Foto-Projekt Das London der Obdachlosen

Hundert Obdachlose zogen im Juli mit Einwegkameras los, um ihr London zu fotografieren. Es entstand ein berührender Einblick in das Leben der Menschen, die auf der Straße leben. Hier sehen Sie die besten Aufnahmen.

ROL/ Cafe Art

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Sie trafen sich an einem Vormittag im Juli bei St. Paul's, der großen, weißen Kathedrale im Zentrum Londons. Paul Ryan, sein Team von Café Art und rund hundert obdachlosen Menschen. Ryan und seine Kollegen verteilten 100 Einwegkameras an die Obdachlosen und schickten sie auf einen Streifzug. Drei Tage, so lautete der Auftrag, sollten sie alles fotografieren, was sie wollten. Einzige Einschränkung: Die Motive sollten ins Motto passen: "Mein London".

80 vollgeknipste Kameras fanden ihren Weg zurück zum Café Art, einer Organisation, die sich für die Belange Obdachloser einsetzt. Das Ergebnis: 2500 Bilder. Fotos, die das London zeigen, an dem die Bewohner und die vielen, vielen Touristen oft vorbeieilen. Die Picknicker vor der Tower-Bridge in Southwark. Die Nachmittagssonne auf dem Gherkin-Wolkenkratzer in der Innenstadt. Eine Ente, die sich in die Straßen von Westminster verirrt hat. Vielen Bildern merkt man an, dass sich der Fotograf bei der Aufnahme im Hintergrund hielt.

Picknick im Hyde Park fotografiert von Goska Calik
Goska Calik/ Cafe Art

Picknick im Hyde Park fotografiert von Goska Calik

"Die Macht der Kunst ist, dass sie den Menschen Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl gibt", sagt Paul Ryan. Er und sein Kollege Michael Wong hatten die Idee, Ausstellungen für die Kunst von Obdachlosen in Cafés in ganz London zu organisieren.

So bietet Café Art derzeit rund 200 obdachlosen Künstlern eine Platform, ihre Kunst auszustellen. Es gebe etwa 15 Kunstgruppen für Obdachlose in der Stadt, sagt Ryan. Er und sein Team schauen regelmäßig vorbei, fragen, wer ausstellen möchte. Dann rahmen sie die Kunstwerke gratis und vermitteln sie an Cafés.

Die Kunst soll eine Verbindung herstellen, zwischen den Obdachlosen, die oft völlig isoliert leben, und der Öffentlichkeit. Ein Viertel der rund 2800 Obdachlosen in England lebt laut einer Erhebung der Regierung in London. Wobei sich die Zahl auf die Menschen bezieht, die im Freien schlafen. Die Tausenden Menschen im Land, die in Obdachlosenheimen untergebracht werden, sind da noch gar nicht eingerechnet.

"Nicht alle, die zu uns kommen, schlafen auf Platte. Kein Schicksal ist gleich", sagt Ryan und erzählt die Geschichte von David Tovey, der den Obdachlosen Tony fotografiert hat. Das Bild heißt "Alles was ich besitze oder Tüten des Lebens".

Obdachloser Tony im Stadtviertel Strand: "Tüten des Lebens"
David Tovey/ Cafe Art

Obdachloser Tony im Stadtviertel Strand: "Tüten des Lebens"

Demnach war Tovey lange beim Militär. Als er wieder zurückkam, eröffnete er ein Restaurant. Doch er wurde krank, verlor das Restaurant, verlor seine Wohnung, verlor die Hoffnung.

Wie Tovey geht es vielen Obdachlosen, sagt Ryan. "Viele Leute kommen ohne Familie nach London. Sie verdienen nicht viel und bei einer Krise, einer Krankheit, einem Beziehungsende oder einer Kündigung verlieren sie den Boden unter den Füßen, weil sie keine Anlaufstelle haben."

