Plädoyer für Durchschnittlichkeit: Mittelmaß ist spitze

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Wir gieren nach Aufmerksamkeit. Wir wollen immer mehr. Wir drillen unsere Kinder zu Hochleistungsmaschinen. Was für ein Irrsinn! Die meisten von uns sind und bleiben durchschnittlich - warum auch nicht.

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Corbis

Nur nicht abheben: Ein Lob auf die lebenstüchtigen Durchschnittsmenschen

"Gleichgültigkeit ist die Rache der Welt an den Mittelmäßigen", schrieb einst Oscar Wilde und hatte recht. Wer nicht abweicht vom Durchschnitt, bleibt unbeachtet. Und umgekehrt gilt natürlich auch, dass der, der Beachtung findet, nicht mehr mittelmäßig wirkt, selbst wenn er es ist. Beachtung scheint das Maß zu sein, nach dem sich unser Wert bemisst.

Wir gieren danach wie der Süchtige nach dem Stoff. Aufmerksamkeit weckt man, indem man sich abhebt vom Durchschnitt, zum Beispiel durch Wohlstand: mein Haus, mein Auto, meine Yacht, das übliche Geprotze. Oder durch jedes denkbare Abweichen von der Norm, und sei es negativ. Die bis an die Grenze des Bizarren silikonisierte Anatomie; der Auftritt vor der Casting-Kamera. Wir alle wollen jemand sein, aber definitiv kein Niemand.

Gelingt es uns herauszuragen, hebt das unser Selbstwertgefühl - als sei man mehr als vorher. Heißt "größeres Selbstbewusstsein" nicht auch, dass man sich selbst mehr spürt?

Das Mittelmaß ist uns ein Graus, weil es unsichtbar macht. Über den Mittelmäßigen spricht man nie. Beim Klassentreffen kommt keiner auf seinen Namen. Er saß mittig, er schrieb Durchschnittsnoten in Serie. Man erinnert sich an keine Geschichte, die man über ihn erzählen könnte.

"Mittelmaß, das", sagt der Duden, "Gebrauch: oft abwertend".

Man muss sich fragen, warum. Denn das Mittelmaß beschreibt auch "eine mittlere Qualität oder Quantität", und das ist erst einmal nichts Schlechtes. Man wird den Anforderungen gerecht, enteilt nicht der Konkurrenz und fällt nicht hinter sie zurück; ist mittendrin, nicht isoliert; weckt weder Spott noch Ehrfurcht noch Angst.

Ist das nicht gut genug?

Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen: Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie so durchschnittlich sind wie ich, liegt bei 95 Prozent. Nur fünf Prozent von uns haben einen Intelligenzquotienten, der nach oben oder unten merklich vom Durchschnitt abweicht. Gut so. Für die Lebenstüchtigkeit ist es weit besser, viele Dinge leidlich gut zu können, als in einer Sache genial zu sein.

Die Schaltstellen der Macht in Politik und Wirtschaft, in sozialen Zirkeln oder im Arbeitsleben werden nicht von Normabweichlern, Exzentrikern oder Ausnahmetalenten besetzt, sondern von lebenstüchtigen Durchschnittsmenschen.

Trotzdem wollen wir mehr sein. Wir spüren zwar unsere Grenzen. Aber wir finden immer auch Punkte, die uns Gewissheit geben, eigentlich doch etwas Besonderes zu sein. Und wenn das nicht hinhaut, soll es zumindest für unseren Nachwuchs gelten. Von dem erwarten wir eine Unmenge, weil wir uns eine Unmenge für ihn wünschen.

Zur Not tunen wir unser Durchschnittskind mit Nachhilfe und Sonderförderung. Das geht weit hinaus über das, was es locker und mit Spaß am Leben erreichen könnte. Wo das nicht reicht, senken wir die Standards, damit möglichst viele Kinder ihr vermeintliches Recht auf vermeintliche Exzellenz einfordern können. In manchen Bundesländern haben mehr als 50 Prozent der Schulabgänger Abitur. Für viele Mädchen und Jungen beginnt das Leben unter Aufschub schon im Kindesalter. "Ich tue das für später" als Lebensmotto.

