Love-Parade-Überlebende Wiedersehen mit der Angst

Victoria hat die Katastrophe auf der Love Parade überlebt. Eine Woche nach dem traumatischen Erlebnis kehrt sie zur Trauerfeier nach Duisburg zurück, die Bilder von Panik und Todesangst aus dem Tunnel noch vor Augen. Es ist ein schwerer Gang für die 17-Jährige.

Von , Duisburg

DDP

Lüdinghausen, ein Städtchen im Westfälischen, 34 Kilometer von Münster entfernt, 22.400 Einwohner. Wer hier lebt und was erleben will, der fährt zur Love Parade, wenn sie quasi vor der Haustür stattfindet. Also fiebern Victoria W., 17, und Julia A., 19, der Techno-Party entgegen. Endlich mal was los.

So hatten es sich die beiden vorgestellt. Es kam anders, das ist bekannt.

Eine Woche später kauern die beiden auf den kalten Betonstufen im Stadion des MSV Duisburg. Nur 2600 Menschen sind in die Arena gekommen, die eigentlich mehr als zehnmal so vielen Platz bietet. Auf dem Vorplatz steht eine riesige Leinwand, davor nicht einmal zehn Personen. Dass die Veranstalter mit weit mehr Trauernden gerechnet hatten, mit rund 200.000, ist auch an der Zahl der Rettungskräfte abzulesen. Hunderte sind es, Ordner, Polizeibeamte. Warum so wenige Zuschauer, wo doch täglich Tausende an die Unglücksstelle strömen? Vielleicht ist es die Angst vor der Masse.

Einige, die gekommen sind, tragen T-Shirts mit der Aufschrift "Dance and die - Why?" Andere scheinen in ihrem Love-Parade-Outfit erschienen zu sein. Ein Mann im bodenlangen, schwarzen Ledermantel hält eine Sonnenblume in der Hand. Da sind Frauen in funkelnden Pailletten-Tops, in den Frisuren glänzen Sonnenbrillen mit Strasssteinchen. Andere tragen Camouflage-Overalls. Eine Mutter hat sich eine Plastikblume ins Haar gesteckt.

"Die Love Parade wurde zum Totentanz"

Was in vielen vorgeht, fasst Nikolaus Schneider im Gottesdienst in der Duisburger Salvatorkirche in Worte. "Die Love Parade wurde zum Totentanz - mitten in einem Fest der Lebensfreude", sagt der EKD-Ratsvorsitzende und Präses der evangelischen Kirche im Rheinland. Angehörige hören zu, Verletzte, Retter und Politiker. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist gekommen, ebenso Bundespräsident Christian Wulff, Außenminister Guido Westerwelle, Bundestagspräsident Norbert Lammert, SPD-Chef Sigmar Gabriel und Grünen-Chef Jürgen Trittin. Ein Land trauert mit Duisburg.

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Love-Parade-Tragödie: Trauer im Ruhrgebiet
Als Ministerpräsidentin Hannelore Kraft das Wort ergreift, wird es still im Stadion. Denn SPD-Frau Kraft ist nicht nur Politikerin, sondern auch Mutter eines 17-Jährigen. Und der war an jenem Tag mit Freunden zur Love Parade gefahren. Lange wusste die Mutter nicht, ob der Sohn unter den Opfern ist, erreichte ihn nicht. Die Stunden der Angst merkt man Hannelore Kraft auch eine Woche nach der Tragödie noch an, immer wieder versagt ihr die Stimme.

Der Sohn von Hannelore Kraft hat die Katastrophe überlebt. Wie Victoria. Doch es hätte auch anders ausgehen können.

Am Samstag vor einer Woche steigt die Gymnasiastin um halb elf morgens mit Freunden in den Zug. Die Waggons sind brechend voll, an den letzten Stationen vor dem Duisburger Hauptbahnhof kann niemand mehr zusteigen. Im Zug ist die Stimmung ausgelassen, Victoria genießt das, lernt neue Leute kennen.

