Konferenz in London Die Entdeckung der Langweiligkeit

Feuchte Flecken an den Wänden, chinesische Nachmach-Architektur, eine Türknaufkollektion und die statistische Musterverteilung bei Fußabstreifern: Die Boring Conference in London feiert die Fadheit.

Anja Rützel

Von , London


Nichts ist hier ironisch, das ist eine Erleichterung. Im Publikum sitzen keine neofatzkenhaften Zwirbelbärte, keine absichtlichen Hochwasserhosen. Auf der Bühnenleinwand laufen in Endlosschleife Fotos von Euro-Paletten, leeren Snackautomaten und Parkhäusern, niemand kichert, zwinkert oder krümmt mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft. 400 Menschen sitzen an einem herrlichen Sonnenscheintag sehr ernsthaft mitten in London in Conway Hall, einem traditionellen Vortragshaus, um bei der Boring Conference elf Vorträge über, nun ja, ausdrücklich uninteressante Themen zu hören.

"Hinter jedem langweiligen Thema liegen noch weitaus langweiligere Schichten, so fad, wie man es sich nie erträumen würde", sagt James Ward, der das Langeweile-Festival seit acht Jahren veranstaltet. Seine Konferenz feiert, so die Eigenwerbung, "das Gewöhnliche, das Offensichtliche und gerade deshalb meistens Übersehene".

Das ist keine kokette Übertreibung, sondern sehr ernst gemeint: Ward selbst veröffentlichte ein Buch über den Inhalt seines Schreibmäppchens, kann stundenlang über Büroklammern referieren und sammelt Schnellhefter. In seinem Auftaktvortrag seziert er am Samstag "The day before you came", jenen ABBA-Song, der sich mit dem ausgesprochen schnöden Tagesablauf einer Frau befasst, der sich erst am Folgetag durch die Begegnung mit ihrem neuen Lover (oder Mörder, die Analysten sind sich da nicht einig) für immer ändern soll. Ward braucht nur wenige Minuten, und man wird regelrecht hineingesogen in seinen Langweiligkeitsstrudel, einfach nur loslassen muss man, die dauersurrende Informationsbewertungs- und Sortiermaschine im Hirn kurz mal abschalten.

Fotostrecke

12  Bilder
Boring Conference in London: Langeweile als unterschätztes Gefühl

Agnetha singt etwa in einer Zeile davon, dass sie bei ihrem Bürojob eine kurze Rauchpause macht - und Ward seziert erst einmal ausführlich das schwedische Tobakslag von 1981, die Rauchergesetze, die zur Veröffentlichung des Liedes, galten. Und nimmt anschließend eine logische Ungereimtheit im Text, der zufolge die Protagonistin drei Stunden braucht, um sich chinesisches Take-away-Essen zu holen, zum Anlass, längliche Statistiken über die flächenmäßige Verbreitung von China-Imbissen im Schweden der Achtziger zu referieren.

Das klingt nach höchstsedierendem Qualgeplauder, doch das Gegenteil ist der Fall. Natürlich ist die Boring Conference ein Paradox: Sie feiert die Langweile als unterschätztes Gefühl, zerstört sie damit natürlich gleichzeitig auch.

Nach Wards ABBA-Exegese folgt ein Reigen nicht minder bizarrer Themen: Es geht um chinesische Fantasie-Städte, die detailgetreu diverse europäische Metropolen nachahmen (inklusive einer London-Bridge-Replica, die doppelt so hoch ist wie das Original). Um die Evolution der gehäkelten Reifrock-Püppchen, die man in den Fünfzigerjahren so gern als diskrete Klorollen-Verhüller verwendete. Außerdem gibt es eine akustische Analyse der so genannten Watergate-Lücke, jener angeblich versehentlich gelöschten 18 Minuten, die in den Nixon-Abhörbändern fehlen, und die nun mit ausführlichen Hörbeispielen ihrer verschieden verrauschten Brumm- und Bitzelgeräusche gewürdigt werden.

Stilkolumnist mit 15 Lagerräumen

Jedes dieser Themen wird auf seine Weise faszinierend, weil die jeweiligen Sprecher einen mit ihrer Recherchewut, Leidenschaft und natürlich schwerst verkauzten Besessenheit mit ihrem Thema mitreißen. Der Musiker Mikey Georgeson quetscht in seinen bilderreichen Vortrag über feuchte Wandflecken sogar noch ein paar Querverweise auf die Philosophen Roland Barthes und Gilles Deleuze - er liebt Wasserflecken so sehr, dass er sich aus aller Welt Fotos von durchsuppten Wänden zuschicken lässt und diese mit einem komplizierten Verfahren auf Leinwand überträgt.

