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Erfolg der Polizei in Los Angeles: Besatzungsarmee war gestern

Von , New York

Polizei in Los Angeles: Der Wandel der gefürchteten Truppe Fotos
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Ferguson, Baltimore, Cleveland - Amerika diskutiert über rassistische Polizeigewalt. Es geht auch anders: In Los Angeles hat die Behörde ihr Image der brutalen Truppe abgeschüttelt. Wie hat sie das gemacht?

Der Abend des 11. August 2014: Der 25-jährige Schwarze Ezell Ford wird in Los Angeles von zwei Polizisten angehalten. Es kommt zu einem Handgemenge. Drei Schüsse fallen. Ford, der psychisch krank ist und keine Waffe trägt, stirbt kurz darauf im Krankenhaus.

Ein Fall, der in ganz Amerika für Empörung hätte sorgen können - aber das Land schaute wie der Rest der Welt stattdessen vielmehr auf Ferguson in Missouri, wo zwei Tage zuvor ein Polizist den Teenager Michael Brown erschossen hatte. Während Ferguson brannte, gab es zwar auch in Kalifornien Proteste. Doch sie blieben meist friedlich. Die Kameraleute zogen weiter.

Dabei passte auf den ersten Blick alles ins Muster, das Amerika in diesen Tagen aufwühlte: Ein unbewaffneter Schwarzer, ein armes Minderheitenviertel, Cops, die vorschnell zur Waffe griffen. Eine unabhängige Polizeikommission, die ihre Untersuchung kürzlich beendete, warf den Beamten Fehlverhalten vor.

Trotzdem spielt Ezell Ford in der Debatte um rassistische Polizeigewalt bis heute kaum eine Rolle. Das liegt nicht nur daran, dass Ferguson auch jetzt wieder alles überschattet. Oder daran, dass die beiden Polizisten in Los Angeles ein Asiate und ein Latino waren.

Es liegt in erster Linie daran, dass das Los Angeles Police Department (LAPD) ein völlig anderes - sprich: besseres - Verhältnis zu Minderheiten in der Bevölkerung hat als die meisten Polizeitruppen der USA.

Das LAPD galt lange als schlimmster Polizeiapparat

Alle sprechen von Ferguson, Cleveland, Baltimore, North Charleston. Nur wenige sprechen von Los Angeles, dessen 10.000 Polizisten zwar nicht immer unbescholten sind und manchmal sogar zu mehrfachen Mördern werden. Trotzdem könnte ausgerechnet das LAPD als Musterbeispiel dienen.

"Wir hatten mal ein schreckliches Problem in Los Angeles", sagte Ex-Präsident Bill Clinton Anfang des Jahres auf CNN. Doch im Schatten der Ferguson-Proteste habe "fast niemand auf der Welt" bemerkt, dass sich der Umgang des LAPD mit Zivilisten und vor allem Minderheiten "dramatisch verbessert" habe. "Das sollten wir überall in Amerika einführen."

Die Verbrechensrate in Los Angeles ist auf einen historischen Tiefpunkt gefallen. Situationen, in denen die Polizei tödliche Gewalt anwendet, werden immer seltener - auch wenn jeder Fall, wie Ezell Ford, ein Fall zu viel ist.

LAPD-Chef Charlie Beck bemüht sich um bessere Beziehungen zwischen Polizisten und Bürgern - gerade dort, wo Banden in die Lücken stoßen, die Armut und Rassismus schufen. Beck stockte die alten Gang-Streifen auf und heuerte mehr Schwarze und Latinos als Polizisten an.

Inzwischen besteht das LAPD zu fast zwei Dritteln aus Minderheiten (43 Prozent Latinos, 11 Prozent Schwarze, 10 Prozent Asiaten). Es reflektiert so die ethnische Zusammensetzung der gesamten Stadt.

"Wir müssen ihren Erfolg feiern", lobte Juraprofessor Jody Armour das LAPD im Januar in einem Interview mit der "Huffington Post". Alle US-Polizeibehörden sollten sich daran ein Vorbild nehmen.

Das war mal anders: Lange galt das LAPD als Amerikas rassistischster, korruptester, gewalttätigster Polizeiapparat. Das LAPD sei eine "Besatzungsarmee" gewesen, schreibt der Medienprofessor Joe Domanick in seinem neuen Buch "Blue: The LAPD and the Battle to Redeem American Policing" - eine Besatzungsarmee, die gegen Minderheiten "Krieg führte im Namen der Verbrechensbekämpfung".

Proteste gibt es dennoch

Los Angeles brennt: 1992 brachen nach der Polizeigewalt gegen Rodney King schwere Unruhen aus Zur Großansicht
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Los Angeles brennt: 1992 brachen nach der Polizeigewalt gegen Rodney King schwere Unruhen aus

Der Fall Rodney King war 1992 ein Wendepunkt. Das LAPD initiierte Reformen, bekam den ersten schwarzen Polizeichef. Ein enormer Korruptions- und Justizskandal in den Rängen der Polizei überschattete den Fortschritt Ende der Neunzigerjahre jedoch.

