Kampagne gegen männlichen Suizid Am Abgrund

Mit 84 wird die Zahl der Männer angegeben, die sich pro Woche in Großbritannien das Leben nehmen. Eine Installation macht nun auf diese häufige Todesursache aufmerksam - und bricht damit ein Tabu.

DPA/ PA

"Weder ich noch irgendeiner seiner Freunde wussten, dass er an Suizid denkt", sagte eine Angehörige der Initiative Projecteightyfour. "Ich bin hier mit meinen Schwestern, weil wir unseren Vater verloren haben", sagte eine andere.

Sie alle vermissen ein Familienmitglied oder einen Bekannten, weil er sich umgebracht hat. Insgesamt nehmen sich laut dem Projekt allein in Großbritannien jede Woche 84 Männer das Leben. Suizid gilt demnach als häufigste Todesursache unter Männern bis 45 Jahren.

Mit einer beeindruckenden Installation auf dem Londoner Hochhaus des Fernsehsenders ITV sowie auf einem weiteren Studiogebäude macht die Kampagne nun auf dieses Problem aufmerksam. Insgesamt 84 lebensgroße Männerskulpturen stehen auf den Brüstungen der Gebäude - und scheinen gleich in die Tiefe zu stürzen.


Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Hier finden Sie - auch anonyme - Hilfsangebote in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen. Per Telefon, Chat, E-Mail oder im persönlichen Gespräch.


"Suizid und psychische Krankheiten unter Männern sind ein großes Thema, das nicht länger ignoriert werden kann", schreiben die Macher der Kampagne auf ihrer Webseite. "Es ist inakzeptabel, dass so viele täglich daran sterben, aber nur so wenige darüber sprechen."

Fotostrecke

6  Bilder
Kampagne gegen männlichen Suizid: 84 Männer pro Woche

"Selbstmord ist in vielen EU-Ländern eine wichtige Todesursache", heißt es auch im Gesundheitsreport von OECD und Europäischer Kommission von 2016. In Deutschland nehmen sich nach den letzten verfügbaren Zahlen 14 von 100.000 Personen selbst das Leben - der EU-Durchschnitt liegt bei 15. In der Europäischen Union sind die Selbsttötungsraten bei Männern viermal so hoch wie bei Frauen. Die meisten Selbsttötungen gibt es in Litauen: 37 pro 100.000 Einwohner.

Gründe für Selbsttötungen sind häufig Depressionen und Alkoholabhängigkeit. Weitere Einflüsse sind auch ungünstige wirtschaftliche Bedingungen wie Schulden, Armut oder der Verlust des Arbeitsplatzes.

Die vom US-Straßenkünstler Mark Jenkins sowie Sandra Fernandez gefertigten Figuren tragen Jeans, Kapuzenpulli oder Mantel und erinnern an Männer, die man auf der Straße trifft. Jede soll für einen durch Suizid umgekommen Mann stehen, dessen Geschichte auf der Projektwebseite dokumentiert wird.

Initiiert wurde das Projecteightyfour von der Organisation "Campaign against living miserably" (Calm). "Als Gesellschaft müssen wir unser Unbehagen und unser Peinlich-berührt-Sein ablegen und uns dem schrecklichen Problem stellen, es diskutieren und daran arbeiten, es zu lösen", sagte Calm-Geschäftsführer Simon Gunning dem Sender CNN.

Die in der ITV-Show "This morning" vorgestellte Kampagne hat in den sozialen Medien große Diskussionen ausgelöst. Viele äußerten sich positiv - darunter auch Aaron Ellis, dessen Vater ebenfalls von einer Figur repräsentiert wird.

Andere sprachen davon, durch die Installation berührt gewesen zu sein.

Es gab aber auch Kritik. Ein Nutzer lobte zwar die Debatte - sprach aber von einer geschmacklosen Darstellung. Ein anderer schrieb: "Wer auf der Erde hat so eine unsensible Idee?"

apr



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.