Zu laute "Walküre" Streit um Lärmschutz für Musiker nach Urteil gegen Oper

Im Orchestergraben war die Musik so laut wie ein Düsenjet. Ein Londoner Musiker mit Hörschaden zog deshalb gegen seinen Arbeitgeber vor Gericht. Er gewann - und hat damit eine Debatte wiederbelebt.

Royal Opera House London
Getty Images

Royal Opera House London


Seit einer Orchesterprobe zu Richard Wagners "Walküre" leidet Christopher Goldscheider unter einem Hörschaden. Der Bratschist verklagte daraufhin das altehrwürdige Royal Opera House in London - und bekam nach einem sechsjährigen Rechtsstreit vergangene Woche vor dem High Court Recht.

Über das Urteil gegen Goldscheiders Arbeitgeber wird in Großbritannien seither viel diskutiert. "Es bedeutet, dass sich ein Arbeitsplatz im Orchester nicht von dem in einer Fabrik unterscheidet", sagte der Direktor des Verbands der britischen Orchester, Mark Pemberton, in einem Gespräch mit dem britischen Sender BBC 3.

Diese Entscheidung habe womöglich "tiefgreifende Folgen" für die Zukunft der Live-Musik. Das Urteil könnte beispielsweise dazu führen, dass Musiker immer Gehörschutz tragen müssten, klagte Pemberton. Die Vorschriften kollidierten mit der Schönheit der Musik. Welche Auswirkungen dies konkret habe, sei aber noch offen.

Das Royal Opera House hatte sich laut BBC verstimmt über die Entscheidung geäußert. Musik sei schließlich kein industrieller Lärm - und lasse sich mithin auch nicht einfach dämpfen. Zudem soll der 45-jährige Goldscheider bei der Probe Gehörschutz getragen haben.

Risiko für Musiker

Die lauten Bläser sollen es bei der "Walküre" auf bis zu 130 Dezibel gebracht haben. Das entspricht dem Schalldruck eines startenden Düsenflugzeugs - und Goldscheider saß als Bratschist direkt davor. Dabei gelten auch für Orchester die europäischen Lärmschutzbestimmungen, die jeder Arbeitgeber einzuhalten hat, wie der High Court nun bestätigte.

Was also tun? Die Deutsche Oper am Rhein in Düsseldorf hatte bereits vor einigen Jahren wegen Schallschutz extra den Orchestergraben vergrößert. Zudem gibt es Überlegungen für Schallschutzwände zwischen den einzelnen Instrumentengruppen aus Plexiglas. Eine Musterlösung für alle Orchester wird es aber wohl nicht geben, denn Musiker müssen auch feine Nuancen ihrer Nachbarmusiker wahrnehmen.

Dem Intendanten des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, Nikolaus Pont, zufolge gibt es für Menschen, die mit dem Gehör arbeiten, aber immer eine gewisse Unsicherheit. "Das Risiko, dass das Gehörorgan im Laufe einer jahrelangen Orchestertätigkeit in Mitleidenschaft gezogen wird, können wir nicht ganz ausschließen", sagte Pont anlässlich des Londoner Falls dem Sender BR Klassik.

Goldscheider jedenfalls sieht sich durch das Urteil versöhnt. Es sei das erste Mal, dass das Gericht die Verpflichtung des Orchesters zum Lärmschutz anerkannt habe, ließ er über seinen Anwalt mitteilen. Der seit der Probe arbeitsunfähige Musiker sei nun guter Hoffnung, seine Forderung in Höhe von 750.000 Pfund an die Versicherungen für den erlittenen Verdienstausfall durchsetzen zu können.

apr



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.