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Eheähnliche Partnerschaften in Iran: Liebe im Untergrund

Von Mohammad Reza Kazemi

Ein Paar im Norden von Teheran: Ohne Ehe keine Kinder Zur Großansicht
AP

Ein Paar im Norden von Teheran: Ohne Ehe keine Kinder

Kaveh und Leila begehren gegen die Traditionen ihres Heimatlandes Iran auf: Sie verweigern sich der Heirat. Junge Leute wie sie treiben die Modernisierung voran - und nehmen das Risiko in Kauf, ausgepeitscht zu werden.

Es sah fast schon so aus, als würden Kaveh und Leila* keine gemeinsame Bleibe finden können. Zweieinhalb Monate lang suchten sie nach einer Wohnung. Dabei mangelt es in der kleinen Stadt Gorgan im Norden Irans, wo sie beisammen leben wollten, nicht an Wohnraum. Doch Kaveh log nicht, wenn er mit den Eigentümern sprach.

"Ich habe überall die Wahrheit gesagt: dass wir nicht verheiratet sind", sagt er. "Die Makler hatten kein Problem damit - aber die Vermieter sagten immer nein." Nach schier endloser Suche fanden sie schließlich doch eine Wohnung, die zwar ihre Wünsche nicht erfüllte, dafür hatte aber der Besitzer Verständnis für ihren Familienstand.

Ein persisches Sprichwort besagt: Eine Braut geht im weißen Kleid in das Haus ihres Ehemannes und verlässt es ebenfalls in Weiß. Im Leichentuch. Vor allem junge Iraner sorgen dafür, dass derlei Weisheiten an Aussagekraft über die Gegenwart verlieren. Die Scheidungsrate hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt, inzwischen wird etwa jede fünfte Ehe irgendwann aufgelöst.

Der Kampf um Diskretion

Vor allem aber entscheiden sich immer mehr junge Menschen statt für eine Ehe für eine eheähnliche Partnerschaft, in Iran "weiße Heirat" genannt. Die Paare leben zusammen, ohne verheiratet zu sein. In Iran ist dies eine Straftat, das Gesetz sieht mindestens 100 Peitschenhiebe vor.

So beginnt für Menschen wie Kaveh und Leila die wichtigste Herausforderung erst nach dem Einzug in die gemeinsame Wohnung: Der Kampf um Diskretion. Zwar gibt es in Iran keine Meldepflicht bei Behörden. Aber es kommt vor, dass konservative Nachbarn die Polizei alarmieren.

"Von acht Familien, die in unserer Wohnanlage leben, sind sieben konservativ eingestellt", berichtet Kaveh, der seit zwei Jahren mit Leila zusammenlebt. "Manchmal denke ich, die stieren auf meine Finger, um zu sehen, ob ich einen Ehering trage." Heiraten will er trotz dieses gesellschaftlichen Drucks nicht. "Wir leben aus Liebe zusammen, nicht aufgrund des Zwang eines Trauscheins", sagt er.

"Ich wollte nicht die gleiche Erfahrung machen"

Zwar gibt es keine Statistik, wie viele Iraner mit ihren Partnern unter ein Dach ziehen. Aber seit einigen Monaten schlagen Staatsfunktionäre Alarm und fordern "Gegenmaßnahmen". Für die konservative Elite Irans ist der Schuldige klar: Es ist die westliche Kulturinvasion durch Satelliten-Fernsehen. Gemeint sind die kitschigen Seifenopern mit sexuellen Anspielungen, die von persischsprachigen TV-Sendern aus den USA und Europa ausgestrahlt werden. Auch wenn die meisten Serien im islamischen Nachbarland Türkei spielen, behaupten Irans Konservative, sie seien Teil des "schleichenden Kriegs des Westens" gegen die Islamische Republik und ihre Werte.

Doch die wahren Gründe liegen woanders. Kaveh sagt: "Früher war ich selbst sehr religiös und wollte eine gläubige Frau heiraten. Als ich aber meine verheirateten Freunde und Bekannte sah, stellte ich fest: Keiner war zufrieden. Alle lebten zusammen, weil sie es mussten. Einige ließen sich scheiden. Andere waren untreu. Ich wollte nicht die gleiche Erfahrung machen." Seine Familie sei zunächst dagegen gewesen, dass er mit einer Frau unter einem Dach lebe. Als sie aber gesehen habe, wie glücklich er sei, habe sie sich hinter ihn gestellt.

Eine solche Unterstützung bekommt die 30-jährige Saghar nicht. Sie lebt seit sechs Jahren mit ihrem Partner in einem gemeinsamen Haus in Teheran. Viele ihrer Freunde und Verwandte meinen, dass eine junge Frau lieber heiraten solle. Sie aber ist von ihrer Entscheidung überzeugt: "Wenn ich als Frau vor dem Gesetz dieselben Rechte wie ein Mann hätte, würde ich heiraten. Aber das ist nicht der Fall", sagt sie enttäuscht.

Die islamisch geprägten Gesetze und die gängige Rechtsprechung diskriminieren die Frauen in vielen Bereichen:

  • Frauen benötigen für viele Schritte, z.B. eine Reise ins Ausland, eine schriftliche Genehmigung ihrer Ehemänner.

  • Ein Mann darf seiner Frau die Berufsausübung oder das Studium verbieten.

