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Love-Parade-Ordner: Fatale Funkstille im Chaos

Von , , Simone Utler und , Duisburg

Was tat die Polizei?, fragten viele unmittelbar nach der Katastrophe von Duisburg. Dabei lag die Verantwortung für die Sicherheit auf dem Gelände allein beim Veranstalter und seiner bunt zusammengewürfelten Ordnertruppe - und die scheint völlig überfordert gewesen zu sein.

Ordner bei der Love Parade: Überfordert und unterbezahlt? Zur Großansicht
DPA

Ordner bei der Love Parade: Überfordert und unterbezahlt?

Es war ein Satz, der deutlicher kaum hätte ausfallen können: "Das Ordnersystem des Veranstalters ist zusammengebrochen", sagte der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger am Mittwochnachmittag, um kurz darauf nachzulegen, auf dass es ein jeder im Saal der Landespressekonferenz endlich begreife: "Der Ordnungsdienst hat seine Aufgabe nicht erfüllt."

An dem Einsatz beteiligte Polizisten und Love-Parade-Besucher hatten schon in den vergangenen Tagen offenbart, sie hätten den Eindruck gehabt, das Sicherheitspersonal des Veranstalters Lopavent sei mit dem Großeinsatz völlig überfordert gewesen. "Die haben die Masse einfach sich selbst überlassen", so Augenzeugen des Desasters von Duisburg.

Doch wer waren eigentlich die Ordner in ihren babyblauen T-Shirts mit Love-Parade-Logo? Welche Firmen stellten sie? Wie wurden die Männer und Frauen ausgebildet und warum machten sie, wenn die Angaben des Innenministers denn stimmen, derart viele Fehler?

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Polizei-Dokumentation: Chronik der Love-Parade-Katastrophe
Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen wurde die Mega-Party in diesem Jahr erstmals nicht mehr nur von einer Sicherheitsfirma geschützt, sondern von fünf verschiedenen. Bei ihnen handelte es sich um die Kölner Unternehmen R.A.D. und SMS Security, CCS Security aus Solingen sowie die Essener Firmen Challenge Security und den Wach- und Schutzdienst Kötter.

Warum Lopavent sich dazu entschied, die Veranstaltung von mehreren Firmen sichern zu lassen, ist unklar. Eine Anfrage zu dem Thema ließ das Unternehmen, das dem McFit-Betreiber Rainer Schaller gehört, bislang unbeantwortet. Die Sicherheitsunternehmen bestreiten jedenfalls, dass dadurch Kosten gespart wurden. Es habe für alle Ordner ein einheitlicher Stundensatz gegolten, hieß es. Über dessen Höhe schweigen sich die Manager allerdings aus.

Dabei steht die Branche nicht gerade für die besten Arbeitsbedingungen. Den Konkurrenzkampf halten nicht nur Gewerkschafter für gnadenlos, Lohndumping sei keine Seltenheit, heißt es. Mitglieder des Bundesverbands Deutscher Wach- und Sicherheitsdienste müssen zwar bestimmte Kriterien erfüllen, etwa tarifliche Löhne zahlen, Qualitätsstandards einhalten und ihre Mitarbeiter schulen. Doch es gibt jede Menge schwarzer Schafe, die diese Standards nicht besonders kümmern.

Ein Ordner, der 2007 und 2008 bei der Love Parade eingesetzt wurde, sagte SPIEGEL ONLINE: "Ich bin für diesen Job damals kein bisschen ausgebildet worden." Die Einweisung habe sich auf eine knappe Ansage beschränkt: Man solle dafür sorgen, dass niemand zwischen die Wagen des Zugs gerate. Sieben Euro in der Stunde habe er dafür bekommen. "Dafür habe ich mir jetzt kein Bein ausgerissen, das ist klar, oder?"

So etwas sei im Ernstfall natürlich verheerend, meint der Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Erich Rettinghaus: "Es ist doch klar, dass diese Leute zum einen entsprechend geschult, zum anderen ordentlich bezahlt werden müssen." Immerhin trügen sie die Verantwortung für die körperliche Unversehrtheit der Partygänger. "Sparen darf man hier nicht!"

Zahl der Ordner

Qualität ist das eine, doch auch an der Zahl der Ordner wird inzwischen gezweifelt.

