London nach den Krawallen Das schmale Haus in der Falcon Road

London kommt zur Ruhe, und die Menschen beginnen, ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Zum Ort der öffentlichen Trauer wird ein ausgebrannter Kostümladen im Süden der Stadt - hierher pilgern all jene, deren Weltbild aus den Fugen geraten ist. "Der Mob hat mir mein London genommen", sagt ein Anwohner.

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Aus London berichtet Jochen Brenner


Als Lady Di starb, pilgerten die Bürger Londons zum Buckingham Palace. Nach den Anschlägen im Juli 2005 legten sie Blumen am Bahnhof King's Cross nieder. Jetzt knipsen die Londoner zu Hunderten das Haus in der Falcon Road. Jede Katastrophe braucht einen Ort, an dem sich die Trauer konzentriert.

Die Menschen statten dem schmalen Haus im Stadtteil Clapham einen Kondolenzbesuch ab, nicht unbedingt vom Mitleid mit den Eigentümern getrieben. Sie betrauern sich selbst, ihre Unbeschwertheit, das Ende eines Idylls. "Dass mitten unter uns Leute leben, die so etwas machen, das verstehe ich nicht", sagt Rita.

Rita hat die deutschen Bomben auf London überlebt, einen Sohn geboren, an einer Grundschule unterrichtet und schwererziehbare Jugendliche betreut. Am Mittwochmorgen schiebt sie ihren Gehwagen in die U-Bahn in Brixton und fährt nach Clapham, um das Haus zu sehen. "Ich bin einem Alter, in dem mich nichts mehr beunruhigt", sagt sie. "Jedenfalls glaubte ich das, bis ich hierherkam." Rita ist 85 und hört sehr schwer, sieht aber gut. Als sie bei der BBC das brennende Haus entdeckte, "da habe ich geweint".

Sie ist jetzt gekommen, um es in echt zu sehen, um zu prüfen, ob die TV-Bilder der Wirklichkeit entsprechen.

"Es war nur die Gier"

"Ich wünsche mir so sehr, dass es für die Krawalle einen echten politischen Grund gäbe", sagt sie, "aber am Ende war es doch nur die Gier." Sie schnäuzt sich in ihr Stofftaschentuch und schiebt den Gehwagen in Richtung U-Bahn.

Es war Montagabend, als die Zerstörung nach Clapham kam. Augenzeugen erzählen, dass 20, vielleicht 30 Jugendliche gegen sieben Uhr abends Schaufenster einwarfen, Autos umstürzten, ein Warenhaus plünderten. Wie dann das Feuer in dem Haus in der Falcon Road ausbrechen konnte, weiß keiner. Der Kostümladen im Erdgeschoss brannte aus, dann das Stockwerk darüber, schließlich die Wohnung in der dritten Etage und der Speicher. Das schmale Haus steht jetzt wie ein rußschwarzes Skelett eingezwängt zwischen den Nachbargebäuden. Jederzeit kann es einstürzen, drei Polizisten passen auf.

Hier leben Studenten und Familien

Im Nachhinein ist oft schwer zu verstehen, was den besonderen Charakter eines Mahnmals ausmacht. Warum ausgerechnet ein ausgebrannter Kostümladen im Süden Londons für so viele Menschen zum Sinnbild der Krawalle in ihrer Stadt wurde.

Sie ziehen in einer Prozession an dem schmalen Haus vorbei, bleiben stehen, knipsen, einige haben Tränen in den Augen. Stille liegt über der Ruine, nur der Verkehr brüllt ohne Pause.

Gut möglich, dass die Londoner das Ausmaß an Gewalt dem alten Stadtteil Clapham einfach nicht zugetraut hatten. Unter den rund 65.000 Einwohnern leben viele Studenten, Familien, die Gentrifizierungskarawane ist längst weitergezogen und hat nur eine lebendige Schwulenszene zurückgelassen. In Clapham wohnen doch eigentlich normale Leute, Männer wie Mark und Bednath - Tür an Tür.

Mark liebt Clapham, seit er vor zehn Jahren aus Wales nach London kam. Er ist Mathematikprofessor an einer Universität in der City, 51 Jahre alt, und berechnet in seiner Freizeit, wie sich die Wellen der Ozeane in Formeln ausdrücken lassen. Bednath kam vor 34 Jahren aus Nepal nach Clapham, seitdem verkauft er auf dem Markt Festtagsgewänder aus seiner Heimat, er ist jetzt 51.

Die beiden Männer stehen vor dem schmalen Haus in der Falcon Street und jeder sagt, was ihn bewegt. "Der Mob hat mir mein London genommen, das mir so sehr ans Herz gewachsen war." So spricht Mark. "Fucking idiots", sagt Bednath.