  • Frauen haben kein Scheidungsrecht.

"Der Weg zur Scheidung ist schrecklich", klagt Saghar. "Er ist voller Erniedrigungen und Beleidigungen. Nach langem Hin und Her kann der Richter am Ende einfach sagen: Deine Gründe für die Scheidung sind nicht überzeugend, du musst deine Ehe fortsetzen. Dann ist man gezwungen, mit jemandem zu leben, den man gar nicht mag."

Mit ihrer Form der Partnerschaft umgeht sie nicht nur die diskriminierenden Gesetze, sondern auch die patriarchalen Bräuche. Anders als in traditionellen Familien, in denen nur die Frau für die Hausarbeit zuständig ist, teile sie das Kochen, Waschen und Putzen mit ihrem Partner.

Auch für viele Männer ist die eheähnliche Partnerschaft von Vorteil, vor allem ökonomisch: Die jungen Leute teilen die Lebenshaltungskosten, während in konventionellen iranischen Ehen meist der Ehemann alle oder den Großteil der Kosten tragen muss. In einem Land, das aufgrund internationaler Sanktionen in einer tiefen Wirtschaftskrise steckt und in dem die Jugendarbeitslosigkeit bei mehr als 20 Prozent liegt, ist das keine leichte Aufgabe.

Chameneis Wunsch

Paare wie Kaveh und Leila sind allerdings zu einem großen Verzicht gezwungen: Sie dürfen keine Kinder bekommen. "Das darf nie passieren", sagt Kaveh mit besonderem Nachdruck, als würde er über eine drohende Katastrophe sprechen. "Wir sind sehr vorsichtig, damit meine Partnerin nicht schwanger wird."

Ein uneheliches Kind würde nicht nur das geheime Liebesleben verraten und das Paar der Strafverfolgung aussetzen, es würde später auch nicht dieselben Rechte haben wie ein eheliches Kind. Abtreibung ist verboten, die entsprechenden Gesetze wurden sogar verschärft. Das iranische Parlament hat vor kurzem ein Gesetz verabschiedet, das jegliche Werbung für Verhütungsmittel verbietet. Es ist außerdem dabei, die Vasektomie und Sterilisation unter Strafe zu stellen.

So wollen die Abgeordneten einen Wunsch des religiösen Führers Ali Chamenei erfüllen: Er hatte verkündet, dass Irans Bevölkerungszahl auf 150 Millionen verdoppelt werden solle. Wird eine Frau in einer illegalen Partnerschaft schwanger, bleibt ihr also keine andere Wahl als auf dem Schwarzmarkt Abtreibungsmedikamente zu beschaffen oder sich in einer Untergrund-Klinik operieren zu lassen.

Auch für Saghar ist die Schwangerschaft ein Tabuthema: "Wir wollen keine Kinder, oder besser gesagt, wir dürfen keine Kinder haben."

*Name von der Redaktion geändert

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1. Die Geistlichen
Schlaflöwe 02.11.2014
ordnen an, dass sich das Volk zu verdoppeln habe. Dann stellt das Parlament Abtreibung, Sterilisation, Verhütung unter Strafe und dem Volk bleibt nichts anderes übrig, als sich zu verdoppeln. Wie viele dieses Volkes mögen alle Geistlichen in die Hölle wünschen?
2.
joki81 02.11.2014
vor ein paar Jahrzehnten wurde das damals sehr schnelle Bevölkerungswachstum im Iran stark gebremst, vor allem indem die Bildung der Frauen verbessert wurde. Jetzt merken die Mullahs, dass eine gebildete Bevölkerung einer Diktatur Probleme macht und wollen zurückrudern. Dummerweise lassen es sich gebildete Frauen aber nicht bieten, wieder in die Rolle der Gebärmaschine gesteckt zu werden... Iran dürfte im nächsten Jahrzehnt noch eine explosive Zukunft bevorstehen.
3. Religion der anmaßende Feind Natürlicher Vernunft
bertholdalfredrosswag 02.11.2014
Immerhin ein Anfang und ein kleiner Lichtblick aus dieser religösen Finsternis. Naturempfinden und Vernunft sind eine Basis für eine Revolution die nicht zum Chaos führen muss. In Westeuropa waren ja die gleichen religiösen Umstände vorherrschend, dass noch mitte des achtzehnten Jahrhunderts bei nicht Beachtung der religiösen Sitten Familen und Dorfgemeinschaften solche Außenseiter ächteten und auch der Bann der KK gegen sie gerichtet war.
4. Langfristig
knowit 03.11.2014
ist die vom ungeliebten Westen herüberschwappende Aufklärung und Liberalisierung nicht zu stoppen. Der Weg dahin mag lang und schmerzhaft sein, zu stoppen ist dieser Prozess jedenfalls nicht.
5. Zustände...
mainzelmann62 03.11.2014
wie in zivilisierten Ländern im 18. oder Anfang des 19. Jahhunderts. Man sollte mit solchen Ländern keinen Handel treiben, aber die Geldgier kennt keine Grenzen
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Fläche: 1.648.195 km²

Bevölkerung: 79,476 Mio.

Hauptstadt: Teheran

Staatsoberhaupt und Religionsführer:
Ajatollah Ali Chamenei

Staats- und Regierungschef:
Hassan Rohani

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