Das Innenministerium geht davon aus, dass im Eingangsbereich zur Love Parade, also in den beiden Tunneln sowie auf der Rampe, nicht wie geplant 150 Security-Leute eingesetzt worden sind. Dabei kam diesen sogenannten Pushern die entscheidende Aufgabe zu, die Menschen zügig auf das Gelände zu schleusen, ohne dass sich gefährliche Stauungen bildeten. Dass dies nicht klappte, ist inzwischen klar.

Augenzeugen wie die jungen Love-Parade-Besucher Lena und Tim trafen lediglich am Eingang des Tunnels auf Ordner. "Den ganzen Weg bis zu der Rampe haben wir keinen einzigen gesehen - auch nicht, als das Gedränge unerträglich wurde." Und Sven Ritter aus Wuppertal sagte: "Sicherheitsleute standen erst wieder oberhalb der Rampe, als wir zur Bühne liefen. Davor, mitten im Chaos, habe ich keinen entdeckt."

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Nach der Katastrophe: "Duisburg erholt sich davon nicht mehr"

Für Tunnel wie Rampe waren nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen die Unternehmen SMS und Challenge Security zuständig. SMS stellte demnach nicht nur den Verantwortlichen für den Einlassbereich, sondern auch den "Head of Security", der für die Sicherheit auf dem Veranstaltungsgelände verantwortlich war. Die dort eingesetzten Polizisten, insgesamt vier Hundertschaften, sollten lediglich Anzeigen aufnehmen, Schlägereien schlichten, Diebstähle aufklären. Für den Einlass waren sie nicht zuständig.

Weder Challenge Security noch SMS Security nahmen bislang auf SPIEGEL-ONLINE-Anfrage Stellung zu dem Thema.

Am Samstagnachmittag riefen die überforderten Sicherheitsleute in den Tunneln und auf der Rampe dann dennoch die Polizei zu Hilfe, die mit Menschenketten versuchte, die massenhaft herandrängenden Besucher aufzuhalten - vergeblich.

