Männer verboten Muckibude für Musliminnen

In Köln erfreut sich ein besonderes Fitnessstudio regen Zulaufs: Im Hayat lassen muslimische Frauen die Muskeln spielen - Männern ist der Zutritt verboten. Was die einen als Ausdruck einer neuen Selbständigkeit feiern, werten Kritiker als weiteren Baustein der Parallelgesellschaft.

Aus Köln berichtet Annika Joeres


Köln - Wer im Fitnessstudio von Emine Aydemir trainieren will, muss an der Eingangstür die erste Hürde nehmen: Männern ist der Zutritt verboten.

Das Hayat im Kölner Stadtteil Bickendorf ist ausschließlich Frauen vorbehalten, keine männlichen Blicke sollen die Damen beim Muskelaufbau stören. Vor unkeuschen Regungen geschützt legen sie hier das Kopftuch ab und sind beim Training ganz unter sich. "Wir bieten Frauen einen perfekten Rückzugsraum" sagt Inhaberin Aydemir. Sie trägt Jeans, um den Kopf ein kleines kariertes Tuch. Vor anderthalb Jahren öffnete das Studio, Aydemirs Kartei zählt mittlerweile sechshundert Kundinnen.

Wenn Aydemir früher in Frauen-Fitnessstudios trainierte, habe sie sich nie ungezwungen gefühlt. "Ich konnte mein Kopftuch nie ablegen, weil jeden Augenblick ein Mann hätte hereinkommen können", sagt sie. Im Hayat ist das ausgeschlossen. Selbst ein Paketzusteller muss zunächst die "Männerklingel" betätigen. Über den Empfangsbereich kommt kein Mann hinaus - wie hinter der Milchglastür zum Fitnessbereich geschwitzt, gehantelt und auf dem Laufband gejoggt wird, bleibt männlichen Blicken verborgen.

Die 40-jährige Geschäftsfrau Aydemir, die vor der Idee mit dem Hayat mit ihrem Mann einen Gemüseladen führte, hat eine Marktlücke entdeckt.

Aydemir, deren Eltern zur ersten türkischen Gastarbeitergeneration gehören, kam mit sieben Jahren nach Deutschland und wuchs in einem, wie sie selbst sagt, männerbestimmten Umfeld auf. "Meine Mutter tat mir leid, weil sie immer so abhängig war." Der Vater habe in jedem Geschäft für die Mutter dolmetschen müssen, die habe zu allem ja und amen gesagt.

Auch zu ihr habe der Vater gesagt, sie brauche nicht "so viel lernen", weil ihr Mann sie schon versorgen würde. Erst in der Schule sei sie auf selbstbewusste Frauen getroffen. "So wollte ich auch werden und mein eigenes Geld verdienen", erzählt Aydemir. Es sei Luxus für die Frauen, sich im Hayat endlich mal nur um sich selbst und nicht um die Familie zu kümmern. "Ich bin Feministin", sagt Aydemir und klingt sehr überzeugt.

"Die sind wie Babys"

Zwölf Stunden täglich steht sie nun hinter dem holzfarbenen Empfangstresen ihres Studios. Dutzende Frauen aus ganz Deutschland sind schon zu ihr gereist, um das Konzept der muslimischen Muckibude abzukupfern.

Das funktioniert simpel genug: Männer müssen draußen bleiben, selbst die Fenster sind durch Vorhänge blickdicht gemacht. Es gibt nur Einzelduschkabinen. Im Ruheraum liegt ein Gebetsteppich bereit. In Sachen Laufbänder, Hantelgeräte, Gymnastikbälle und banale Radio-Hintergrundmusik unterscheidet sich das Hayat allerdings nicht vom Standardzubehör herkömmlicher Krafträume.

Vorwürfe, Freizeitangebote wie das Hayat leisteten der muslimischen Parallelgesellschaft Vorschub, weist Aydemir von sich. Sie beschreibt sich im Gegenteil als Integrationsbeauftragte: Viele Frauen hätten in ihrem Studio zum ersten Mal auf einem Fahrrad gesessen, zum ersten Mal ihre Muskeln gespürt. "Die sind wie Babys", sagt Aydemir. Viele ältere Musliminnen könnten nicht lesen und schreiben, denen habe sie erst einmal erklären müssen, was ein Vertrag überhaupt ist. "Die gehen selbstbewusster und fröhlicher wieder hier raus, als sie hereingekommen sind."

Keine Zukunft für "exotische Angebote" wie das Hayat

Die Kölner SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün sieht in dem Studio dagegen "eine reine Geschäftsidee" - und mehr nicht. "Dem Wettbewerb um Keuschheit sind anscheinend keine Grenzen gesetzt", sagt die Expertin für Integrationsfragen SPIEGEL ONLINE.