Die Kunst, die Aufmerksamkeit und der Erfolg, den die Obdachlosen über Café Art erfahren, sollen die Menschen stärken und sie aus ihrer Isolierung holen. Sie sollen sich wieder trauen, einen Job und eine Wohnung zu suchen. Oder ihre Sucht zu bekämpfen.

Auch Tovey habe so wieder Selbstvertrauen gefasst, genügend zumindest, um eine Unterkunft und einen Job zu finden. Aus den besten Fotos entsteht nun zum dritten Mal in Folge ein Kalender. Tovey hat im vergangenen Jahr gleich zwei Fotos beigesteuert. In diesem Jahr hat er für die anderen Teilnehmer außerdem eine Präsentation gehalten, wie sie mit den Kameras die besten Bilder machen.

Am meisten mag Initiator Ryan das Bild mit dem Hund. "Die andern sind auch toll", sagt er. "Aber dieses bringt mich zum Lachen." Die Produktion wird über Kickstarter finanziert. Schon nach einer Woche hatte Café Art das Ziel erreicht. Das Geld, das nun übrig bleibt, soll direkt in Material für die Künstler investiert werden.

Nun, da das Kalender-Projekt bekannter wird, hat Ryan bereits Anfragen aus Berlin und San Francisco bekommen. In beiden Städten ist Obdachlosigkeit ein wichtiges, drängendes Thema. "Wir wissen noch nicht, wie wir da helfen können, aber wir wollen es versuchen", sagt Ryan.



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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
niamh 28.08.2015
1.
Ich bin aus Nordengland, wohne aber jetzt in London. Eine wunderbare Stadt, aber was fuer eine Schande, dass so eine reiche Stadt soviele Obdachlose hat. Die Miete ist so hoch, dass fuer manche, die Obdachlosigkeit kann sehr ploetzlich ankommen. Besonders Maenner haben ein hoeheres Obdachlosigkeits-Risiko, oft nach Ehe-Scheidung, z.B. Ein neuer - und hoechst unangenehmer - Aspekt der Feindseligkeit gegenueber Obdachlosen, ist "menschenfeindliche Architektur", was man ueberall sehen kann. Z. B etwas zu bauen, um sie unmoeglich fuers Hinliegen/Schlafen zu machen. Das ist die Verkoerperung von Anti-Obdachlosen Apartheid.
Newspeak 28.08.2015
2. ...
Eine Gesellschaft muß sich nicht daran messen lassen, wieviele Reiche sie produziert, sondern wie sie mit den Schwächsten umgeht. Allein daran zeigt sich, daß der Kapitalismus ebenso menschenverachtend ist, wie der Kommunismus. Reiche sind verzogene Kinder, denen niemand Grenzen setzt, und die durch ihre Gier unmittelbar dem Allgemeinwohl schaden.
Teigkonaut 28.08.2015
3. verharmlosende Bilder
Bis auf 2, 3 Aufnahmen zeigen diese Bilder m.E. nicht die triste Realität der Betroffenen. Eine Gesellschaft in der Menschen so schutzlos sind ist völlig dekadend. Wir brauchen aber nicht mit dem Finger auf London zu zeigen, denn in unseren Großstädten sind die Verhältnisse nicht besser.
L!nk 28.08.2015
4. Sehr wohlhabendes London
Nur 724 Menschen leben in dort auf Platte - gegen deutsche Städte scheint London ein Paradis zu sein, oder ist diese Zahl wieder nur krass geschönt, wie es hier auch an der Tagesordnung ist?
cafecreme 29.08.2015
5. Klasse Fotos
hatte erst gedacht, dass die Betroffenen sich gegenseitig fotografieren würden und war angenehm überrascht über die Motive. Nicht, dass ich keine Betroffenen sehen mag, dennoch fand ich ie Erklärungen außergewöhnlich, auch das Foto mit dem Schatten mit der Erklärung, dass sie, durch die Obdachlosigkeit sich wie ein Schatten ihrer selbst fühlt, finde ich eine gute Erklärung, wäre ich nie drauf gekommen, zeigt doch auch, dass es jeden treffen kann. plötzlich abzustürzen.
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