Trost suchen beide

Mark hat zum ersten Mal in fünf Jahren sein Pub-Quiz am Dienstag ausfallen lassen müssen, die Erschütterung ist ihm noch anzumerken. "Ich kann doch jetzt nicht mehr nachts um zwölf allein über die Straßen gehen", sagt er. Bednath sorgt sich vor allem um seine wertvollen nepalesischen Gewänder. "Sie werden mich abziehen."

So tragen die beiden Männer ihre Sorgen vor dem schmalen Haus in der Falcon Street vor, der eine in seinem Lebensgefühl gestört, der andere in Sorge um seine Existenz. Trost suchen sie beide.

Als Mark und Bednath nach ihrer Andacht aufbrechen, staut sich gerade der Verkehr auf der Abzweigung zur Mossbury Road an einem Hindernis. Taxifahrer hupen wütend, aber die Autos kommen nicht mehr vorwärts oder zurück. Die Sonne scheint plötzlich über London, es ist doch noch ein bisschen Sommer geworden in der Stadt. Vor dem schmalen Haus in der Falcon Road hält der erste rote Touristenbus.

insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
tobyasd, 11.08.2011
1. Gier und Politik
""Ich wünsche mir so sehr, dass es für die Krawalle einen echten politischen Grund gäbe", sagt sie, "aber am Ende war es doch nur die Gier."" Sie verkennt leider wie die meisten Politiker und der Rest der Öffentlichkeit: Wenn die Politik, wie in England, durch die Gier der Eliten bestimmt wir, ist die Gier des Mob ein zutiefst politischer Sachverhalt.
spkolbe 11.08.2011
2. NOT Clapham
Eine Menge meiner Ex-Kollegen in London beklagen den Verlust des Kostümladens in Facebook (auch ich habe während meiner Zeit in London verschiedentlich dort eingekauft, da ich direkt um die Ecke wohnte). Guter Artikel, aber der Laden und die Falcon Road liegen in BATTERSEA (Bourough of Wandsworth), nicht in Clapham (Bourough of Lambeth).Lediglich die Bahnstation heist Clapham Junction, da Battersea zur Zeit des Baus einen extrem schlechten Ruf hatte. Aber den Fehler machen sogar die meisten jüngeren Londoner, die nicht aus Battersea stammen.
Crom 11.08.2011
3. ...
Zitat von tobyasd""Ich wünsche mir so sehr, dass es für die Krawalle einen echten politischen Grund gäbe", sagt sie, "aber am Ende war es doch nur die Gier."" Sie verkennt leider wie die meisten Politiker und der Rest der Öffentlichkeit: Wenn die Politik, wie in England, durch die Gier der Eliten bestimmt wir, ist die Gier des Mob ein zutiefst politischer Sachverhalt.
Offenbar verkennen Sie die Lage. Einen Kostümladen zu plündern, Häuser anzustecken und die berufliche Existenz von Menschen zu zerstören ist kein "politischer Sachverhalt". Erschreckend wie wieder versucht wird die Ereignisse schön zu reden.
collapsar 11.08.2011
4. War schon richtig
Zitat von CromOffenbar verkennen Sie die Lage. Einen Kostümladen zu plündern, Häuser anzustecken und die berufliche Existenz von Menschen zu zerstören ist kein "politischer Sachverhalt". Erschreckend wie wieder versucht wird die Ereignisse schön zu reden.
Wenn Zerstörung und selbstbedienungsmentalität tagtäglich vorgelebt wird, gerade von sogenannten 'eliten', die Optimierung der persönlichen lebensumstände und Finanzen das Credo der Politik von Regierung bis Opposition darstellt und die gesellschaft ein Fünftel der Bevölkerung abschreibt, dann haben auch Plünderungen und Brandlegungen politische Qualität.
janne2109 11.08.2011
5. jung
Zitat von spkolbeEine Menge meiner Ex-Kollegen in London beklagen den Verlust des Kostümladens in Facebook (auch ich habe während meiner Zeit in London verschiedentlich dort eingekauft, da ich direkt um die Ecke wohnte). Guter Artikel, aber der Laden und die Falcon Road liegen in BATTERSEA (Bourough of Wandsworth), nicht in Clapham (Bourough of Lambeth).Lediglich die Bahnstation heist Clapham Junction, da Battersea zur Zeit des Baus einen extrem schlechten Ruf hatte. Aber den Fehler machen sogar die meisten jüngeren Londoner, die nicht aus Battersea stammen.
woher wissen Sie das der Redakteur jung ist?? Bei Spon hat wieder jemand geschrieben der sich weder auskennt ( verzeihlich, wenn er noch nie in London war) noch recherchiert hat, NICHT verzeihlich. Denn so lausig wird auch bei anderen Artikeln recherchiert.
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