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Love Parade: "Die Menschen fühlen sich alleingelassen"

Wieso musste immer noch niemand die Verantwortung für das Love-Parade-Desaster übernehmen? Opferanwalt und Ex-Innenminister Gerhart Baum schildert, wie die Verletzten und die Hinterbliebenen der 21 Toten leiden, wie die Gründung einer Stiftung helfen soll - und wieso alle Beteiligten schuld sind.

SPIEGEL ONLINE: Mehr als hundert Tage nach der Katastrophe von Duisburg hat noch immer niemand die Verantwortung für die Massenpanik mit 21 Toten übernommen. Was bedeutet das für die Hinterbliebenen und Verletzten?

Baum: Eine große Last. Die Menschen fühlen sich alleingelassen. Sie erwarten nicht, dass die Schuldfrage innerhalb weniger Wochen präzise geklärt wird. Aber sie erwarten, dass sich der Love-Parade-Veranstalter Lopavent, die Stadt und das Land klar zu ihrer moralischen Mitverantwortung für diese Katastrophe bekennen. Das hat bislang beispielhaft leider nur Fritz Pleitgen als Repräsentant der Kulturhauptstadt 2010 gemacht - und der war in die Organisation der Love Parade gar nicht eingebunden. Verantwortung zu bekennen, ist keine juristische Frage. Es ist eine Frage des Mitfühlens. Die Love-Parade-Katastrophe ist nicht vom Himmel gefallen, sondern sie wurde durch menschliches Versagen ausgelöst.

SPIEGEL ONLINE: Wer hat versagt?

Baum: Meines Erachtens haben alle Beteiligten Fehler gemacht, welchen Anteil im Einzelnen sie auch haben mögen - der Veranstalter, die Stadt, das Land und die Polizei. Wieso zum Beispiel hat die Stadt ein höchst fragwürdiges Sicherheitskonzept des Veranstalters genehmigt, das einen einzigen Tunnel als Ein- und Ausgang für eine Massenveranstaltung vorsieht? Warum hat die Polizei die Gefahr durch die drangvolle Enge nicht früher erkannt und rechtzeitig gehandelt? Ich stehe in Kontakt mit mehr als hundert Opfern und ihren Angehörigen, 57 zählen inzwischen zu unseren Mandanten. Diese Menschen sehen all diese Fehler. Es macht sie schier verrückt, dass niemand dazu steht. Sie wollen nicht verwiesen werden auf ferne Entscheidungen eines Gerichts. Sie wollen, dass man sich ihnen jetzt widmet.

SPIEGEL ONLINE: Die nordrhein-westfälische Landesregierung hilft doch immerhin mit einem Nothilfefonds...

Baum: ...ja, der Nothilfefonds und der Landesbeauftragte Wolfgang Riotte arbeiten schnell und unbürokratisch. Doch die Mittel aus diesem Topf sind fast aufgebraucht. Außerdem greifen die bisherigen Hilfen zu kurz. Es gibt Menschen, die durch das Raster fallen.

SPIEGEL ONLINE: Welche?

Baum: Der Fonds zahlt zum Beispiel nur für stationäre Behandlungen, und die Behandlungsdauer darf 40 Tage nicht überschreiten. Es gibt aber viele schwer traumatisierte Love-Parade-Opfer, die langfristig ambulante Hilfen brauchen. Psychologen gehen davon aus, dass mehr als 500 Menschen posttraumatische Belastungsstörungen entwickeln werden, einige erst nach Jahren. Wir müssen für alle Opfer jetzt verlässlich regeln, dass ihnen geholfen wird - auch bei Spätfolgen oder ambulanten Behandlungen.

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Duisburg: Katastrophe bei der Love Parade
SPIEGEL ONLINE: Wie könnte das gelingen?

