Von Jörg Diehl, Barbara Hans, Simone Utler und Julia Jüttner, Duisburg
Es gibt Hinweise, dass der Veranstalter insgesamt weniger Security-Leute einsetzte als versprochen, doch geklärt ist das noch nicht. "Da die Party erst kurz vor knapp genehmigt wurde, kann ich mir gut vorstellen, dass auch bei den Ordnern geschlampt wurde", sagte ein Polizist. "Wer hätte denn merken können, wenn statt 1000 nur 600 Ordner aufschlagen?"
Die Sicherheitsfirmen weisen diesen Vorwurf zurück. Ihre Leute hätten sich zentral registrieren müssen, wenden sie ein. "Ich war bei dem Verfahren dabei", so R.A.D.-Geschäftsführer Jan-Ole Dietrich zu SPIEGEL ONLINE. Die Registrierung sei zwingend erforderlich für die Abrechnung mit dem Kunden. In den Listen sei nachvollziehbar, wer seinen Dienst angetreten habe und wer nicht. "Es ist unmöglich, Leute in Rechnung zu stellen, die nicht da waren", sagte Dietrich. Die Prüfung, ob die Zahl der Ordner korrekt war, oblag nach Angaben der Polizei der Stadtverwaltung. Ob sie stattfand, ist unklar.
Anders als Politik und Veranstalter, die sich aus der Verantwortung zu stehlen scheinen, sind die Sicherheitsfirmen um Schadensbegrenzung bemüht. Eine Katastrophe wie bei der Love Parade bedeutet für die Firmen einen unkalkulierbaren Imageverlust. Nach eigenen Angaben mussten sich inzwischen viele Unternehmen vor ihren Stammkunden rechtfertigen. Wer will sein Event schon von Leuten sichern lassen, die im Verdacht stehen, auf fatale Weise versagt zu haben? Je länger die Verantwortlichkeit hin- und hergeschoben wird, desto mehr Kunden drohen abzuspringen.
Dennoch versichert der R.A.D.-Geschäftsführer Robert Ahrlé inzwischen, das in drei Monaten entwickelte Sicherheitskonzept sei "in der Theorie absolut tragfähig" gewesen. Alle Firmen, die zu einem Gespräch mit SPIEGEL ONLINE bereit waren, sind im Rückblick der Ansicht, dass der Plan hätte aufgehen können - wenn die Absprachen im Eingangsbereich funktioniert hätten und eng zusammengearbeitet worden wäre, untereinander sowie mit der Polizei.
Nach Ansicht Könnekes, der zurzeit an einem wissenschaftlichen Projekt zur Sicherheit bei Großveranstaltungen arbeitet, müsse geklärt werden, ob die Kommunikation funktioniert habe und ob die Situation vor Ort tatsächlich dem Lagestab gemeldet worden sei.
Die Sicherheitsfirmen machen jedenfalls eine mangelnde Kommunikation im Einlassbereich für das Desaster verantwortlich. Während auf der Rampe nichts mehr voranging, strömten immer mehr Menschen ungehindert in die Sackgasse. Einer der eingesetzten Ordner bekannte, es habe an der Verständigung mit der Einsatzleitung gehapert: "Alle warteten auf Befehle, aber es kamen keine."
Gab es ein Funkloch?
Feuerwehrleute und Polizisten, die am Samstag in Duisburg Dienst taten, beklagten sich über Schwierigkeiten mit ihren analogen Funkgeräten. Die Kommunikation zwischen den Einsatzkräften sei zumindest schwierig, zeitweise sogar unmöglich gewesen. Gab es ein Funkloch? Wussten die Sicherheitskräfte an den Tunneleingängen im entscheidenden Moment nicht, dass sich die Menschen längst auf der Rampe drängten?
Die Funkgeräte "sind teilweise so alt, dass man keine Ersatzteile mehr dafür bekommt", sagte Andreas Nowak von der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Nordrhein-Westfalen. Immer wieder komme es vor, dass sich Beamte mit den Geräten im sogenannten Funkschatten befänden und in gefährlichen Situationen nicht erreichbar seien. "Es ist häufig so, dass Polizisten ihr privates Handy mitbringen, falls sonst gar nichts mehr geht", so Nowak.
Doch am Samstagnachmittag waren auch die Handy-Netze zusammengebrochen. Und es scheint, als sei es zur Tragödie gekommen, weil Polizei wie Ordner mit der Zahl der Menschen auf engstem Raum überfordert waren, weil niemandem mehr Raum blieb, die Massen aufzuhalten, und nicht alle stets wussten, was die anderen gerade taten. Chaos könnte man das nennen, tödliches Chaos.
Hinweis der Redaktion: Einen Tag nach der Veröffentlichung dieses Artikels meldet sich das Kölner Sicherheitsunternehmen SMS Security zu Wort: Man habe - anders als hier dargestellt - auf der Love Parade in Duisburg nicht den "Head of Security" gestellt, teilt die Firma mit.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
| alles zum Thema Love Parade 2010 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH