Männlichkeits-Workshop Wie ich vom Bruder zum Krieger wurde

Duschen mit Duschbuddy, Ringkampf bei Minusgraden: Tobias Zwior macht bei einem dreitägigen Männlichkeitstraining mit. Er überwindet innere und körperliche Grenzen - und kommt zu einer simplen Erkenntnis.

NDR/ Tobias Zwior/ Benjamin Arci

Spätestens als ich den Fuß eines verschwitzten Mannes im Gesicht habe, drei andere Männer auf mir liegen und raufen, wird mir klar: Männlichkeit ist noch facettenreicher, als ich dachte. Davon ist auch der Männer-Trainer John Aigner überzeugt. Gemeinsam mit ihm und 15 anderen Männern bin ich für drei Tage auf engstem Raum zusammen.

Ich bin hier, weil ich mir seit der #MeToo-Debatte Gedanken über Männlichkeit mache: Warum geht sie so oft mit Aggression und Machtmissbrauch einher? Was für eine Verantwortung habe ich als Mann in der Gesellschaft? Wie bin ich eigentlich zu dem Mann geworden, der ich bin? Und was für ein Mann möchte ich sein? Die großen Fragen.

Doch schnell fällt mir auf, dass ich noch nicht einmal sagen kann, was Männlichkeit genau ist. Vom Männer-Training erhoffe ich mir erste Antworten.

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Männlichkeitsseminar: Männer, die sich umarmen und raufen

Auch andere Männer machen sich Gedanken über Männlichkeit. John Aigner, dunkle Locken, Bart und durchdringender Blick, hat das zum Geschäft gemacht. Früher arbeitete er als Fotograf, heute gibt er hauptberuflich Männer-Workshops, die oft schon nach wenigen Tagen ausgebucht sind. Sie heißen "Ketten sprengen", "Liebe machen" oder "Krieger & Bruder".

Tag 1 - Die Verbrüderung

Ich habe den "Krieger & Bruder"-Workshop erwischt und bekomme am ersten Abend auf einen Schlag 15 neue Brüder dazu. Nach einer Vorstellungsrunde (jeder soll seine Worte mit dem Ruf "Ahu" bekräftigen) und ein paar zaghaften Umarmungen zur Begrüßung laufen wir kreuz und quer durch den Raum und schauen jedem Einzelnen ganz tief in die Augen. Bis einer sagt: "Ich kann mich dir anvertrauen, Bruder."

Weitere vertrauensbildende Maßnahmen: Minutenlange Umarmungen, gemeinsames Tanzen zu Liedern wie "I gotta feeling" oder "Die perfekte Welle". Und im später abgedunkelten Raum soll jeder einzeln nach vorne treten, den Oberkörper entblößen und den anderen dann eine Sache aus seinem Leben erzählen, für die er sich schämt.

Ich bin erstaunt: Niemand hält sich zurück. Es geht um Beziehungen, zerrüttete Familien, traumatische Kindheitserlebnisse. "Danke für dein Vertrauen, Bruder", schallt es im Chor zurück. Und immer wieder: "Ahu!"

Ablenkung ist nicht erlaubt: kein Bier, kein Smartphone. Und: Alle Brüder schlafen in einem Raum. Vor dem Einschlafen ein letztes Ritual: "Legt eine Hand aufs Herz, die andere ans Geschlecht." Während das Atmen meiner Nebenmänner im Raum langsam zum Schnarchen wird, liege ich auf meiner Isomatte noch lange wach und frage mich, wo ich bloß reingeraten bin.

Tag 2 - Der Kampf

Verknittert wache ich auf. Das war kein Traum, die Männer sind alle noch da. Warum eigentlich, frage ich einige. Manche wollen eine problematische Beziehung zum eigenen Vater aufarbeiten, andere wollen selbstbewusster werden im Umgang mit Frauen, männlicher wirken. Alle wollen den Alltag vergessen und sich völlig fallen lassen - unter Männern.

Zwischen Männern gebe es eine natürliche Distanz, sagt John Aigner. "Entweder haben wir Angst vor Homosexualität oder vor der körperlichen Überlegenheit des anderen."

Diese Distanz wollen wir heute aufbrechen. Jeder bekommt einen sogenannten Duschbuddy zugeteilt, mit dem er zu zweit unter die Dusche steigt. Mein Buddy, Moritz, ist eine ziemliche Kante, die Dusche eng.

Später brüllen, toben und raufen wir miteinander wie früher im Kindergarten. "Was hättest du getan, als du noch ein kleiner Junge warst?", fragt Aigner. Der Schweißfuß im Gesicht hinterlässt Spuren.

Dann wird es martialischer: Wir sollen unserem Gegenüber sagen, dass wir ihn zwar lieben, ihn in absoluter Notwehr aber auch töten würden - wenn er uns und unsere Familie angreifen würde. Die Wucht dieses Gedankenspiels irritiert mich. Weil ich ganz tief in mir drinnen weiß, dass ich es wahrscheinlich auch tun würde. Und das Gefühl jetzt hochholen und einem fremden Mann ins Gesicht schleudern muss.

Die Dramaturgie des Trainings sieht danach - wie passend - einen Ringkampf vor: Mann gegen Mann in Boxershorts. Bei minus fünf Grad am Berliner Schlachtensee. Zwei Brüder kämpfen, die anderen bilden einen Kreis drumherum und feuern sie mit "Ahu-Rufen" an. Bei mir bringen die nicht viel. Es ist der erste Kampf meines Lebens, entsprechend ungeschickt stelle ich mich auch an. Außerdem steht mein Gegner drei Gewichtsklassen über mir. Nach gut eineinhalb Minuten ist es vorbei, ich bin am Boden. Wieder ein schwitzender Mann auf mir. Das hat wohl Methode hier.

Tag 3 - Geile Typen

Nach dem Kampf gestern fühle ich mich ausgelaugt. Ich merke, dass ich im Männertraining zwar einige innere und auch körperliche Grenzen überwunden habe. Aber ich bin mir immer noch nicht sicher, was das alles mit Männlichkeit zu tun haben soll. Ich erkenne einige Elemente, die man vielleicht eher mit Männern als mit Frauen assoziieren mag, aber letztlich geht es hier doch mehr darum, besser mit sich selbst klarzukommen.

Dazu trägt dann auch die letzte Übung bei: Jeder Mann stellt sich auf einen Stuhl, und alle anderen rufen ihm zu, warum er ein "geiler Typ" ist.

Zugegeben: Hat gut getan. AHU!


Die Dokumentation "7 Tage... unter Männern" läuft am Mittwoch, 5. Dezember 2018, um 23:50 Uhr im NDR.



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