TV-Journalist in Libyen "Wir werden dich töten"

Er berichtet über Kinderarbeit, Vergewaltigung, Folter. Er wurde bedroht, bedrängt, misshandelt. Salah Zater, 28, arbeitet als TV-Journalist in Libyen. Jetzt ist er in Deutschland - und kann frei sprechen.

Libyscher Journalist Salah Zater: Festgehalten im Foltergefängnis

Libyscher Journalist Salah Zater: Festgehalten im Foltergefängnis

Von


Salah Zater hat fröstelnd seine Arme um den Körper geschlungen. Die Heizung in der Hamburger Altbauwohnung funktioniert zwar einwandfrei, dennoch trägt er einen dicken Pullover und Schal. Er hat sich an das Wetter in Deutschland noch nicht gewöhnt.

Erst seit wenigen Tagen ist der Fernsehreporter in der Hansestadt. Die Stiftung für politisch Verfolgte und der Verein Journalisten helfen Journalisten haben den 28-Jährigen für ein Jahr eingeladen. "Meine Familie war in Gefahr, ich musste weg", sagt er.

In seinem Heimatland Libyen wurde Zater mit dem Tode bedroht, misshandelt und von Vertretern verschiedenster politischer Fraktionen in die Zange genommen. Der Grund? Er arbeitete für die Privatsender Alassema und Al Nabaa, berichtete vier Jahre lang über Missstände im Libyen nach Gaddafi - über Kinderarbeit und Vergewaltigung, Drogenhandel und Folter in Gefängnissen.

Heimlich ließ Zater seine Handykamera mitlaufen, als ihm Vertreter einer Miliz namens Furkat al-Asnad al-Tamnah (Spezialkräfte Nummer acht) einen angeblichen Mehrfachmörder präsentierten: "Der Mann war höchstens 18, er konnte sich kaum auf den Beinen halten, ihm lief das Blut den Arm hinunter", erinnert sich der Reporter. "Der Gefangene war gefoltert worden, vermutlich, um ein Geständnis zu erpressen." Die Milizionäre bemerkten, dass Zater filmte, entrissen ihm das Telefon und schlugen ihn zusammen. Erst nach vielen Stunden wurde er unter Drohungen entlassen: "Noch so eine Aktion, und wir werden dich töten."

"Folter gehört zum Alltag"

Viele libysche Milizen unterhalten eigene illegale Gefängnisse, in denen sie nach Gutdünken mit den Inhaftierten verfahren. "Es gibt kein funktionierendes Justizsystem, die Beschuldigten sitzen da ohne Hoffnung auf einen Prozess. Folter gehört zum Alltag", sagt Zater. Ob Menschen getötet werden? "Die Aufpasser müssen nicht morden. Sie treiben die Menschen einfach so weit, dass sie nur noch sterben wollen."

Im Juli 2014 berichtete Zater über bewaffnete Aktionen einer in Tripolis agierenden Miliz namens Axis 11 und erhielt erneut Todesdrohungen. "Die Milizen jagen jeden, der sich kritisch äußert, ein Kommentar auf Facebook reicht", sagt er. Dabei spiele es keine Rolle, auf welcher Seite die Angreifer stünden.

Mit gleich mehreren Morddrohungen reagierten Polizeivertreter aus Tripolis auf einen Beitrag Zaters über Drogen. Haschischkonsumenten hatten ihm erklärt, das Rauschgift stamme von Drogenfahndern, die es aus Asservatenkammern entwenden würden. "Die eine Hälfte rauchen sie selbst, die andere verkaufen sie."

2012 verprügelten Sicherheitsleute des Präsidenten des gewählten libyschen Nationalkongresses den TV-Reporter. Zaters Kameramann filmte den Übergriff heimlich, sie strengten einen Prozess an, der Fall sei aber "vergessen" worden.

Vier Journalisten wurden im Jahr 2014 laut "Reporter ohne Grenzen" in Libyen getötet. Der jüngste von ihnen war gerade mal 18 Jahre alt. Die Zahl der entführten Berichterstatter war mit 29 höher als in Syrien oder dem Irak, "niemand zählt mehr, wie viele verhaftet oder bedroht werden", heißt es im Jahresbericht.

