Mahnwache für Hund Chico "Unser Held, unser Freiheitskämpfer"

Rund 80 Menschen haben in Hannover eine Mahnwache für Chico abgehalten, den eingeschläferten Staffordshire-Terrier-Mix. Wer zündet Kerzen an für einen Hund, der zwei Menschen tötete? Ein Ortstermin.

Ricardo Nunes

Von und Ricardo Nunes (Fotos) 


Guillermo Schwiete zieht noch einmal an seiner Zigarette, dann stapft er vor die verschlossenen Türen des Veterinäramts Hannover, greift zum Mikrofon und lässt seiner Wut freien Lauf. "Die Zeit des Redens ist vorbei", ruft Schwiete, "wir fordern den Rücktritt aller Beteiligten." Die Menschen klatschen, Schwiete reckt den Arm hoch und brüllt: "Für uns ist Chico unser Held, unser Freiheitskämpfer, unser Chico Guevara." Schließlich dreht er sich um und spuckt auf den Boden vor dem Amt. Wieder Beifall, eine junge Frau sagt: "Das tut so gut, das rauszulassen."

Schwiete hat die "Mahnwache für Chico" angemeldet, rund 80 Menschen sind gekommen und gedenken des eingeschläferten Staffordshire-Terrier-Mixes an diesem sonnigen Nachmittag in Hannover. Es ist der vorerst letzte Akt eines bemerkenswerten Dramas.

Am 4. April tötete Chico seinen 27-jährigen Halter und dessen 52-jährige Mutter, die im Rollstuhl saß. Der Fall sorgte bundesweit für Schlagzeilen, einerseits wegen der Versäumnisse der Stadt Hannover - andererseits wegen der Solidarität mit Chico. Knapp 300.000 Menschen unterzeichneten eine Onlinepetition und forderten: "Lasst Chico leben!" Ihre Forderung blieb unerhört, Chico wurde eingeschläfert. "Chico - Ermordet am 16.04." steht auf einem der Plakate vor dem Veterinäramt.

Was bewegt die Leute, die Kerzen anzünden für einen Hund, der zwei Menschen getötet hat?

Fotostrecke

12  Bilder
Mahnwache für Chico: Wut, Misstrauen, Unverständnis

"Wir wollen dem Hund die letzte Ehre erweisen", sagt Sebastian Glaubitz. "Und natürlich den beiden Verstorbenen." Glaubitz ist ein stämmiger Mann mit vielen Tattoos, auf seinem T-Shirt prangt ein "#freechico"-Schriftzug. Schwiete hat die Mahnwache angemeldet, Glaubitz hat sie organisiert. Die Kritik an ihrem Engagement können die Organisatoren nicht nachvollziehen. "Kein Mensch hier würde sagen, die Kinder in Afrika interessieren uns nicht", sagt Schwiete. "Wir haben genug Empathie, aber wir können doch nicht für alle etwas tun."

Sebastian Glaubitz fühlt sich von der Stadt Hannover getäuscht. Zwischenzeitlich hatten die Behörden erwogen, Chico doch nicht einzuschläfern, sondern ihn in eine Spezialeinrichtung zu bringen, etwa auf einen Gnadenhof. "Das Volk", sagt Glaubitz, sei damit bloß ruhiggestellt worden. Die Einschläferung kam für ihn überraschend. "Das war von vornherein geplant."

Video zur Mahnwache: "Er ist unser Chico Guevara"

Wie Glaubitz denken viele auf der Mahnwache, das Misstrauen gegenüber den Behörden ist riesig, die Menschen fühlen sich übergangen. "Das Veterinäramt hat geschlampt", sagt Sonja Schmidt, sie ist mit ihrem Ehemann aus Osnabrück angereist und trägt ein weißes T-Shirt, darauf ein Regenbogen und die Aufschrift "Ruhe in Frieden Chico". "Der Hund ist nicht schuld", sagt sie, "der ist erst von Menschenhand so geworden."

Schmidt hat vermutlich recht. Bereits 2011 hätte das Veterinäramt Hannover Chico aus der Familie nehmen müssen. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Unbekannt wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung. Damals waren Hinweise bei der Stadt eingegangen: Der Hund sei aggressiv, der Sohn als Halter ungeeignet. Offenbar lebte Chico in einem Metallkäfig und wurde nur selten ausgeführt.

"Wie der leben musste, ich könnte heulen", sagt Ilona Wortmeier-Arndt, eine hagere Frau mit kurzen grauen Haaren. "Ein Martyrium." Sie stelle die Tiere nicht über die Menschen, aber auf die gleiche Stufe. "Chico hätte in erfahrene Hände gemusst, den hätte ich auch nicht erziehen können", sagt die 62-Jährige. "Aber es hätte genug Möglichkeiten gegeben."

Die Verantwortlichen bei der Stadt Hannover sahen das offenbar anders: Der Hund könne nur in Isolation leben, hieß es. Zudem habe er schwere Verletzungen am Kiefer, die zahlreiche Operationen erforderten. "Unter Betrachtung der Gesamtsituation" sei daher die Entscheidung zur Einschläferung gefallen.

Erklärvideo Normalnull: So gefährlich sind Hunde

Die Protestierer sind sich einig: Es hätte Alternativen gegeben, zahlreiche Menschen hätten Chico aufgenommen, das Geld für die Operationen wäre durch Spenden zusammengekommen. Die offizielle Version nehmen einige Mahnwachenteilnehmer der Stadt nicht ab. "Das ist eindeutig Mord gewesen", sagt Andrea N., sie hat gerade das Schild eines kleinen Mädchens fotografiert, das in Begleitung zweier Männer gekommen ist: "R.I.P. Chico - Ermordet von Medien, Politik und Inkompetenz".