Ein weiteres Highlight ist der Vortrag von Alexander Baxevanis, der beim Heimkommen einmal versehentlich im falschen Stockwerk ausstieg - und so inspiriert wurde, sämtliche Fußmatten in den 23 Stockwerken seines Wohnhauses zu fotografieren und statistisch auszuwerten.

Unerwartet rührend berichtet am Nachmittag zum Abschluss der Konferenz Stilkolumnist Peter York über seine 15 Lagerräumchen, die er verstreut über ganz London angemietet hat, um seiner wachsenden Besitztümer Herr zu werden. Er ergeht sich in wunderbar überkandidelte und detailreiche Beschreibungen (und Bilder) seiner Mahagonitisch-Sammlung, der über die Jahre zusammengesammelten Türknaufkollektion (York beharrt darauf, dass es völlig normal sei, bei einem Umzug den Türknauf mitzunehmen) und weiterer rätselhafter Ansammlungen wie leerer Geigenkästen sowie 18 gefälschter Arne-Jacobsen-Stühle in dottergelb.

"Jetzt könnt ihr mit eurem Leben weitermachen"

Draußen, im winzigen Park vor dem Veranstaltungsort, sitzt danach noch ein kleines Grüppchen von Konferenzteilnehmern zusammen, man plaudert angeregt über hochspannende Langweilerthemen. Ein bisschen erinnert das Szenario an den Tisch der Unbeliebten und Uncoolen, der als klassisches Motiv in keinem High-School-Film fehlen darf - allerdings möchte man hier wahnsinnig gern dazugehören. Ein paar Konferenz-Veteranen unterhalten sich über Highlights der vergangenen Jahre, etwa jenen Herrn, der seit Juli 2007 jeden seiner Nieser protokolliert: Datum, Ort, Schneuzintensität.

Nur auf den ersten Blick wirken heute solche Interessengebiete schrullig. Schnell leuchtet ein, warum es so beruhigend sein kann, sich für Callcenter (und ihre Parallelen zur christlichen Vorstellung des Fegefeuers) zu interessieren: Die Hingabe an scheinbar bedeutungslose Details, diese Vertiefungslust in Zeiten des ständigen Rauschens ist auch eine Strategie, das Leben zu bewältigen. Wer sich mit zärtlicher Liebe an Marginalien hängt, kann so zumindest kurzzeitig vor den überwältigenden Hauptsachen fliehen.

"Das Interesse an langweiligen Dingen hat sicher auch mit allem zu tun, was wir in diesen Jahren erlebt haben: Trump, Brexit - all diese überdimensional großen Themen", sagt Organisator James Ward. "Wir geben den Menschen die Erlaubnis, ein paar Stunden nicht darüber nachzudenken, und die Menschen brauchen das mehr denn je."

"This has been boring, you have been bored", sagt James Ward zum Abschied. "Jetzt könnt ihr mit eurem Leben weitermachen." So recht Lust hat man dazu an diesem Nachmittag allerdings tatsächlich nicht.

Mehr zum Thema


insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
te36 06.05.2018
1. Ausgezeichner Artikel zum Thema.
Sehr langweilig, ich bin beim Lesen eingeschlafen!
dasfred 07.05.2018
2. Kurzweilige Unterhaltung über Langeweile
Man sollte meinen, die Vortragsthemen an sich garantieren die Langeweile, aber wenn der Redner seine Begeisterung für sein Thema so rüberbringt, dass man sich noch lange dran erinnert, ist diese Veranstaltung doch eher eine Satire Show mit britischem Understatement. Der Bericht war so kurzweilig, dass Frau Rützel gar nicht ihre kleinen Spitzen abfeuern musste, mit denen sie uns sonst den übelsten Trash als humorige Köstlichkeit serviert. Wenn das boring ist, dann mehr davon.
bronck 07.05.2018
3. Deutschland wie immer die Nr. 1
Egal wie sehr die Briten sich bemühen mögen. An die Langeweile und Trostlosigkeit einer großen Koalition kommen sie nicht mal mit einer Leiter ran.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.