Baum: Das geht nur, indem wir die strafrechtliche Schuldfrage von der Frage der Hilfeleistungen abkoppeln. In der Regel haben Betroffene erst eine realistische Chance, Entschädigungen einzufordern, wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind und das Gericht Schuldige benannt hat. Im hochkomplexen Fall Love Parade dürfte das noch Jahre dauern; wahrscheinlich kommt es nicht vor 2012 zum Prozess. Und vielleicht wird das Ergebnis am Ende für die Opfer wenig befriedigend sein.

SPIEGEL ONLINE: Wieso?

Baum: Es ist durchaus möglich, dass bei allen Beteiligten Fehler festgestellt werden, diese aber nicht zu Verurteilungen führen. Für die Love-Parade-Opfer ist es unzumutbar, das abzuwarten. Deshalb bemühen wir uns, mit allen potentiell Verantwortlichen schon jetzt Hilfen für die Opfer auszuhandeln. Es muss eine neue Stiftung gegründet werden, die schnell und umfassend hilft.

SPIEGEL ONLINE: Woher soll das Geld kommen?

Baum: Ich bin mit dem Konzern Axa im Gespräch, der den Veranstalter Lopavent versichert. Mein Eindruck ist, dass sich auch die Landesregierung solchen Gesprächen nicht entziehen wird. Wichtig ist vor allem, dass wir uns auf verbindliche Kriterien einigen, nach denen die Opfer Hilfen erhalten. Unser Ziel ist die Gründung einer staatlich kontrollierten Stiftung bis zum kommenden Frühjahr, unter Einbeziehung der Verantwortlichen und der Opfer. In diese Stiftung sollten auch die Gelder anderer Hilfsfonds einfließen. Die Love-Parade-Opfer brauchen eine zentrale Anlaufstelle, die mit maximaler Transparenz arbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Welche Lehren ziehen Sie schon jetzt aus der Love-Parade-Katastrophe?

Baum: Die Love Parade und das unwürdige Gezerre um die Frage der Verantwortung für die Katastrophe hat bei vielen Menschen Vertrauen zerstört: Vertrauen in die Sicherheit von Großveranstaltungen, in staatliche Kontrollen, in die Kompetenz von Verantwortlichen. Dieses Vertrauen zurückzugewinnen, wird mühsam werden. Viele Betroffene wünschen sich, dass wir mindestens zwei Dinge aus der Love-Parade-Katastrophe lernen: Veranstalter von Großereignissen müssen gezwungen werden, sich für den worst case besser zu versichern. Und: Nie wieder darf es in Deutschland eine derart miserabel geplante und schlecht kontrollierte Massenveranstaltung geben.