An dem Hergang des Vorfalls hat die 50-Jährige ebenfalls Zweifel, und auch damit ist sie an diesem Nachmittag nicht allein: "Ich sage, der Hund war's nicht." Auf Bildern habe sie kein Blut an der Schnauze gesehen und keines am Fell. Offenbar kursieren auch im Internet Verschwörungstheorien zu dem Fall, die Polizei Hannover warnte am Freitag auf Twitter vor "Behauptungen rund um den Fall Chico".

Und nun? Sebastian Glaubitz sitzt nach der Mahnwache auf einer Stufe vor dem Veterinäramt und schnauft durch. Er wolle bei Facebook aktiv bleiben, vielleicht folge auch noch die eine oder andere Mahnwache, sagt er. "Bis die Verantwortlichen vor Gericht stehen."

insgesamt 180 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
anna cotty 23.04.2018
1. Ich kann es nicht verstehen!
Da hatte ein Hund zwei Menschen getoetet und es wird diskutiert, ob er eingeschlaefert werden soll ? Und wenn er eingeschlaeftert worden ist, gibt es Proteste? Ob der Hund schuldig war oder nicht, er war gefaehrlich. Punkt. Ich liebe Hunde und Katzen usw. und wir haben immer mehrere Hunde. Aber die Sicherheit meiner Enkel waere mir immer wichtiger und wenn ein Tier aus irgendeinem Grund gefaehrlich und unberechenbar wuerde, haette ich es , ohne lange Ueberlegung, sofort einschlaefern lassen.
fisschfreund 23.04.2018
2.
Ok, wenn jemand einen Hund in einen Käfig sperrt und auch sonst sich nicht viel drum kümmert, muss er sich nicht wundern, wenn der Hund irgendwann richtig durchdreht. Mein Mitleid mit den toten Hundehaltern hält sich darum wirklich sehr in Grenzen. Auf der anderen Seite hoffe ich natürlich auch, dass die Leute, die Mahnwachen halten oder Internet - Petitionen für diesen chico unterschreiben, ab Montag auch mal im örtlichen Tierheim vorbeikommen, um einen Hund oder eine Katze da herauszuholen. Das machen diese Leute bestimmt, so als Tierfreunde.. Hust.
brick 23.04.2018
3. musst der Hund sterben?
Ich mag Tiere sehr gerne. Deswegen esse ich sie nicht und würde auch keinen Hund in einer Stadt halten, wenn ich keinen Garten hätte oder am Waldrand wohnen würde. Tiere sollten mit Respekt behandelt werden. Meiner Meinung nach sind es häufig die Menschen, die die Tiere falsch erziehen und behandeln. Einigen Hinweisen nach, war es auch in diesem Fall so. Letztendlich hat er zwei Menschen getötet. Von anderen Tierarten wie Löwen usw. habe ich gehört, dass wenn sie einmal einen Menschen angegriffen haben, dass sie dann die Hemmung verloren haben und es sehr wahrscheinlich ist, dass es wieder passiert. Wenn das bei Hunden ähnlich ist, kann ich es prinzipiell verstehen, dass Hunde nach Verletzungs oder Tötungsvorfällen eingeschläfert werden. Ob es in diesem Fall nötig war kann ich nicht beurteilen. Ich hoffe allerdings, dass es gründlich abgewogen wurde. Dass auch überlegt wurde ihn nicht einzuschläfern, spricht ja dafür, dass es nicht unüberlegt geschah. Ich vermute, da dieser Vorfall sehr emotional aufgenommen wird, dass für die Menschen etwas anderes dahinter steht. Vielleicht lieben sie ihr eigenes Tier sehr und möchten, dass es als ein würdiges Wesen angesehen wird. Gerne würde ich von den Menschen hören was für sie persönlich dahinter steckt.
j_stiebel 23.04.2018
4. Im öffentlichen Raum: Große Hunde ohne Tragens eines Maulkorbes ...
... und Vermenschlichung von (Kampf)Hunden. Mit diesen Leuten, die auf den Fotos abgebildet sind, gemeinsam demonstrieren? - Nie und nimmer! Haben dieselben Leute je gegen die Kasernierung von Schwerst(mehrfach)behinderten je in ihrem Leben sich eingesetzt? Und gegen die Kasernierung von Alten? So, wie die Demonstrant/innen ausschließlich pro gebissen habenden Kampfhund in Hannover aufgetreten sind, wird von denen allesamt Singer und Kuhse zu Munde und der Vernutzung von Menschen (nur 'leistungsfähige', 'Leistung bringende' Menschen sind was wert) das Wort geredet. Pfui!
donaldd. 23.04.2018
5. Solche militanten Tierschützer
machen mich wirklich wütend. Ich wohne in Rüsselsheim wo vor gar nich allzu langer Zeit zwei Stafford Terrier von der Polizei erschossen wurden. Beide Tiere hatten zwei mal gebissen und marodierten durch die Innenstadt, einen Steinwurf von einer Grundschule entfernt. Die Beteiligten Beamten wurden bedroht, Demonstrationen wurden abgehalten und genau die selben kruden Argumente vorgetragen. Ich liebe Hunde und verachte solche Soziopathen mit Tierschutzanstrich
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.