Rechte Gewalt in Magdeburg Attacken mit Ansage

Auf Facebook verbreiten sich Gerüchte, ein Mob verprügelt drei Syrer, Politikerbüros werden angegriffen: Seit Wochen gedeiht in Magdeburg ein Klima, das rechte Schläger ermutigt. Eine Spurensuche.

Von und , Magdeburg

Türme des Magdeburger Doms: Angespanntes Klima
DPA

Türme des Magdeburger Doms: Angespanntes Klima


Wenn er mehrere Menschen zusammen auf der Straße sieht, spürt Nafee Mayil sofort die Angst. Angst, dass sie ihn jetzt wieder überfallen, dass sie ihn schlagen, einfach so. Er wechselt dann die Straßenseite, geht weiter, aber die Angst bleibt. Nafee Mayil, 36, grün-graue Sportjacke, gestutzter Bart, sitzt in seinem Zimmer in einem Magdeburger Flüchtlingsheim und sagt mit leiser Stimme: "Ich bereue, dass ich nach Deutschland gekommen bin."

Vor einem Jahr ist der Schuster aus Aleppo in Syrien geflohen. Seit Ende Oktober wohnt er in diesem Schlafsaal, der früher mal ein Klassenzimmer war und in dem nun neun Pritschen und ein paar Stühle stehen.

Ursprünglich wollte Mayil seine Frau und seine vier Kinder nachholen, die alle noch in der Türkei ausharren. Jetzt zweifelt er. Sein Bild von den freundlichen Deutschen hat tiefe Risse bekommen seit der Nacht, die er nicht mehr aus dem Kopf bekommt.

Zu dritt sind sie unterwegs, nicht einmal 48 Stunden nach ihrer Ankunft in der Stadt. Es ist die Nacht zum Sonntag nach Halloween, Nafee Mayil und seine Kumpels wollen noch mal kurz raus, Zigaretten holen. Sie laufen vom Flüchtlingsheim zu einer S-Bahn-Haltestelle, zwei Mann warten dort, sie können sich nur eine Fahrkarte leisten. Der Dritte fährt zu einer Tankstelle. Nach seiner Rückkehr gerät das Trio in die Fänge seiner Peiniger. Wie aus dem Nichts steht plötzlich der Mob vor ihnen, so erzählt es Mayil.

Etwa 30 Vermummte treten und schlagen auf die Syrer ein, auf Kopf, Bauch und Rücken, manche mit Baseballschlägern. Schweigend. Hemmungslos. Nur weil zwei Polizisten in Zivil durch Zufall rasch vor Ort sind, lassen die Täter ab und flüchten. Die Syrer kommen ins Krankenhaus. Mayil hat eine Platzwunde, lädierte Rippen. Einen Kumpel schlugen die Angreifer bewusstlos, zertrümmerten seine Nase, rissen ihm ein Loch in die Lippe.

Nafee Mayil: Angst vor Menschengruppen auf der Straße
SPIEGEL ONLINE

Nafee Mayil: Angst vor Menschengruppen auf der Straße

Die Attacke ist umso verstörender, weil sie offenbar mit Ansage geschah. Seit Wochen gedeiht in Magdeburg ein Klima, das rechte Schläger ermutigt. Wie in so vielen Städten ist die steigende Zahl der Flüchtlinge hier ein Thema. In viele Diskussionen haben sich rassistische Ressentiments gemischt, die nicht mehr nur von Rechten wiederholt werden. Jetzt hat die Gewalt in Magdeburg eine neue Dimension erreicht. Nur warum?

"Mit Männern rein und alle Typen plattschlagen"

Vor dem Angriff auf die Syrer berichten an jenem Freitag Medien, dass eine 19-Jährige von afghanischen Asylbewerbern sexuell attackiert worden sei. Auf Facebook kursieren daraufhin Gerüchte. Kampfsportler Hendrik O. behauptet in mehreren Einträgen, er wisse aus Polizeikreisen, dass das Mädchen von sechs Männern vergewaltigt worden sei. Die Täter stammten angeblich aus einem Flüchtlingsheim. Es sei "inoffiziell der 48. Vorfall in diesem Jahr". Und in Großbuchstaben folgt der Appell: "JETZT REICHT ES VOLL. ICH BIN DURCH. JETZT GIBT ES KEINE RÜCKSICHT MEHR."

In Wahrheit gab es keine Massenvergewaltigung. Gegen einen Afghanen ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Vergewaltigung beziehungsweise versuchter sexueller Nötigung in insgesamt vier Fällen.

Binnen kurzer Zeit markieren fast 1000 Nutzer O.s Beitrag mit "Gefällt mir". In den Kommentarspalten heizt sich die Stimmung auf. Enne G. fragt: "Warum wird dieses Heim nicht plattgemacht? Mit Männern rein und alle Typen plattschlagen." Carlo F. schreibt: "Da wäre ich dabei." Sebastian F. findet: "Eine gute Idee." Und Rene G. schreibt: "Meld dich. Wir sehen uns Sonntag."