Depressionen sind bei Kindern auf dem Vormarsch, Verhaltenauffälligkeiten auch. Laute kleine Durchschnittskinder, die mehr sein sollen. Wozu dieser Stress?

Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr
(Volksweisheit ungeklärter Herkunft)

Oft ist es der Beginn einer permanenten Überforderung vom Kindergarten bis zur Rente: Wozu? Um uns den Urlaub leisten zu können, in dem wir das "einfachere Leben" genießen?

Worin liegt der Wert, sich über "die anderen" zu erheben? "It's lonely at the top", sagt der Brite, und das stimmt. Überdurchschnittlich zu sein, stigmatisiert und isoliert nicht weniger, als unterdurchschnittlich zu sein. Das Mittelmaß bietet gute Voraussetzungen für das persönliche Glück.

"Mittelmaß heißt nicht Stillstand"

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"Mittelmaß heißt nicht Stillstand, heißt nicht sich treiben zu lassen. Auch das Mittelmaß bedarf steter Anstrengung und eines gewissen Eifers", schrieb Markus Reiter in seinem Buch "Lob des Mittelmaßes". "Es heißt aber sehr wohl, die Beschränktheit menschlicher Möglichkeiten zu erkennen. Das Mittelmaß ist somit das menschengerechteste Maß."

"Haben oder Sein?", fragte einst Erich Fromm und hoffte damit "die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft" zu beschreiben. Man hat ihn gelesen, gefeiert und vergessen: Heute ist der was, der was hat. Nur: Haben wir nicht alles, was wir brauchen? Wollen und verlangen wir nicht permanent zu viel?

Ein mittelmäßiges Kind ist gesund - gibt es einen höheren Wert? Es wird einmal einen guten Real- oder mittelguten Gymnasialabschluss machen und hat damit beste Chancen, seinen Weg zu gehen. Der Mittelmäßige hat einen Beruf gelernt und es bis in die Mitten der Hierarchie gebracht. Wenn sein Arbeitgeber die Fertigung nicht nach Timbuktu verlegt, wird er seine Familie so gut ernähren können, dass sie weitgehend frei von elementaren Existenzängsten sein kann.

Die gesellschaftliche Realität: Fast ein Kastensystem

So sieht deutsche Mittelmäßigkeit statistisch aus: Frauen werden 82 Jahre und fünf Monate alt, Männer 77 Jahre und vier Monate. Das Haushalts-Nettoeinkommen liegt bei 2700 Euro im Monat. Jedes Jahr geht es mindestens fünf Tage in den Urlaub, vorzugsweise nach Spanien. Auf der Bank liegen immer ein paar tausend Euro als Reserve. Das Haus ist zwar noch nicht abbezahlt, aber das wird schon noch. Der Mittelmäßige kann in diesem Land vielleicht keine großen Sprünge machen, aber er hat alles, was er braucht. In Wahrheit hat er so viel, dass über 50 Prozent der Deutschen davon nur träumen können. Die reichsten zehn Prozent der Gesellschaft besitzen drei Viertel des gesamten Vermögens.

"Mittelstand" ist für die meisten Bürger ein Sehnsuchtsbegriff, der in unerreichbarer Ferne liegt. Größere Anschaffungen sind kaum drin, nur acht Prozent der Jugendlichen, die Abitur machen, sind Kinder von Eltern ohne Abitur. Unser Bildungs- ist wie ein Kastensystem, indem der die besten Chancen hat, der Geld, Bildung und Einfluss schon mitbringt. Das wird so bleiben: Die Reichen leben also quasi außerhalb der Maßstäbe - und die vermeintliche "Mitte" stellt in Wahrheit die wirtschaftliche Elite. Sie hat verlernt, sich daran zu freuen.

Wahrgenommen wird das vor allem von denen, die nicht dazugehören. Sie sehen auch, dass die Chance, es jemals in die Mittelmäßigkeit zu schaffen, wohl schlechter ist als je zuvor in den letzten 50 Jahren - die Zeiten der sozialen Aufstiege aus eigener Kraft liegen hinter uns. Zugleich wächst die Gefahr, aus der Mitte abzustürzen.

