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Fotoserie "Love and War": Blumen und Pistolen

Von

"Love and War": Die Geschichte von Guillaume und Caroline Fotos
Guillaume Simoneau

Zweimal waren der Fotograf Guillaume Simoneau und Caroline Annandale zusammen, zweimal trennte sich das Paar. Sie war zwischendurch als Soldatin im Irak stationiert. Er hielt ihre Veränderung in seinem Projekt "Love and War" fest. Einblick in eine persönliche Bilderserie.

Hamburg - Eine junge Frau hockt im Gras, blickt direkt in die Kamera, unschuldig und herausfordernd zugleich, im Mund hält sie eine Blume. Der Himmel ist blau, die Wolken im Hintergrund sind wie Zuckerwatte, alles scheint gut.

Dieselbe Frau steht acht Jahre später ein wenig verloren in der Landschaft, sie trägt schwere Stiefel und Militäruniform, sie blickt nicht zur Kamera, sondern irgendwohin in die Ferne. Nichts scheint gut.

Die Frau vor der Kamera und der Mann dahinter waren ein Paar: Caroline Annandale und Guillaume Simoneau versuchten es innerhalb von neun Jahren gleich zweimal miteinander. Zweimal sind sie gescheitert.

Das Foto im Gras entstand, als sie sich kennenlernten: 2000 bei einem Fotografie-Seminar im US-Bundesstaat Maine. Er war 22 Jahre alt und Gastdozent aus Kanada, sie war 17 und Teilnehmerin. Aufgenommen hat das Bild eine befreundete Fotografin. Das Foto mit Uniform entstand wenige Monate bevor sie sich endgültig trennten: 2008 in Kennesaw im Bundesstaat Georgia, der Heimat von Caroline.

In den Jahren zwischen den Aufnahmen hatten sie sich schon einmal entfremdet: Die erste Beziehung zerbrach im Winter 2002. Caroline ging zum Militär und heiratete schon im Mai 2003 einen Soldaten. Die Ehe hielt jedoch nicht lange. 2005 wurde Caroline in den Irak versetzt. Als sie zurückkam, nahm Guillaume wieder Kontakt auf. "Sie war viel reifer, das hat mich angezogen", sagt er. Im Frühjahr 2008 wurden die beiden wieder ein Paar.

Wie verändert sich ein Mensch über die Jahre? Welche Spuren hinterlassen Extremsituationen wie ein solcher Aufenthalt im Irak? "Love and War" hat Simoneau sein Fotoprojekt genannt, eine Bilderserie mit seiner Ex-Freundin als zentraler Figur. Die Fotos sind fast alle entstanden, als sie noch zusammen waren. Sie wurden in Ausstellungen gezeigt und erscheinen nun auch als Buch. "Es ist wie ein Tagebuch", sagt Simoneau. "Es waren ursprünglich persönliche Aufnahmen, die nie zu einem Projekt werden sollten."

Etwas ist verlorengegangen zwischen zwei Menschen

Die Aufnahmen zeigen Orte, an denen das Paar gemeinsam war. Sie zeigen Caroline auf Reisen und in der Badewanne, mit Kussmund und mit Pistole. Auf den letzten Fotos wirkt sie deutlich härter als auf den ersten aus dem Jahr 2000. Zeigt sich hier das Trauma eines Einsatzes im Kriegsgebiet? Die normale Entwicklung einer Teenagerin zur Frau? Die wachsende emotionale Distanz zum Fotografen? Oder vielleicht der veränderte Blick des Fotografen auf seine Freundin? Es ist offensichtlich, dass Caroline für die neueren Bilder anders in Szene gesetzt wurde als für die alten.

Beim Betrachten von "Love and War" bleiben viele Fragen offen - und das ist auch gewünscht. "Ich möchte, dass der Leser mit ebenso vielen Fragen wie Antworten zurückbleibt", sagt Simoneau.

Die Fotoserie ist nicht chronologisch aufgebaut, sondern wild gemischt. Nur Fragmente der Beziehung werden gezeigt. Umso stärker wird der Eindruck, dass hier etwas verlorengegangen ist zwischen zwei Menschen, die sich einmal geliebt haben.

Angereichert werden die Fotos durch Briefe und E-Mails, die Einblick geben in eine komplizierte Fernbeziehung. Darunter auch die SMS, mit der alles endete: "I don't think the visit thursday is a good idea anymore", schrieb Caroline im Februar 2009. "Ich glaube nicht, dass der Besuch am Donnerstag noch eine gute Idee ist."

Die abfotografierte SMS steht weit vorne in der Serie. "Der Betrachter muss sich durch das Mysterium arbeiten und die Geschichte rekonstruieren, bevor er sie auf sich wirken lassen kann", sagt Simoneau.

Um mit einer schmerzhaften Trennung abschließen zu können, werfen viele Menschen die alten Fotos weg. Simoneau arbeitete mit ihnen. So wurde aus einer emotionalen Angelegenheit schnell eine professionelle.

Man sieht den Krieg nicht, aber er ist da

"Love and War" erzählt mehr über die Liebe zwischen dem Fotografen und der Soldatin, aber der Krieg schwebt wie ein Schatten über den Bildern. Er ist nie wirklich zu sehen, aber man kann ihn auch nicht ausklammern. Am Ende des Buches deutet Caroline in einem kurzen Aufsatz an, was sie im Irak durchgemacht hat: Sprengfallen, Soldaten mit abgetrennten Gliedmaßen, Salutieren an den Särgen der Gefallenen.

Den Krieg will Simoneau dennoch nicht für das Scheitern der Beziehung verantwortlich machen. Es sei vermutlich eine Kombination aus vielen Dingen gewesen: Vielleicht die Entfernung zwischen Georgia und seiner Heimat Montreal. Vielleicht zu wenig Zeit und zu viel Bindungsangst, solche Dinge.

Als er in einem Interview gefragt wurde, was seine Fotos dem Betrachter vermitteln sollen, sagte er: "Dass alles in Ordnung kommt." Wie kann das sein? Bei ihm und Caroline ist doch so gar nichts in Ordnung gekommen. Simoneau überlegt, bevor er antwortet. Für ihn sei das Ende einer Beziehung nicht unbedingt etwas Schlechtes. "Wenn eine Partnerschaft für beide nicht mehr gesund ist, dann ist es besser, sie zu beenden."

Caroline Annandale arbeitet heute als Künstlerin in Wiesbaden. Sie habe anfangs gezögert, dann aber zugestimmt, die Fotos zu veröffentlichen, sagt Simoneau. Sie habe das Projekt nie aufhalten wollen. Kontakt haben die beiden heute nur noch sporadisch.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Caroline Annandale arbeite heute als Künstlerin in Georgia. Tatsächlich lebt sie seit einigen Monaten in Wiesbaden. Wir haben die entsprechende Passage geändert.

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