Am Sonntag werden Mayil und seine Kumpels überfallen. Einen 24-jährigen Tatverdächtigen nimmt die Polizei in der Nacht vorübergehend fest, er ist polizeibekannt. Der Mann schweigt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt bisher ohne Ergebnis. Gegen O. ermittelt sie nicht, es gibt keinen Beleg dafür, dass er an dem Übergriff beteiligt war. Die Staatsanwaltschaft sieht auch keinen Anhaltspunkt für eine Verbindung zwischen der Attacke auf die junge Frau und dem Angriff auf die Syrer.

Attacken auf Nazi-Gegner

Am Dienstagmorgen liegt Sören Herbst noch im Bett, als er um kurz nach sechs einen Anruf bekommt. Jemand habe einen Galgen und die Worte "Volksverräter Sören Herbst" an sein Wohnhaus geschmiert. Der 35-Jährige ist Abgeordneter der Grünen im Landtag und flüchtlingspolitischer Sprecher der Fraktion.

Auch sein Büro in der Magdeburger Innenstadt hat etwas abgekriegt, Unbekannte haben versucht, eine Scheibe einzuschlagen.

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Das Gleiche passiert Robert Fietzke, der als Jugendkoordinator der Linken ein stadtweit bekannter Gegner der Nazis ist.

Der Abgeordnete Herbst hatte die Facebook-Hetze öffentlich scharf kritisiert, den Angriff auf die drei Syrer verurteilt. Kampfsportler O. hatte ihm daraufhin mit einer "Dauerkarte im Krankenhaus" gedroht. In einer Mail an SPIEGEL ONLINE bestätigt O. Drohungen, bestreitet aber, rechtsradikal zu sein. Fragen will er nicht beantworten.

Einige Tage nach der Attacke sitzt Sören Herbst in seinem Büro, die Scheibe ist noch nicht repariert, er telefoniert mit einem Personenschützer, der später noch vorbeikommen will. Auf der Fensterbank steht Martin Luther als Playmobil-Figur. Sören Herbst ist ein großer Mann, fester Händedruck, laute Stimme, einer, der offen sagt und schreibt, was er von rechter Hetze hält. Nach dem Anschlag auf sein Privathaus ist er ein wenig vorsichtiger, aber nicht weniger entschlossen. "Wir haben es hier mit einer erhöhten rechten Mobilisierung zu tun, die bis in die bürgerliche Ecke ausstrahlt", sagt er.

Die rechte Szene verändert sich

Seit den Neunzigern gibt es in Magdeburg eine festverankerte rechtsextremistische Szene. Der Verfassungsschutz rechnete ihr 2014 etwa 50 bis 60 aktive Personen zu. Im aktuellen Bericht für das Land Sachsen-Anhalt warnt die Behörde, Rechtsextremisten versuchten, wieder stärker in die Mitte der Gesellschaft vorzudringen. Sie haben demnach neue Unterstützer in der Hooligan- und Rockerszene gefunden und nehmen an islamfeindlichen Protesten teil.

Einer, der diese Akzentverschiebung in der Stadt beobachtet, ist David Begrich, Rechtsextremismus-Forscher des Vereins Miteinander e.V. in Magdeburg. Man könne das nicht in Zahlen messen, sagt er. Aber er nehme eine aggressive Stimmung bei Bürgerversammlungen wahr, wo sich Rechte zum Sprachrohr der Bevölkerung machten. "Das Berührungstabu zwischen Bürgern und extrem Rechten ist beim Thema Flüchtlinge gefallen. Es gibt einen fremdenfeindlichen Resonanzraum und der wird gezielt angespielt."

Die Sorgen, die viele Menschen in Magdeburg bei den Bürgerversammlungen äußern, sind Sorgen, die sich mittlerweile viele in Deutschland machen. Die Leute haben Angst, dass durch Flüchtlingsheime der Grundstückswert ihrer Häuser sinkt. Dass sie ihren Job verlieren. Die diffusen Ängste werden durch gezielte Propaganda im Internet geschürt.

Gerüchte schüren die Ängste

Es sind irre Geschichten, die sich in den sozialen Netzwerken - vor allem auf Facebook - in kurzer Zeit massenhaft verbreiten. Flüchtlinge, die angeblich einen Streichelzoo abschlachten. Flüchtlinge, die angeblich aus der Kita Kleinkinder verschleppen. Flüchtlinge, die angeblich nachts in den Bussen die Fahrerinnen bedrohen.

Als Quelle wird fast immer ein Bekannter bei der Polizei genannt, der nicht offen reden darf.

Die Gerüchte würden gezielt aus der rechten Ecke gestreut und sind fast immer gleich aufgebaut, erklärt Rechtsextremismus-Experte Begrich.