Für Akgün ist Sinn oder Unsinn eines Fitnessstudios für Musliminnen keine migrationspolitische Frage, sondern eine feministische. Frauen, die sich vor männlichen Blicken versteckten, degradierten sich erst dadurch zu einem Sexualobjekt. "Kein Mann hat Bedenken, seinen biergeformten Körper der Allgemeinheit vorzuführen", so Akgün.

Die Abgeordnete kämpft seit langem dafür, dass muslimische Schülerinnen auch am gemeinsamen Schwimmunterricht in der Schule teilnehmen und weniger streng gläubige muslimische Gruppen in Deutschland gestärkt werden. "Exotische Angebote" wie das Hayat, so Akgün, hätten in Deutschland keine Zukunft. Nur wenige muslimische Gläubige seien so konservativ, Frauen den Sport in gemischten Teams zu verbieten. "Migranten und Deutsche sind in einer Phase der Annäherung." Konzepte wie das von Fitnessstudio-Besitzerin Aydemir hemmten diesen Prozess.

Akgüns Vision ist von der Lebenswirklichkeit der im Hayat trainierenden Frauen allerdings weit entfernt.

"Es war so einfach, hierherzukommen"

Zahraa Yasin joggt gerade ihren vierten Kilometer auf dem Laufband. Hier könne sie zum ersten Mal "etwas für mich tun", sagt die 27-Jährige, der die Schweißperlen auf der Stirn stehen. Die Mutter von drei Kleinkindern ist vor sieben Jahren aus dem Irak nach Deutschland geflohen. In dem kriegsversehrten Land war sie Mathematiklehrerin, hier ist sie Hausfrau. Jetzt möchte sie abnehmen - und Deutsch lernen. In einem "normalen deutschen" Studio habe sie sich unwohl gefühlt, weil sie noch so schlecht Deutsch spreche. Zwar werden sämtliche Aerobic- und Kraftkurse in Aydemirs Räumen auf Deutsch moderiert. Auf Wunsch werden die Anweisungen jedoch noch einmal in der Muttersprache der Sporttreibenden wiederholt.

Musliminnen, die intensiv Sport treiben, sind die Ausnahme. Eine Untersuchung der Kölner Sporthochschule belegt, dass sich muslimische Mädchen häufig vom schulischen Sportunterricht befreien, während Jungen beispielsweise beim Fußball sehr aktiv sind.

Zeynep Capar trainiert seit sechs Monaten im Hayat, dreimal die Woche. Die gebürtige Kölnerin, die ihre kleine Tochter ins Studio mitnimmt, ist Hausfrau und hat sich bislang um ihre Kinder gekümmert. Wie so viele Kundinnen hat sie über Freundinnen vom speziellen Angebot im Hayat gehört. "Es war so einfach, hierherzukommen", sagt sie.

"Niemand sollte meinen, sich abkapseln zu müssen"

"Es ist traurig, dass wir so ein Angebot benötigen", meint dagegen die Islamwissenschaftlerin Ursula Spuler-Stegemann von der Philipps-Universität Marburg. Offenbar gebe es eine Gruppe innerhalb der Migranten, die so eine "Abkapselung" für notwendig halte. Spuler-Stegemann ist eine konsequente Kritikerin von konservativen Verbänden und ihren diskriminierenden Gesetzen für Frauen.

"Jede Frau muss die Möglichkeit haben, von Sport und Lebensfreude zu profitieren", so Spuler-Stegemann. "Diese separaten Veranstaltungen sind aber insgesamt nicht förderlich. Wir sind eine gemischte Gesellschaft und niemand sollte so geprägt werden, dass er oder sie meint, sich abkapseln zu müssen." Frauen würden nur in den konservativsten Prägungen des Islam dazu gezwungen, sich vor den angeblich unkeuschen Blicken der Männer zu schützen - indirekt fördere so ein Konzept diese radikale Richtung.

Zugute hält die Wissenschaftlerin der Geschäftsfrau Emine Aydemir allerdings, dass deren Studio auch Nicht-Musliminnen offen steht.

Tatsächlich trainieren mittlerweile auch Nicht-Musliminnen im Hayat. Die blondgelockte 39-jährige Andrea Wittscheck, hier würde sie "nicht so doof angeguckt", zudem sei alles "so sauber". "Für das normale Schaulaufen der Muskelkörper war ich nicht selbstbewusst genug", erzählt sie im rheinischen Dialekt.

Nur im Sommer störten Wittscheck die religiösen Befindlichkeiten: Da mussten die Fenster trotz "Affenhitze" geschlossen bleiben - damit niemand vom Parkplatz des gegenüberliegenden Supermarktes in das Studio gucken konnte.



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