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Forum - Love Parade in Duisburg - fataler Fehler?
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1. traurig
Hovac 25.07.2010
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Wenn auch nur ein Mensch stirbt war es ein Fehler. Sowas darf in Deutschland doch nicht mehr passieren, wozu wird man von Formularhaufen für die kleinsten Anlässe erdrückt wenn es dann doch nicht sicher ist.
2. Rhetorische Frage
lawinchen, 25.07.2010
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Ein Gelände, das max. 500.000 Besucher aufnehmen kann und dessen Zugangswege derart beschränkt sind, ist fraglos für eine Veranstaltung wie die Love Parade geeignet, denn die Love Parade ist dafür bekannt, weniger als 500.000 Besucher anzuziehen. Duisburg mag pleite sein und die zusätzlichen Einnahmen begrüßen, aber auf diesem Gelände mit diesen Zugangswegen hätte eine solche Veranstaltung niemals stattfinden dürfen: Ich hoffe, der Link wird dargestellt, ansonsten hilft eine Google-Maps-Suche nach "Karl-Lehr-Straße, Duisburg". Das Gelände befindet sich nördlich der L237. http://maps.google.de/maps?f=q&source=s_q&hl=de&geocode=&q=Love-Parade,+Duisburg&sll=51.151786,10.415039&sspn=21.231081,67.631836&ie=UTF8&hq=Love-Parade,&hnear=Duisburg,+Nordrhein-Westfalen&ll=51.422882,6.770582&spn=0.010276,0.033023&t=h&z=16 Polizeipräsidium und Staatsanwalt befinden sich gleich um die Ecke, ich hoffe, sie nutzen die Nähe.
3. Wo gesunder Menschenverstand aufhört...
xkultx 25.07.2010
Egal wo ob in Duisburg, Essen oder Berlin zu solchen tragischen Zwischenfällen kann es leider überall kommen. Es ist nur immer sehr einfach alles auf die Veranstalter abzuschieben, dabei wird allzu oft vergessen wer hier der wahre Auslöser des Dilemmas ist, war und bleiben wird - Alkohol, Drogen, Egoismus und Rücksichtlosigkeit. Wenn es nicht weiter geht - schiebt man nicht!!! Wo gesunder Menschenverstand aufhört, kommen die verschiedensten Schuldzuweisungen - Klar der Veranstalter ist Schuld - Klar die Stadt Duisburg ist schuld. Leute packt Euch mal an den Kopf und fangt an zu denken! Wenn ich mit 2 Promille in eine 30 Zone aus der Kurve fliege - ist dann auch die Stadt Duisburg Schuld oder der Hersteller meines Autos oder die Brauerei, warum bauen die denn dort eine Kurve hin, warum fährt mein Auto wenn ich getrunken habe?
4.
waffenstillstand 25.07.2010
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Ja, sicher. Es war vorher schon bekannt, dass das Gelände höchstens 500.000 Menschen aufnehmen kann, man wusste, dass annähernd 1.000.000 Menschen kommen würde (tatsächlich kamen sogar 1.400.000). So gesehen war es allzu sehr leichtsinnig, die Veranstaltung überhaupt stattfinden zu lassen.
5. Schuld haben
gisu 25.07.2010
Schuld haben die Organisatoren, von deren Seite wurden ehr die Befürchtungen laut das eventuell zu wenig Menschen erscheinen würden, da hat man Zweifel am Gelände und den eingeschränkten Möglichkeiten außer acht gelassen. Wer mit solchen Menschenmassen plant, der muss auch verstärkt auf die Sicherheit achten, und beim kleinsten Zweifel entweder umplanen oder die Sache ganz abblasen. Mein Beileid an die Opfer und deren Angehörigen.
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Die Love Parade
Die Love Parade findet seit 1989 statt, zunächst über viele Jahre in Berlin. 2007 zog die Veranstaltung dann ins Ruhrgebiet um, mit der Premiere in Essen. Vor zwei Jahren gastierte sie in Dortmund. 2009 sagte Bochum die Techno-Party ab, weil die Stadt keine Chance sah, den Besucherandrang zu bewältigen und einen geeigneten Veranstaltungsort zu finden. 2010 endete die Love Parade in einer Tragödie: 21 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt.
Die Anfänge
1989 gründet Techno-DJ Dr. Motte (Matthias Roeingh) die Love Parade. Etwa 150 Technofans tanzen auf dem Kurfürstendamm unter dem Motto "Friede, Freude, Eierkuchen". Die Veranstaltung wuchs rasant: 1994 tanzten bereits 120.000 Technofans um 40 Trucks herum, 1996 kamen 750.000 Raver auf die Straße des 17. Juni im Tiergarten. Die Rekord-Besucherzahl von 1,5 Millionen gab es 1999.
Die Flaute
2000 wurde der Umzug exportiert: Nicht nur in Berlin, sondern auch in Wien, Tel Aviv und Leeds gab es Love Parades. 2001 wurde die Berliner Parade nicht mehr als politische Demonstration eingestuft, sondern als kommerzielle Veranstaltung. 2002 kam es mit 700.000 Besuchern zu einem Einbruch, 2004 und 2005 fiel die Parade mangels Sponsoren ganz aus.
Die Rückkehr
2006 feierte die Love Parade ein Comeback mit neuem Veranstalter. Unter dem Motto "The Love Is Back" tanzten nach Polizeischätzung rund 500.000 Menschen, laut Veranstalter bis zu 1,2 Millionen Menschen. Nach dem Umzug ins Ruhrgebiet waren 2007 in Essen etwa 1,2 Millionen dabei, 2008 in Dortmund sogar 1,6 Millionen Besucher - nach Veranstalterangaben, die aber fragwürdig sind. Im vergangenen Jahr fiel das Event aus. Ursprünglich sollte es in Bochum stattfinden, aber die Stadt fand keinen geeeigneten Veranstaltungsort und befürchtete, den Besucherandrang nicht bewältigen zu können.
Die Katastrophe
In diesem Jahr fand die Love Parade unter dem Motto "The Art Of Love" in Duisburg statt, auf einem abgeschlossenen alten Bahngelände. Die Veranstaltung endete in einer Katastrophe: 21 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt. Offensichtlich waren wesentlich mehr Menschen auf dem Gelände als die nach Informationen von SPIEGEL ONLINE zugelassenen 250.000. Die Veranstalter sprachen kurz vor der Tragödie von insgesamt 1,4 Millionen Besuchern. Nach dem Unglück erklärte Organisator Rainer Schaller das Aus der Love Parade.


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