Das Interview führten Andrea Brandt und Sven Röbel

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
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1. i.m.h.o. niemand
autocrator 10.11.2010
Baum hat es vorweggenommen: raus kommen wird, dass niemand schuld gewesen sein soll. und die politisch weisungsgebundene staatsanwaltschaft muss das mitmachen. Die regierung (Ex: Rüttgers, jetzt: Kraft / Jäger) ist schlicht menschenverachtend. Zum parteiübergreifenden machterhalt (siehe Duisburgs OB) werden menschenrechte ("Recht auf Leben") und rechtstaatliche prinzipien pervertiert. Die Toten und verletzten interessieren niemanden von denen, die in der verantwortung stehen. Nur zur wählerberuhigung wir ein mini-opferfonds und ein greises ombudsmännchen eingesetzt, der den weihnachtsmann spielen darf. Mann kann gar nicht soviel fressen, wie man kotzen muss!
2. Warum noch niemand die Verantwortung übernehmen muß?
blinder_aktionismus 10.11.2010
Wer soll denn verantwortlich sein? Dazu muss man doch erst mal nach schauen wer wen getötet hat. Und wer war es? Die Menschen die sich im Tunnel aufgehalten haben, die haben gestoßen, geschubst, gedrängelt, sind über gestolperte Menschen gelaufen, die Menschen im Tunnel haben Menschen zertreten! Wer oder was ist schuld? Die unvollendete Evolution des Menschen, die animalische Angst, der animalische Fluchtinstinkt, die Panik! Also die tierische Seite im unfertigen Menschen schaltet jeden Verstand ab. Die Menschen im Tunnel haben getötet, kein Polizist, keiner der Organisatoren hat irgend wen zertrampelt. Darüber sollte man mal nachdenken!
3. ..
blue0711 10.11.2010
Ein Fazit stand eigentlich schon aus Erfahrung fest: So eine Veranstaltung geht nur offen. Man kann sowas nicht absperren. Insofern habe ich kein Vertrauen verloren, denn die Veranstaltungen haben bisher prima funktioniert, weil man eben nicht versucht hat, die Masse in einen Käfig zu stecken. Da dafür auch keine Erfahrungen bestehen, kann man das Ganze nur als ein gefährliches Experiment bezeichnen, das gründlich schief gegangen ist. Ich bin nur entsetzt, wohin Kommerzialisierung führen kann. Was die Zahl der mittelbaren Opfer angeht, kann ich Herrn Baum nur zustimmen. Ich habe nur am anderen Ende des kleinen Tunnels gestanden und war nicht direkt betroffen, habe aber trotzdem mit den Folgen zu kämpfen, obwohl ich mich nicht gerade als empfindlich einstufen würde.. Das ist aber nichts gegen das, was im Kopf derer abläuft, die in dem Gedränge waren oder gar Verletzungen oder Tote miterlebt haben. Das sind viele und die brauchen wirklich Hilfe.
4. Aktion gegen den Titelmurks
yogtze 10.11.2010
Zitat von blinder_aktionismusWer soll denn verantwortlich sein? Dazu muss man doch erst mal nach schauen wer wen getötet hat. Und wer war es? Die Menschen die sich im Tunnel aufgehalten haben, die haben gestoßen, geschubst, gedrängelt, sind über gestolperte Menschen gelaufen, die Menschen im Tunnel haben Menschen zertreten! Wer oder was ist schuld? Die unvollendete Evolution des Menschen, die animalische Angst, der animalische Fluchtinstinkt, die Panik! Also die tierische Seite im unfertigen Menschen schaltet jeden Verstand ab. Die Menschen im Tunnel haben getötet, kein Polizist, keiner der Organisatoren hat irgend wen zertrampelt. Darüber sollte man mal nachdenken!
Da Sie offensichtlich noch nicht einmal wissen, worüber wir hier reden - wir reden von der Katastrophe auf der Love Parade am 24. Juli 2010 - sollten Sie sich erst einmal über dieses Unglück und den Hergang informieren, bevor Sie hier irgend etwas schreiben. Dann würden Sie wissen, dass in keinem der beiden Tunnel Verletzte oder Tote zu beklagen waren - diese waren auf der überfüllten Eingangsrampe zu beklagen. Soviel zu Ihrem Wissen über das Unglück. Und dass die Opfer selbst Schuld seien, ist einfach nur zynisch. Der Veranstalter hatte für die Sicherheit auf dieser Veranstaltung zu garantieren und hat ein mangelhaftes Sicherheitskonzept ausgearbeitet. Die Stadt, die dieses Konzept geprüft hat, hat es trotz seiner offensichtlich schweren Mängel (eingezäuntes Gelände für mehrere hunderttausend Gäste, nur ein Zugang, der dann auch noch Ein-und Ausgang zugleich war, einfach Wahnsinn)genehmigt. Sie sollten mal anfangen, nachzudenken, bevor Sie hier so einen Unsinn von sich geben.
5. .
barlog 10.11.2010
Zitat von blinder_aktionismusWer soll denn verantwortlich sein? Dazu muss man doch erst mal nach schauen wer wen getötet hat. Und wer war es? Die Menschen die sich im Tunnel aufgehalten haben, die haben gestoßen, geschubst, gedrängelt, sind über gestolperte Menschen gelaufen, die Menschen im Tunnel haben Menschen zertreten! Wer oder was ist schuld? Die unvollendete Evolution des Menschen, die animalische Angst, der animalische Fluchtinstinkt, die Panik! Also die tierische Seite im unfertigen Menschen schaltet jeden Verstand ab. Die Menschen im Tunnel haben getötet, kein Polizist, keiner der Organisatoren hat irgend wen zertrampelt. Darüber sollte man mal nachdenken!
Darüber gibt es nichts nachzudenken. Ihrer kruden Logik folgend, müssten dann wohl die Angehörigen der im Gedränge Getöteten alle anderen Menschen, die im Tunnel Todesängste ausstanden, verklagen. Es geht darum, festzustellen, durch wessen Entscheidung dieser Zustand möglich wurde. PS: Gut gewählter Nick !
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Zur Person
dapd
Gerhart Baum, 78, war von 1978 bis 1982 Bundesinnenminister der sozialliberalen Koalition. Der FDP-Politiker war von 1972 bis 1994 Mitglied des Bundestags. Nach seinem Ausscheiden aus dem Parlament intensivierte er seine Tätigkeit als Rechtsanwalt.

Die Love Parade
Die Love Parade findet seit 1989 statt, zunächst über viele Jahre in Berlin. 2007 zog die Veranstaltung dann ins Ruhrgebiet um, mit der Premiere in Essen. Vor zwei Jahren gastierte sie in Dortmund. 2009 sagte Bochum die Techno-Party ab, weil die Stadt keine Chance sah, den Besucherandrang zu bewältigen und einen geeigneten Veranstaltungsort zu finden. 2010 endete die Love Parade in einer Tragödie: 21 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt.
Die Anfänge
1989 gründet Techno-DJ Dr. Motte (Matthias Roeingh) die Love Parade. Etwa 150 Technofans tanzen auf dem Kurfürstendamm unter dem Motto "Friede, Freude, Eierkuchen". Die Veranstaltung wuchs rasant: 1994 tanzten bereits 120.000 Technofans um 40 Trucks herum, 1996 kamen 750.000 Raver auf die Straße des 17. Juni im Tiergarten. Die Rekord-Besucherzahl von 1,5 Millionen gab es 1999.
Die Flaute
2000 wurde der Umzug exportiert: Nicht nur in Berlin, sondern auch in Wien, Tel Aviv und Leeds gab es Love Parades. 2001 wurde die Berliner Parade nicht mehr als politische Demonstration eingestuft, sondern als kommerzielle Veranstaltung. 2002 kam es mit 700.000 Besuchern zu einem Einbruch, 2004 und 2005 fiel die Parade mangels Sponsoren ganz aus.
Die Rückkehr
2006 feierte die Love Parade ein Comeback mit neuem Veranstalter. Unter dem Motto "The Love Is Back" tanzten nach Polizeischätzung rund 500.000 Menschen, laut Veranstalter bis zu 1,2 Millionen Menschen. Nach dem Umzug ins Ruhrgebiet waren 2007 in Essen etwa 1,2 Millionen dabei, 2008 in Dortmund sogar 1,6 Millionen Besucher - nach Veranstalterangaben, die aber fragwürdig sind. Im vergangenen Jahr fiel das Event aus. Ursprünglich sollte es in Bochum stattfinden, aber die Stadt fand keinen geeeigneten Veranstaltungsort und befürchtete, den Besucherandrang nicht bewältigen zu können.
Die Katastrophe
In diesem Jahr fand die Love Parade unter dem Motto "The Art Of Love" in Duisburg statt, auf einem abgeschlossenen alten Bahngelände. Die Veranstaltung endete in einer Katastrophe: 21 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt. Offensichtlich waren wesentlich mehr Menschen auf dem Gelände als die nach Informationen von SPIEGEL ONLINE zugelassenen 250.000. Die Veranstalter sprachen kurz vor der Tragödie von insgesamt 1,4 Millionen Besuchern. Nach dem Unglück erklärte Organisator Rainer Schaller das Aus der Love Parade.

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