Feuerwehrchefin zu Brand in London "Ich schicke keine Feuerwehrleute da rein"

Im Londoner Grenfell Tower brennt es noch immer, die Zahl der Toten hat sich auf mindestens 17 erhöht. Die Helfer rechnen mit weiteren Opfern, doch die Suche stockt - und die Kritik am Brandschutz wird lauter.

Getty Images

Die bei der Brandkatastrophe in einem Hochhaus in London eingesetzten Rettungskräfte suchen vorerst nicht mehr in den oberen Stockwerken nach Vermissten. Die Ränder des 24-stöckigen Grenfell Towers seien nicht sicher, sagte Feuerwehrchefin Dany Cotton. "Ich schicke keine Feuerwehrleute da rein."

Laut Polizei stieg die Zahl der Toten auf mindestens 17. Bei dem gewaltigen Brand im Zentrum Londons befürchten die Einsatzkräfte noch weitere Opfer. Wie viele Menschen noch vermisst werden, ist unklar. Nach Angaben der Rettungskräfte wurden mindestens 79 Patienten in Kliniken behandelt, 18 von ihnen seien in einem kritischen Zustand. 65 Menschen wurden aus den Flammen gerettet.

Premierministerin May trifft Bewohner und Feuerwehrleute

Von vielen Bewohnern des Hochhauses fehlt noch immer jede Spur. Mehr als 24 Stunden nach dem Ausbruch des verheerenden Feuers quillt weiter Rauch aus dem Gebäude. Es gebe noch Brandnester, sagte Cotton.

Fotostrecke

18  Bilder
Brand im Grenfell Tower: Der Tag nach dem Inferno

Nach der Katastrophe gilt das Hochhaus im Stadtteil Kensington entgegen ersten Befürchtungen nicht als einsturzgefährdet. Spezialisten hätten den Sozialbau untersucht und für weitere Lösch- und Bergungsarbeiten sicher befunden, teilte die Feuerwehr mit. Das Gebäude wurde 1974 gebaut und von 2014 bis 2016 saniert. Es hatte bereits Beschwerden über unzureichenden Brandschutz in dem Hochhaus gegeben. Die Rettungsarbeiten werden noch Tage dauern.

Die Polizei rechnet damit, dass die Zahl der Toten weiter steigt. Feuerwehrchefin Cotton sagte, die Rettungskräfte gingen nicht davon aus, noch jemanden lebend zu finden. In dem Sozialbau mit 120 Wohnungen lebten britischen Medienberichten zufolge zwischen 400 und 600 Menschen.

Die Feuerwehr konnte laut Cotton alle 24 Stockwerke kurz durchsuchen. Für eine gründlichere Suche müssten vor allem die oberen Stockwerke erst gesichert werden. Niemand wisse, wie viele Menschen sich zum Zeitpunkt des Feuers in dem Gebäude aufgehalten hätten, sagte Cotton. Neun Feuerwehrleute seien bei der Suche nach Vermissten leicht verletzt worden. Sie sei zudem sehr besorgt über die psychische Belastung der Einsatzkräfte.

Die Ursache des Brands ist noch offen. Bürgermeister Sadiq Khan versprach: "Es wird im Laufe der nächsten Tage viele Fragen zur Ursache dieser Tragödie geben, und ich möchte den Londonern versichern, dass wir für alle Antworten bekommen werden."

Auch Premierministerin Theresa May kündigte eine "sorgfältige Untersuchung" an. Am Vormittag besuchte sie den Brandort und sprach laut Medienberichten mit Feuerwehrleuten und Bewohnern des Hochhauses, denen sie ihre Anteilnahme ausdrückte. Das Treffen war privat, Journalisten durften sie nicht begleiten.

Auch Queen Elizabeth II. drückte ihre Anteilnahme aus. Ihre Gedanken und Gebete seien bei den Familien, die Angehörige verloren hätten, sowie bei den vielen Menschen, die schwer verletzt im Krankenhaus lägen, teilte der Buckingham-Palast mit. Es sei ermutigend, zu sehen, wie viele Freiwillige nun zu Hilfe kämen. Hunderte Londoner spendeten Decken, Kleider oder Babynahrung für die Bewohner. Mehr als eine Million Pfund Spenden wurden bereits gesammelt.

Fotostrecke

24  Bilder
London: Inferno im Grenfell Tower

Der britische Brandschutzexperte Jon Hall nannte den Brand einen Unfall, wie er in der "Dritten Welt" vorkomme. "Alle Bestandteile der Feuersicherheit und des Gebäudemanagements" müssten versagt haben, vermutete er auf Twitter. Matt Wrack, der Chef der Feuerwehrgewerkschaft, sagte, nach dem Brand hätten die Bewohner des Gebäudes das Recht, kritische Fragen zu stellen - etwa, ob die Fassadenverkleidung die Feuersicherheit beeinträchtigt habe.

Aussetzen von Polystyrol-Dämmung gefordert

Auch in Deutschland werden bereits Rufe nach Konsequenzen aus der Brandkatastrophe laut. Die Berliner Feuerwehr drängte auf schärfere Vorschriften beim Brandschutz auch für niedrigere Gebäude. Landesbranddirektor Wilfried Gräfling wies im RBB-Inforadio darauf hin, dass bei Häusern mit einer Höhe von weniger als 22 Metern brennbares Dämmmaterial erlaubt sei. "Das bemängeln wir als Feuerwehr, weil wir da schon schlechte Erfahrungen gemacht haben - nicht hier in Berlin, aber schon in anderen Städten."

Laut Eigentümerverband Haus und Grund gibt es schon seit Längerem Hinweise, "dass polystyrolhaltige Dämmungen im Brandfall extrem gefährlich sind". Der Verband verlangte, diese Art von Fassadendämmung "sofort auszusetzen".