1. Es wird ein rassistisches Klischee bedient.

2. Das Gerücht bekommt durch eine vermeintlich seriöse Quelle Glaubhaftigkeit.

Die Falschmeldung verbreitet sich. Es entstehe ein Verschwörungsmechanisus, der nur schwer zu stoppen ist, sagt Begrich. So war es auch bei Kampfsportler O., bei dem die Polizei sich schließlich gezwungen sah, die Massenvergewaltigung zu dementieren. Das Misstrauen und die Angst blieben jedoch.

Die sozialen Netzwerke werden für die Organisation der Rechtsextremisten immer essenzieller, Seiten wie "Nein zum Heim" erlangen eine immer höhere Reichweite. Ein Trend, der auch dem Justizsstaatssekretär in Sachsen-Anhalt, Thomas Wünsch, Sorge bereitet. "Geistige Brandstifter schüren mit Hass-Botschaften in sozialen Netzwerken vermehrt Ressentiments gegen Flüchtlinge und motivieren damit zu ausländerfeindlichen Gewalttaten." Zahlen aus seinem Ministerium zeigen: Die Zahl der Ermittlungsverfahren wegen Hetze im Netz gegen Flüchtlinge ist seit 2013 fast um das Siebenfache gestiegen.

Hinzu kommt, dass die rechte Szene sich immer enger vernetzt. Auf das Flüchtlingsthema können sich viele einigen, rechtsaffine Hooligans treten mittlerweile auch bei AfD-Demonstrationen auf. Gleichzeitig sei das Feindbild breiter geworden, sagt Rechtsextremismus-Experte Begrich. "Es stehen nicht mehr nur Asylbewerber und alternative Jugendliche im Fokus, sondern auch demokratische Parteien." Zahlen der Bundesregierung belegen: Auch rechte Übergriffe auf Einrichtungen von Parteien sind 2015 gestiegen.

Video: Linksjugend-Koordinator Fietzke sieht Stadt in der Pflicht

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Besuch beim Oberbürgermeister der Stadt, Lutz Trümper. Seit 2001 ist er Magdeburgs Stadtoberhaupt. Erst im Frühjahr wurde er mit 70 Prozent wiedergewählt. Bis vor einigen Wochen war er Mitglied der SPD. Doch bei den Sozialdemokraten ist er ausgestiegen. Er behauptet, als Kritiker der Berliner Flüchtlingspolitik habe ihm die eigene Partei einen Maulkorb anlegen wollen.

OB Trümper in seinem Büro: Nicht jedes Mal eine Mitteilung rausgeben
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OB Trümper in seinem Büro: Nicht jedes Mal eine Mitteilung rausgeben

Trümper, 60, sitzt in seinem Büro im Rathaus. Bis heute hat er sich nicht öffentlich zu den Übergriffen auf die Syrer und zu den Anschlägen auf Herbst und Fietzke geäußert. Er sei generell gegen rechte Gewalt, da müsse er nicht jedes Mal eine Pressemitteilung rausgeben. So sieht Trümper das. Viele halten diese Haltung für gefährlich. Mindestens.

Der Oberbürgermeister sieht sich einem politischen Angriff ausgesetzt. Auf die Frage, ob der Angriff auf die Syrer eine neue Qualität rechter Gewalt belege, antwortet er: "Das war für mich wieder ein Beispiel dafür, wie Medien unfair berichten. Die Ursache war: In einem Monat gab es vier Vergewaltigungen in einem Stadtgebiet. In drei Fällen nachweisbar von einem Afghanen aus dem Flüchtlingslager. Das ist bei der Berichterstattung weggelassen worden."

Trümper redet von "Lockrufen", die Deutschland an Flüchtlinge aussende. Er wirft Politikern und Journalisten vor, falsch zu informieren. Für die meisten Flüchtlinge gebe es in Magdeburg keine Arbeitsplätze. Überhaupt findet er: Sich als Politiker mit Flüchtlingskindern fotografieren zu lassen, die vielleicht schon bald wieder das Land verlassen müssten, sei "ekelhaft".

Der Domplatz von Magdeburg, einige Stunden später. Die AfD demonstriert gegen das "Asyl-Chaos", rund 1500 Sympathisanten sind gekommen. Etwa 350 Gegendemonstranten pfeifen die AfD-Menge aus.

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Es gibt Bratwurst, Bier und krude Thesen. "Das deutsche Recht ist außer Kraft, bald ist Allah an der Macht", steht auf einem Transparent. Oliver Kirchner, AfD-Kandidat für den Landtag, bepöbelt Herbst und Fietzke vom Podium aus als "Gesinnungsfaschisten". Ein Mann mit dunkler Daunenjacke, Mütze und Deutschlandfahne zeigt den Gegendemonstranten zwei Mittelfinger.

Der Dompfarrer lässt die Glocken läuten, immer wieder, um die AfD-Leute zu übertönen. Das Licht in der Kirche hat er ausgeschaltet. Es ist dunkel jetzt in Magdeburg.

Grafik: Patrick Stotz

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