Die Gruppe aus Lüdinghausen hat es nicht eilig. Victoria und ihre Freunde bummeln durch Duisburg und kommen gegen halb drei an einem Tunnel an, dem einzigen Zugang zum Veranstaltungsgelände. Es ist eng, das ist schon abzusehen, doch Angst hat die grazile Victoria nicht. Sie war schon auf der Love Parade in Dortmund und bei "Ruhr in Love" in Oberhausen, Gedränge ist immer. Der Tunnel ist eben ein Nadelöhr, was soll's.

In der Tunnelmitte wird das Gedränge zum Kampf ums Überleben

Doch in der Mitte des Tunnels wird Victoria klar, dass nichts ist wie immer. Das Gedränge ist unerträglich, es ist heiß und stickig. Victoria ringt nach Luft. Andere Besucher werden mit der Masse an der Tunnelwand entlanggeschleift, bis sie bluten. Erste Panikgefühle steigen in ihr auf. Doch ihre Freundin beruhigt sie. "Gleich sind wir wieder im Freien." Davon gehen alle aus. Die tödliche Gefahr wird ihnen erst bewusst, als es zu spät ist.

Am Ende des Tunnels wird das Gedränge zum Überlebenskampf.

Menschen versuchen in Todesangst, sich aus dem Gewühl hochzuziehen, treten dabei anderen mit voller Wucht ins Gesicht. In der Menge schreien Verzweifelte um ihr Leben. Victoria kommt nicht dagegen an. Ohne Hilfe kann sie sich keinen Raum zum Atmen verschaffen, sie spürt, wie die Kraft aus ihrem Körper weicht. Victorias Gesicht läuft rot an, die Augen quellen aus den Höhlen. Mit aller Macht stemmen ihre Freunde sich gegen die Menschenmasse, verschaffen Victoria einige Zentimeter Raum - und Luft.

Einer, den sie im Zug kennengelernt hat, hievt das Mädchen auf seine Schulter. Sie rutscht wieder ab, muss sich selbst helfen. An der Rampe, die zum Partygelände führt, kann sich Victoria nicht mehr auf den Beinen halten. Ihr fallen die Augen zu.

Ein Fremder packt sie plötzlich und brüllt sie an: "Halt' die Augen offen!" Er verpasst ihr einen Klaps ins Gesicht, und noch einen, rechts und links. Victoria fühlt sich wie in Trance, bleibt aber bei Bewusstsein. Ordner sieht sie nicht. Polizisten ziehen Hilflose aus der Menge.

Die einen sterben, die anderen tanzen

Wenige hundert Meter weiter tanzen ihr älterer Bruder und ihre Freundin Julia um die bunten Paradewagen. Dass es voll ist im Tunnel, haben sie gesehen, "aber wir dachten, das sei normal", sagt Julia. Dass Victoria um ihr Leben kämpft, ahnen sie nicht. Erst Stunden später erfahren sie von der Katastrophe. Als sie das Festivalgelände verlassen, müssen sie durch den Tunnel. Am Rand liegen Tote, notdürftig abgedeckt. Auf dem Boden hocken Überlebende, eingewickelt in gold-silbrige Folien.

Wie sich das Gedränge an der Unglücksstelle auflöste - Victoria hat daran keine Erinnerung. "Auf einmal war da Platz, Rettungskräfte kamen von überall her, überall lagen Verletzte und Bewusstlose."

Eine Woche darauf verfolgt Victoria die Andacht im Stadion. "Junge Menschen in Feierlaune waren sich sicher, dass alles gut gehen wird", sagt Bischof Franz-Josef Overbeck. "In dem einen Moment ist Party angesagt, und im anderen liegen wir hilflos am Boden." Victorias Augen füllen sich mit Tränen. Sie weiß, wie knapp es war. Zum Gebet erheben sich die beiden Mädchen aus Lüdinghausen mit den Stadionbesuchern, laut wird das "Vater unser" gesprochen. Viele weinen.

Es war Julias Idee, mit Victoria zur Trauerfeier nach Duisburg zu fahren. "Sie hatte das Gefühl, dass mir das gut täte", sagt Victoria. Die 17-Jährige hat sich seit dem Erlebten verändert. Beim Joggen beispielsweise bekam sie kürzlich schweißnasse Hände, als sie zwischen Gebüsch einen schmalen Weg passieren wollte.