Der Frust der Mittelmäßigen über das, was sie noch nicht erreicht haben, ist darum deplatziert. Er wirkt auf sie zurück, er versauert das Leben. In Wahrheit jammert der vermeintlich Mittelmäßige auf hohem Niveau.

Es geht ihm weit besser, als er sich selbst eingesteht.

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insgesamt 246 Beiträge
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1. Ja,
dennis_mundo 19.06.2012
da ist wohl einiges dran.
2.
mmueller60 19.06.2012
Klicken Sie doch bitte einmal auf den eigenen Link zur Themenseite "Mittelstand". Das ist ein Begriff für mittelgroße Unternehmen. Sie meinen "Mittelschicht".
3. Der Autor unterstellt...
Koana 19.06.2012
Zitat von sysopCorbisWir gieren nach Aufmerksamkeit. Wir wollen immer mehr. Wir drillen unsere Kinder zu Hochleistungsmaschinen. Was für ein Irrsinn! Die meisten von uns sind und bleiben durchschnittlich - warum auch nicht. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,838732,00.html
die Sehnsucht nach "Einmaligkeit". Dabei ist sich wohl der durchschnittliche Mensch seiner Bedeutungslosigkeit nur allzu bewußt, ja, um seiner kleinen Sorglosigkeit wegen wird er gar zum gandenlosen Opportunisten jener, die nach "Höherem" streben. Das Fatale, er begräbt damit langsam seine eigene kleine Sorglosigkeit - da die "Spitze" der Kastengesellschaft vor lauter Gier nicht einmal mehr schlucken kann, sie stopfen in ihre Rachen alles - aber auch alles hinein und es wird nicht mehr lange dauern, bis sie uns ihre stinkende Brühe vor die Füße erbrechen. Ich halte auch ein Plädoyer für den durchschnittlichen Wohlstand und die durchschittliche Güte, Solidarität und Friedlichkeit - nur - leider ist es vor allem der durchschnittliche Opportunismus, der alles zerstört. Warum fordert der Autor nicht konsequenterweise die Ächtung von übermäßigem Reichtum?
4. Der Schreiberling: Ein Mittelmässiger
zufriedener_single 19.06.2012
Wie paßt das denn zusammen: "Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen: Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie so durchschnittlich sind wie ich, liegt bei 95 Prozent. Nur fünf Prozent von uns haben einen Intelligenzquotienten, der nach oben oder unten merklich vom Durchschnitt abweicht. Gut so. Für die Lebenstüchtigkeit ist es weit besser, viele Dinge leidlich gut zu können, als in einer Sache genial zu sein." "So sieht deutsche Mittelmäßigkeit statistisch aus: Frauen werden 82 Jahre und fünf Monate alt, Männer 77 Jahre und vier Monate. Das Haushalts-Nettoeinkommen liegt bei 2700 Euro im Monat. Jedes Jahr geht es mindestens fünf Tage in den Urlaub, vorzugsweise nach Spanien. Auf der Bank liegen immer ein paar tausend Euro als Reserve. Das Haus ist zwar noch nicht abbezahlt, aber das wird schon noch. Der Mittelmäßige kann in diesem Land vielleicht keine großen Sprünge machen, aber er hat alles, was er braucht. In Wahrheit hat er so viel, dass über 50 Prozent der Deutschen davon nur träumen können." Bitte um Aufklärung.
5.
artbond 19.06.2012
Zitat von sysopCorbisWir gieren nach Aufmerksamkeit. Wir wollen immer mehr. Wir drillen unsere Kinder zu Hochleistungsmaschinen. Was für ein Irrsinn! Die meisten von uns sind und bleiben durchschnittlich - warum auch nicht. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,838732,00.html
Was ist das jetzt? Ein Versuch die Leute klein zu halten? Wenn in der Durchschnittsfamilie 2700€ inklusive Kindergeld schon die Mittelschicht sind und beide Partner arbeiten, dann sollen Sie mit dem auch noch zufrieden sein? Gehören ja schon zur Mittelschicht dann ist es okay für 1300€/Monat zu buckeln.... den Reibach macht der Unternehmer und die Politik... danke auch Spiegel für diesen Kommentar!
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