des LIB spiegelt sich vor allem eins: Die ewige Opferhaltung einiger Muslime. Aber wir sind keine Opfer. Wir sind selbstständig denkende Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Ist denn Kritik am Propheten Mohammed auch in den Schriften tabu?

Ourghi: Mohammed wurde im Laufe der Jahrhunderte als unfehlbar mythologisiert. Der Koransure 18:110 aber kann man entnehmen, er sei "nur ein Mensch", der immer wieder von Gott kritisiert wird. Uns geht es vor allem darum, die Freiheit des Lesers und die Freiheit der Interpretation bei der Auseinandersetzung mit den Hauptquellen des Islam zu fördern. Wir müssen eine hermeneutische Distanz zu den herkömmlichen Autoritäten schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Sie beziehen klar Stellung gegen Antisemitismus und Homophobie - eine Steilvorlage für ihre Kritiker, oder?

Ourghi: Sicher, ich erhalte immer wieder Drohungen. Aber wir Muslime leben nun mal im 21. Jahrhundert und sollten endlich damit aufhören, Verschwörungstheorien zu pflegen. Israel und der Westen sind nicht schuld an unserer kulturellen Misere. Es ist unsere Pflicht, andere Menschen zu respektieren, Homosexuelle so anzunehmen, wie sie sind, Frauen zu ihren Rechten zu verhelfen. Die Begegnung mit anderen Religionen und Weltanschauungen, der interkulturelle Dialog, ist so bereichernd, wir können davon lernen und dabei unsere eigene Identität entdecken.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist Ihre potenzielle Anhängerschaft unter den Muslimen in Deutschland?

Ourghi: Ich wäre ein Hellseher, wenn ich das wüsste.



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Seite 1
auf_dem_Holzweg? 27.09.2016
1. Damit sagt er lediglich
Dass sich der heutige Islam in dem Zustand befindet wie die katholische Kirche damals im Mittelalter. Auch dort hat sich bis heute nicht sehr viel getan, immerhin ist Wissenschaft nicht mehr Satans Werk. Diese Diskussion ist also erfahrungsgemäß sinnlos wenn man in 500 Jahren nur kleine Änderungen bewirken kann. Und eine Änderung in Deutschland alleine ist sinnlos und zudem hochgefährlich. Ein sehr brisanter Artikel!
salomon17 27.09.2016
2. Ich hatte gehofft,
dass der Islam diese Selbstheilungskräfte besitzt und jetzt hoffe ich, dass sie sich ausgehend von Westeuropa durchsetzen. Was ich jedoch befürchte, sind ähnliche Konsequenzen, wie Sie die Reformation in Westeuropa hatte. Vielleicht setzt sich die Vernunft ja jetzt schneller durch. Einen 30-jährigen Krieg hält unsere Zivilisation nicht noch einmal aus.
bermany 27.09.2016
3. Anschluss finden
Es ist sicher richtig, dass Aufklärung den Anschluss an die Moderne erleichtern würde, doch dazu wäre auch eine Bereitschaft seitens der Betroffenen erforderlich. Diese zweifle ich an. Religion ist nicht nur im Islam eine Erhöhung zur Bereitschaft. Auch Protestanten prügeln sich alljährlich mit Katholiken, etwa in England.
pmeierspiegel 27.09.2016
4.
schönes interview , kluger Kopf. das sich LIB davon distanziert, war zu erwarten , Lamya Kaddor, die talkshowreisende pseudoliberale Muslimin ist beim LIB dabei . diese Frau ist dermßaen unglaubwürdig , Schüler von ihr sind beim IS gelandet, der traue ich nicht für 5 Pfennig über den Weg
ludwig49 27.09.2016
5. Islam ist keine Religion...
...die primär Vertrauen erweckt. Keine Frage: ohne Differenzierung geht es nicht. Allerdings ist eine solche schwierig, weshalb eben der Generalverdacht der Unterwanderung des christlichen Abendlandes besteht. Mein griechischer Nachbar sagte neulich: kein Wort mehr von denjenigen islamistischen Flüchtlingen, die während der Flucht christliche Syrer über Bord geworfen haben. Die gesellschaftliche Wertvorstellung der christlichen und islamistischen Religion ist grundsätzlich nicht generell kompatibel. Die Bedenken sind nicht völlig grundlos!
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