Die Trauergemeinde in der MSV-Arena löst sich nach dem Gottesdienst rasch auf. An den Getränkeständen bleibt niemand stehen. Victoria ist erleichtert, dass nur wenige Menschen ins Stadion kamen, sie hatte sich vor einer Massenveranstaltung gefürchtet. Aber einen hatte sie gehofft zu sehen. Ihren Retter. "Ich wüsste gern, wer das war, der mir geholfen hat", sagt sie. Der Unbekannte habe ihr wohl das Leben gerettet. Er ist nicht der einzige namenlose Helfer dieser Katastrophe.

Victoria hätte ihm gern Danke gesagt.



Forum - Love Parade - Welche Lehren müssen aus Duisburg gezogen werden?
insgesamt 5984 Beiträge
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Seite 1
fiutare 31.07.2010
1.
Zitat von sysop21 Tote und Hunderte von Verletzten mussten nach der Katastrophe von Duisburg im Rahmen der diesjährige Love Parade beklagt werden. Welche Lehren für die Zukunft von Großveranstaltungen dieser Art sind aus dem Desaster zu ziehen?
Wieviel Spass um jeden Preis verträgt die Gesellschaft? Diese Frage sollte sich jeder stellen.
donbilbo 31.07.2010
2. Persönlich
Persönlich ziehe ich daraus keine Lehre sondern eine Bestätigung: Menschenmassen meide ich, wenn nur irgendwie möglich. Ob das nun eine Loveparade ist, Public Viewing, Rock Festivals oder die Mitternachtseröffnung eines Elektromarktes. Das tue ich mir nicht an! Wenn ich feiern und tanzen will kann ich das auf einer Party für 1000 Leute genauso gut, wie auf einer für 1.000.000. Ein Unterschied für den Einzelnen ist eh nicht festzustellen, ausser vielleicht Schwierigkeiten bei Anreise/Abreise/Toilettensuche usw.
betawa 31.07.2010
3.
Die selbe Lehre die wir auch in vielen anderen Bereichen wieder neu erlernen müssen: Es geht um Menschen und demenstrechend sorgfältig sollte man handeln. Unsere Gesellschaft ist menschenfeindlich geworden. Profit, Erfolg und Geld steht über allem.
Sumerer 31.07.2010
4.
Zitat von sysop21 Tote und Hunderte von Verletzten mussten nach der Katastrophe von Duisburg im Rahmen der diesjährige Love Parade beklagt werden. Welche Lehren für die Zukunft von Großveranstaltungen dieser Art sind aus dem Desaster zu ziehen?
Es muß generell gewissenhaft geprüft und überprüft werden ob die Wegekapazitäten dem Besucherandrang und der Kapazität des Veranstaltungsortes tatsächlich entsprechen. Veranstaltungen dieser Größenordnung können generell nicht auf einem hermetisch abgeriegelten Areal, mit nur einem Zu- und Abgang durchgeführt werden. Die Veranstaltung hätte weder so geplant, beantragt, genehmigt, noch durchgeführt werden dürfen. Sie war von der Planung an zum unweigerlichen Scheitern verurteilt.
IsArenas, 31.07.2010
5. Chaos-Theorie und Praxis
Dazu wurde ja schon einiges und eigentlich alles gesagt. Technisch-planerisch-organisatorisch wird man gewiss viel versuchen zu verbessern, das liegt in der Natur des Menschen. Ansonsten: Shit happens oder feiner,neutraler: Murphys Gesetz (das vom Toast, der immer mit der belegten Seite nach unten faellt), alles, was passieren kann, passiert eben irgendwann...ich denke mal, das weiss man allerspaetestens seit Tschernobyl (im Negativen) und dem Fall der Berliner Mauer (im Positiven). Lebe jeden Tag, als waere es dein letzter, waere auch noch so ein Lehrsatz. Der beruehmte Fluegelschlag des Falters im Amazonas-Urwald bestimmt vielleicht jetzt gerade meinen Tod...
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