Amateurvideo zeigt Inferno:

Georgina Aguirre

apr/dpa

insgesamt 118 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
PolitBarometer 15.06.2017
1.
So so, die Feuerwehrchefin schickt also keine Leute mehr da rein, obwohl das Haus offensichtlich nicht einsturzgefährdet ist, aber dennoch Brandnester in den Obergeschossen existieren. Fürchten dei Helden plötzlich das Feuer? Eine etwas seltsam anmutende Einstellung wie ich finde. Noch vor Tagen hiess es, dass das London Fire Department mit zu den "Besten" der Welt gehört. Hust, das wundert mich, gerade mit Blick auf die Unermüdlichkeit der Einsatzbereitschaft der Feuerbrigaden an 9/11, 2001 in New York. Und die hatten da wohl noch ganz andere Probleme. Wenn hier jetzt etwas einsturzgefährdet wäre, dann vermutlich mehr im unteren und Mittelteil des Gebäudes, aber da hat das Feuer ja wohl auch nicht ganz so schlimm gewütet. Und noch was zum Thema Belastung der Einsatzkräfte: Ja, die ist da, gibt es aber anderswo auch und vermtl. noch wesentlich schlimmer. Der Anblick einer verkohlten Leiche ist zwar nicht angenehem, aber wer sich solch einen Beruf ausgesucht hat, darf so etwas nicht persönlich an sich ranlassen und wird dementsprechend darauf auch psychisch trainiert. Wer das nicht kann, sollte sich besser nach einem anderen Job umsehen. Alles in allem kein gutes Bild derzeit aus London.
derdermalwassagt 15.06.2017
2. Falsche Fassadendämmung
So traurig diese Katastrophe auch ist, letztendlich ist das die Schuld derjenigen, die aus Profitgier nicht zugelassene Baustoffe einbauen. Auf den Fotos ist eindeutig die noch vorhandene Aluminium Kaschierung der Fassadendämmung zu sehen! Es könnte PUR /Pir Dämmung sein, (fragwürdig für die Dämmung eines Hochhauses) oder eine "spezielle" Dämmung aus mehreren Lagen und ebenfalls Alukaschiert. Wen dieses Material verwendet wurde, ist das ziemlich sicher die Erklärung für dieses Inferno. Den dieses Material hat keine Bauaufsichtliche Zulassung und firmiert seit Jahren regelmäßig unter anderen Produktnamen. So oder so kann so ein Brand nur durch nicht geeignete Baumaterialien entstehen. Ein Armutszeugnis für eine Stadt, in dem horonde Immobilienpreise erzielt werden! Hoffentlich werden die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen, nicht wie hier in Deutschland beim Düsseldorfer Flughafen Brand, wo die Planer/Bauleitung Straffrei ausgegangen sind!
freddygrant 15.06.2017
3. Sicher ist es unmöglich ...
... Rettungs- und Branschutzkräfte in ein Gebäude zu schicken, das von der kompletten Außenmauer in den Innenbereich brennt. Diese Situation durch Bau- und Materielbestimmungen zu verhindern wird auch in Deutschland schon seit Jahrzehnten - trotz Erkenntnissen aus wissenschaftlicher Forschung und Brandversuchen durch die Lobby der Baumaterialien- und Bauwirtschaft - großteils verhindert. Man fragt sich, für was wir uns politisch organisieren: Für die Interessen der Wirtschaft und Industrie oder für die Gesellschaft, ihr Überleben und ihre Sicherheit!
two-wheels 15.06.2017
4. @politbarometer
Sorry, mein lieber Politbarometer. Aber einen solchen Schwachsinn habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Dieser Beitrag bezeugt ihren absolut fehlenden Sachverstand von der Arbeit der Feuerwehr. Langsam ist es aber leider so, dass Leute wie sie, das wirklich wahre Politbarometer sind. Erst mal einen raushauen, ohne nachzudenken. Hauptsache ich habe mich gelesen. Tolle Leistung.
ace.of.spades 15.06.2017
5. Schämen Sie sich!
Zitat von PolitBarometerSo so, die Feuerwehrchefin schickt also keine Leute mehr da rein, obwohl das Haus offensichtlich nicht einsturzgefährdet ist, aber dennoch Brandnester in den Obergeschossen existieren. Fürchten dei Helden plötzlich das Feuer? Eine etwas seltsam anmutende Einstellung wie ich finde. Noch vor Tagen hiess es, dass das London Fire Department mit zu den "Besten" der Welt gehört. Hust, das wundert mich, gerade mit Blick auf die Unermüdlichkeit der Einsatzbereitschaft der Feuerbrigaden an 9/11, 2001 in New York. Und die hatten da wohl noch ganz andere Probleme. Wenn hier jetzt etwas einsturzgefährdet wäre, dann vermutlich mehr im unteren und Mittelteil des Gebäudes, aber da hat das Feuer ja wohl auch nicht ganz so schlimm gewütet. Und noch was zum Thema Belastung der Einsatzkräfte: Ja, die ist da, gibt es aber anderswo auch und vermtl. noch wesentlich schlimmer. Der Anblick einer verkohlten Leiche ist zwar nicht angenehem, aber wer sich solch einen Beruf ausgesucht hat, darf so etwas nicht persönlich an sich ranlassen und wird dementsprechend darauf auch psychisch trainiert. Wer das nicht kann, sollte sich besser nach einem anderen Job umsehen. Alles in allem kein gutes Bild derzeit aus London.
Ihr Kommentar ist so ziemlich der geschmackloseste und zynischste, den ich in langer Zeit gelesen habe. Man darf sich fragen, ob Sie überhaupt zu einer menschlichen Empathie fähig sind.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.