Der wahre Wandel begann 2002, als New Yorks Ex-Polizeichef Bill Bratton das LAPD übernahm. Er verstärkte die "community relations", hofierte Bürgerrechtler, Kirchen, Aktivisten. Die Kriminalitätsrate sank, der Ruf des LAPD besserte sich, nicht zuletzt bei den Minderheiten.

2009 wechselte Bratton zurück nach New York. Sein Nachfolger Beck traf auf ein viel besseres Klima: 83 Prozent der Einwohner von Los Angeles fanden, das LAPD leistete "gute" oder "exzellente" Arbeit.

Beck setzte Brattons Strategie fort. Etwa im Unruheviertel Watts, wo er selbst mal Streife fuhr. Heute trifft sich dort einmal die Woche ein LAPD-Beamter mit einer Bürgergruppe, um Spannungen vorzubeugen. Auch will das LAPD 7000 Beamte mit Bodycams ausstatten, um Konfrontationen zu dokumentieren.

Nicht alle jubeln. Der schwarze Stadtrat Marqueece Harris-Dawson, der in South L. A. aufwuchs, fühlt sich weiter unsicher: "Ich fürchte, dass ich zusammengeschlagen werde", sagte er der "Los Angeles Times".

Auch Ezell Fords Tod lässt sich nicht ignorieren. Am Dienstag, dem ersten Jahrestag, unterbrachen Protestler eine Sitzung der Polizeikommission. Das LAPD rückte an - ließ sie aber frei ausreden.

Zum Autor
Lane Hartwell
Marc Pitzke ist US-Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in New York. Von 1997 bis 2002 lebte er in Miami Beach.

E-Mail: Marc_Pitzke@spiegel.de

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insgesamt 57 Beiträge
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1. Eines muß man den Amerikanern lassen
christian.neiman.7 13.08.2015
sie mögen viele Probleme haben, aber sie sind auch bereit diese Problem zu diskutieren und zu lösen. In Deutschland hingegen werden Probleme gemerkelt.
2.
eisfuchs 13.08.2015
@christian.neiman.7 In Deutschland haben wir nicht mal ansatzweise solche Probleme wie in den USA. Wenn man am Rande des Abgrunds steht muss man was radikal ändern und es wird akzeptiert. Wenn man den Abgrund aber nur aus weiter Ferne sehen kann, wie bei uns, werden radikale Lösungen kaum angenommen, egal von wem sie kommen und in welche Richtung es gehen soll.
3. Niedriger aber dennoch
SPONU 13.08.2015
...immer noch absurd hoch. Im gesamten Jahr 2014 gab es in Deutschland (80Mio) nur 298 Mordopfer. Eine ähnliche Zahl gibt's in den USA pro Metropole (Chicago, NYC oder L.A.). Das wird sich auch zukünftig nicht weiter verbessern denn die fundamentalen Probleme der USA existieren weiter: Verfügbarkeit von Waffen, Grundsätzliches Misstrauen gegenüber Staatsgewalt, (Irr-)Glaube dass das Gesetz in den eigenen Händen besser aufgehoben ist, drastische Ungleichheit bei Chancen und sozialer Situation insb. bei Minderheiten. Dazu kommt ggf. noch dass die US-amerikanische Gesellschaft m.E. Gewalt geradezu verherrlicht. Das schlägt sich in Filmen und sogar im Sprachgebrauch und der Medienlandschaft nieder ("war on christmas", "war on freedom", "war on whatever"); geführte Kriege werden permanent als Siege Gut gegen Böse stilisiert. Das Selbstwertgefühl des Individuums nährt sich entweder aus Job und Vermögen oder eben aus körperlicher bzw. suggestiver Stärke (aus Waffenbesitz). Ein Polizist in USA muss bei jedem Einsatz, jeder Kontrolle, jedem Klingeln am Haus mit allem rechnen. Das beinflusst bewusst und unbewusst deren Handeln.
4.
P-Centurion 13.08.2015
Youtube Suchbegriff: Los Angeles police brutality Somit kann ich über so einen Artikel höchstens lachen. Man muss schon ein paar Jahre warten bevor man da irgendwelche Änderungen sehen könnte.
5.
Thomas Kossatz 13.08.2015
Zitat von christian.neiman.7sie mögen viele Probleme haben, aber sie sind auch bereit diese Problem zu diskutieren und zu lösen. In Deutschland hingegen werden Probleme gemerkelt.
Wie soll man ernsthaft diskutieren, wenn sich Beiträge wie der Ihre in Allgemeinplätzen und persönlichen Herabsetzungen ergehen? Im übrigens machen sie sich nicht mal die Mühe, vor dem Urteil einmal zu analysieren: 2012 machte eine Zahl aus Deutschland in den USA Schlagzeilen, nachdem in New York auf einen unbewaffneten Teenager 78 Schüsse abgefeuert wurden: Das war mehr, als alle Länderpolizeien Deutschlands zusammen im gesamten Vorjahr abgefeuert hatten: Im Durchschnitt 45-55 pro Jahr. Dabei starben jährlich 6-8 Menschen. In den USA waren es nach offiziellen Angaben 460. Wenn man nun noch bedenkt, dass Polizei Ländersache ist und mit Merkel genau NULL zu tun hat, erschließt sich die ganze Plattheit bestimmter Beiträge, darunter auch der Ihre.
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