Die Fernsehsender, sagt Zater, seien nicht in der Lage, ihre Journalisten vor Übergriffen zu schützen: "Es gibt kein Gesetz, das uns verteidigt. Niemand hat Respekt vor der freien Meinungsäußerung."

Zater stammt aus der nordlibyschen Stadt Adschdabija. Eigentlich ist er Ingenieur. Als sich aber die Ereignisse in seinem Land überschlugen, ging er auf die Straße und berichtete. Er dokumentierte das Chaos und den Zerfall eines Staates, der auch heute noch keine Verfassung hat.

Wie der IS vorrückt

Mehr als drei Jahre nach dem Tod des Diktators Muammar al-Gaddafi haben zwei um die Macht ringende Regierungen sowie rivalisierende Milizen das Land ins Chaos gestürzt. Die Angst, dass der "Islamische Staat" (IS) in das entstandene Machtvakuum stößt, ist groß - und berechtigt.

Ein Video der Terrormiliz IS, das die Enthauptung 21 offensichtlich aus Ägypten stammender koptischer Christen zeigt, sorgte am Wochenende für Empörung. Ägypten flog daraufhin Vergeltungsangriffe gegen IS-Stellungen in Libyen.

Mindestens neun Menschen starben unlängst bei einem Anschlag auf ein Luxushotel in Tripolis, eine Gruppe namens Tripoli Province of the Islamic State bekannte sich zu dem Verbrechen. In mehreren Städten Libyens soll es bereits dem IS verpflichtete militante Gruppierungen geben. Im "Kalifat" Darna im Osten des Landes patrouilliert eine "Scharia-Polizei", es ist die erste IS-Enklave in Nordafrika.

Die Lage im Land ist instabiler denn je: Anfang September musste die international anerkannte Regierung von Abdullah al-Thinni aus Tripolis ins 1200 Kilometer entfernte Tobruk in Ostlibyen fliehen. Die Parlamentssitzungen wurden aufgrund der prekären Sicherheitslage teilweise auf einem griechischen Schiff abgehalten. Erst vor Kurzem wurde der stellvertretende Außenminister, Hassan Al Saghir, verschleppt.

Die Zahl der Entführungen ist immens gestiegen, außerdem fliehen Hunderttausende Libyer vor der Gewalt der Milizen. Zater hat ihr tristes Überleben in heruntergekommenen Lagern etwa in Tawergha nahe Misrata im Norden des Landes dokumentiert. "Es ist erschütternd, ihr Elend zu sehen. Sie sind Flüchtlinge im eigenen Land", sagt er.

Die Regierung im Osten besteht aus westlich orientierten Demokraten, aber auch alten Gaddafi-Getreuen. In der westlichen Hauptstadt Tripolis haben Muslimbrüder und Misrata-Milizionäre eine Regierung etabliert.

Zater vermeidet es, sich auf die Seite des einen oder anderen Akteurs zu schlagen. "Ich habe keine politischen Visionen", sagt er. Der Einzige, von dem er glaube, dass er das Chaos im Land beenden könne, ist General Khalifa Haftar, der die "Libysche Nationalarmee" (LNA) anführt und islamistische Milizen in Bengasi bekämpft hat.

Ideologisch ist Haftar schwer zu verorten und dadurch wenig berechenbar. Einst ein Verbündeter von Gaddafi, fiel er in Ungnade und organisierte aus dem US-Ex il den Widerstandskampf gegen den Diktator - er schickte von der CIA trainierte Soldaten nach Libyen. 2011 kehrte er in seine Heimat zurück, wo er heute angeblich mehrere Zehntausend Soldaten unter sich hat.

Der Journalist Zater ist müde von Gewalt und Chaos. Er glaubt, dass sein Land sehr weit entfernt ist von Demokratie und Menschenrechten: "Nur das Militär kann derzeit Frieden schaffen."

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.